Viva la Vagina!
Alles über das weibliche Geschlecht

von Nina Brochmann, Ellen Støkken Dahl

€ 17,50
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Illustrationen: Hanne Sigbjørnsen
Übersetzung: Nora Pröfrock
Übersetzung: Ina Kronenberger
Verlag: S. FISCHER
Format: Taschenbuch
Genre: Ratgeber/Lebenshilfe, Alltag/Partnerschaft, Sexualität
Umfang: 400 Seiten
Erscheinungsdatum: 22.02.2018

Rezension aus FALTER 10/2018

Viva la Vaginissima

Worte haben Macht. Warum heißt die Schamlippe Schamlippe? Warum das Jungfernhäutchen Jungfernhäutchen? Und wieso sprechen wir überhaupt von „Vagina“ oder „Scheide“? Ein Blick zurück erklärt es. „Vagina“ heißt im Lateinischen Hülle oder Scheide. Also jenes Stück einer Rüstung, in das der Mann sein Schwert steckt. Aus Sicht eines Anatomen im 16. Jahrhunderts war es wohl naheliegend, den kräftigen, feuchten Muskelschlauch zwischen den Beinen der Frau so zu taufen. Die Frauenbewegung war noch nicht erfunden, Frauen als Ärzte undenkbar, und die Vagina war eben nur ein Loch, eine weitere Körperöffnung, wie geschaffen dafür, das männliche Prachtstück aufzunehmen.
Von der „Scheide“ ist es nicht weit zum „Jungfernhäutchen“, jenem mythenumrankten Stückchen Haut, das nach wie vor auf der ganzen Welt als Inbegriff weiblicher Ehre missverstanden wird. Wie ein Siegel soll es demnach die Scheide der Frau verschließen. Und Bluten soll die Frau beim ersten Mal; tut sie es nicht, sei sie keine Jungfrau gewesen. Nichts davon ist wahr. Weder ist das Häutchen dicht, noch gehört das Bluten automatisch zur „Defloration“, wie das erste Mal altertümlich heißt. Als wäre die Frau eine unschuldige Blume, der man beim Geschlechtsakt ihre Blüten abreißt.

Und die „Schamlippen“? Wieso brauchen die kleinen und großen Lippen, die empfindsamsten und empfindlichsten Körperteile der Frauen, das Präfix „Scham“? Natürlich, weil sich die Frau für das, was sie zwischen ihren Beinen hat, ihrer Lust und ihrer Sexualität zuerst einmal genieren soll.
„Fast könnte es so aussehen, als hätten Männer quer durch verschiedene Kulturen und Epochen die Köpfe zusammengesteckt und nach Methoden gesucht, um die Sexualität der Frau und ihre Selbstbestimmung über den eigenen Körper zu begrenzen und zu kontrollieren“, schreiben die Norwegerinnen Nina Brochmann und Ellen Støkken Dahl in ihrem soeben auf Deutsch erschienenen Handbuch „Gleden med Skjeden“ („Vergnügen mit der Vagina“, in der deutschen Übersetzung wurde daraus „Viva la Vagina“).
Es ist schon paradox. Dank der vielen Biologinnen, Chirurginnen, Gynäkologinnen, Kulturwissenschaftlerinnen und Soziologinnen, die sich seit den 1970er-Jahre im Zuge der zweiten Frauenbewegung in vormals „männlichen“ Forschungsgebieten etabliert haben, wissen wir so viel wie noch nie über die weibliche Anatomie und ihre Funktionen. Sexualaufklärung ist fester Bestandteil des Biologieunterrichts. Oder sollte es zumindest sein. Pornografie ist allgegenwärtig, die Jugendkultur ist stark ­sexualisiert. Gleichzeitig – oder vielleicht gerade deswegen – fehlt es immer noch an fundiertem, feministischem Wissen über den weiblichen Körper.
„Wir wissen eine Menge über die weiblichen Körper. Allerdings ist die Frage, wer ist dieses ‚wir‘?“, fragt die Münchner Soziologin Irene-Paula Villa. Villa ist eine Koryphäe der Geschlechterforschung, ihr Spezialgebiet ist Körpersoziologie. Die Frauengesundheitsbewegung verändert und verbessert den Wissensstand in den USA und in Deutschland massiv. „Aber tatsächlich ist das – vor allem realistische – Wissen zum weiblichen Körper sehr ungleich, je nach Milieu, Alter, Region. Viele Frauen und auch viele Männer wissen nach wie vor erstaunlich wenig“, erklärt Villa.
Mainstream-Pornografie, für viele Jugendliche heute Aufklärungsort erster Wahl, hilft dabei auch nicht weiter. Es zeigt Frauen, ganz klassisch und patriarchal, als Körper mit verschiedenen Öffnungen, in die Männer etwas hineinstecken können, und die alleine dadurch große Lust empfinden.

Die „Viva la Vagina“-Autorinnen Brochmann und Dahl hatten schon als Medizinstudentinnen eines der erfolgreichsten Blogs Norwegens gestartet, in dem es um Sex, Sexualität und Aufklärung ging: „Underlivet“ (Unterleib). Und obwohl das skandinavische Land zu den fortschrittlichsten und entspanntesten gehört, was Geschlechterfragen und Gleichberechtigung angeht, sahen sich Brochmann und Dahl mit haarsträubenden Fragen konfrontiert. Da ging es zum einen um Anatomie, um „grundlegende Dinge, die wir für Lernstoff der Mittelstufe gehalten hatten“. Zum anderen um Unsicherheit und Leistungsdruck. Vor allem aber Frauen wendeten sich an die beiden, weil sie irritiert waren, ob das, was sie erleben, wie sie aussehen, wie sie funktionieren, „normal“ und „in Ordnung“ sei.
„Viva la Vagina“, entstanden aus diesem Blog, ist auf dem besten Weg, zum zeitgenössischen feministischen Klassiker zu werden. Zu Recht. Denn so selbstverständlich, einfach und witzig, wie Brochmann und Dahl den Stand der wissenschaftlichen Forschung zusammenfassen, gleichzeitig mit klarem feministischem Blick, gehört es ins Bücherregal eines jeden Teenagers – egal ob Frau oder Mann.
Gut möglich, dass im elterlichen Bücherregal im Zimmer nebenan schon ein paar andere feministische Aufklärungsklassiker stehen. „Unser Körper, unser Leben“ aus den 1970er-Jahren etwa, eine echte Generationenbibel, im Eigenverlag herausgegeben, geschrieben von Frauen, die in Selbsterfahrungsgruppen zusammenfanden und ein neues, selbstbestimmtes Körperbewusstsein schufen. Gegen eine männlich dominierte Gynäkologie, gegen ein Eherecht, das die Frau verpflichtete, ihren Mann um Erlaubnis zu fragen, wenn sie arbeiten gehen wollte, und natürlich für das Recht auf Abtreibung.
Aber „Viva la Vagina“ steht auch in der Tradition des „Femalismus“, einer nicht ganz unumstrittenen Bewegung, die Anfang der 2000er-Jahre nach der besonderen Natur der Frau suchte und sie aus evolutionsbiologischer Sicht zum eigentlich stärkeren Geschlecht erklärte. Dazu gehören etwa der Bestseller „Frau. Eine intime Geographie des weiblichen Körpers“ der Pulitzer-Preisträgerin Natalie Angier. Umstritten war dieser Ansatz deswegen, weil er einer anderen feministischen Bewegung reinpfuschte, die sich bemühte, Geschlecht als gesellschaftliches Konstrukt, als „Gender“ zu etablieren. Judith Butlers Epigoninnen konnten mit Angiers biologistischer Frauentümelei wenig anfangen, selbst wenn ihre Hymnen auf den Eierstock, die Gebärmutter oder die Brüste äußerst packend zu lesen waren und sind.
Brochmann und Dahl knüpfen gleichzeitig auch an die feministische Kulturwissenschaft an, die den männlichen Blick auf den weiblichen Körper über die Jahrhunderte hinweg schildern – und anprangern, wie etwa Mithu M. Sanyals sehr lesenswerte Kulturgeschichte der Vulva zeigt. Sie schamlos-fröhlich zu zeigen war in alten Kulturen ein Zeichen von Macht und Zauber. Das Heben der Röcke schlug böse Geister in die Flucht und brachte die Saat zum Keimen.
Streng genommen haben die beiden norwegischen Medizinerinnen – die eine ist Ärztin, die andere studiert noch – also gar nichts Neues entdeckt oder beschrieben. Aber ­offenbar verfängt sich feministisches Wissen über den weiblichen Körper und seine ­Sexualität nicht so recht und muss von ­Generation zu Generation neu entdeckt werden, damit es irgendwann einmal endlich Standard wird.

In der Geschichte der Frauenbewegung geht das Wissen über den eigenen Körper, das Recht, selbst über ihn zu verfügen, immer einher mit der Forderung nach gesellschaftlicher Macht. „Kontrolle über den weiblichen Körper war immer auch eine Herrschaftsfrage“, sagt Villa. Weibliche Körper gelten historisch als „Gemeingut“, als Objekt von Moral, Recht und Wissenschaft; aber nicht unbedingt als Teil der weiblichen Person selbst, nicht als etwas, über das die jeweilige Frau selber verfügen kann und soll.
Kontrollierte früher der Mann den weiblichen Körper, so sind es heute die sozialen Medien. Aufs Patriarchat folgte gewissermaßen die Herrschaft der Pornografie, und meistens existieren sie leider auch noch nebeneinander. Villa: „Heute ist das Wissen über den weiblichen Körper stark mediatisiert, speziell digitale und soziale Medien sind die wesentlichen Modelle und Orte des Wissens über den weiblichen Körper. Dort können sich zwar potenziell alle austauschen und informieren, tatsächlich ist das Netz stark kommerzialisiert und pornografisiert. Der weibliche und zunehmend auch der männliche Körper werden so übersexualisiert und kommerzialisiert, dass es schon wieder schamhaft ist, über den eigenen Körper zu sprechen. Unbefangenheit und Neugier sind überschattet von Porno und Optimierungsdruck. Gerade für junge Menschen ist es daher schwierig, sich ein realistisches Bild vom Körper zu machen, vom weiblichen und männlichen.“ „Alles Wissen ist nur einen Tastendruck entfernt“, schreiben Brochmann und Dahl. „Gleichzeitig sieht es nicht so aus, als hätte diese Offenheit uns sicherer gemacht, ganz im Gegenteil.“ Sie plädieren für ein „neues Wirklichkeitsverständnis“ von, wie sie es nennen, „ganz gewöhnlichen Sexleben“ – abseits von multiplen Orgasmen und dauergeilem Sex.
Aber was lernen Teenager eigentlich heute über den weiblichen Körper in der Schule? Wie viel feministisches Anatomiewissen ist in die Biologiebücher eingeflossen? Nehmen wir die Klitoris als Beispiel, das „Rosinchen“, wie Brochmann und Dahl sie in ihrem Buch liebevoll nennen.

Längst ist die Klitoris nicht mehr nur ein „Knopf“, den es zu drücken gilt, und die Frau kommt zum Orgasmus. Längst ist auch Sigmund Freuds These vom „reifen“ vaginalen Orgasmus der erwachsenen Frau, der dem „unreifen“ klitoralen des jungen Mädchens vorzuziehen ist, widerlegt. Sie hat eine ganze Frauengeneration zurückgeworfen. Männer konnten mit Freud im Rücken behaupten: Selber schuld, wenn du nicht kommst, wenn ich ganz normal mit dir schlafe. An meinem Können als ­Liebhaber liegt es nicht, musst halt mehr an dir arbeiten! Dann kam die Hochstilisierung der Klitoris zum erotischen Lustorgan. Porno-Klassiker wie „Deep Throat“ persiflierten diesen Trend. Die Klitoris der Hauptfigur Linda liegt in der Kehle statt der Vulva, deswegen kommt sie nur durch Oralsex zum Orgasmus.
Bei Brochmann und Dahl lässt sich die Wahrheit nachlesen: dass die kleine, sichtbare Klitoris mit ihren beiden bis zu zehn Zentimeter langen Schwellkörpern links und rechts der Vagina nur „die Spitze eines Eisberges“ ist. Dass diese innere Klitoris ein im Unterleib weitverzweigtes Organ voller Nerven ist, das auf viele Arten stimuliert werden kann und „alles übertrifft, was man sich nur vorstellen kann“. Brochmann und Dahl räumen einmal mehr auch mit dem irreführenden Mythos des „G-Punkts“ auf. Er kann, muss aber nicht jene besonders sensible Stelle sein, an der sich die innere Klitoris an die Scheidenwand schmiegt. So verschafft er manchen Frauen allein durch Penetration einen Orgasmus, für alle anderen empfehlen die beiden Norwegerinnen eine Abwandlung der Missionarsstellung für „ihr“ Kommen: die Coital Alignment Technique (CAT).

Seltsamerweise findet sich in den gängigen Biologiebüchern für Viertklässler in Mittelschulen und Gymnasien nichts zur inneren Klitoris. Wie vor 30 Jahren lernen die Schülerinnen und Schüler zwar über den Penis, seine Eichel und den dazugehörigen Schwellkörper, aber nichts über die entsprechenden Organe der Frau. Die Frau ist nach wie vor ein Körper mit einem Loch zwischen den Beinen und einem kleinen Lustknopf darüber. Es findet sich auch nichts Ausführliches über das Hymen, das Jungfernhäutchen. Dabei wäre es gerade für Schüler und Schülerinnen, deren Eltern nicht die von der Soziologin Villa erwähnte Frauengesundheitsbewegung in Mitteleuropa durchlebt haben, wichtig zu wissen, dass es mal zerfranst, mal gar nicht vorhanden und mal voller Löcher sein kann, niemals aber „intakt“ – und somit auch kein Beweis für Jungfräulichkeit.
Selbst Brochmann und Dahl mussten lange suchen, bis sie verlässliche Informationen zum Hymen fanden. In den gängigen gynäkologischen Lehrwerken ihres Medizinstudiums wurde es nur am Rande erwähnt. Erst Forensiker, die Vergewaltigungen bei Kindern untersucht haben, konnten belegen, dass 95 Prozent der Mädchen, die penetrativ missbraucht wurden, immer noch ein intaktes Hymen hatten.
„Es ist haarsträubend, dass sich Mediziner bisher so wenig für eine Struktur interessiert haben, die für moderne Frauen schlimmstenfalls den Verlust der Ehre oder gar den Tod bedeuten kann. Noch ärgerlicher, dass die vorhandenen Informationen nicht zu denen vordringen, die sie benötigen. Hier wartet auf uns alle eine große Aufgabe!“, schreiben sie empört.
Nicht nur hier warten große Aufgaben. Im Norwegischen gibt es schon seit einiger Zeit ein neues Wort für die „skamlepper“, die Schamlippe. Sie wird jetzt mehrheitlich „kjønnslepper“ genannt, was übersetzt so viel wie „Geschlechtslippe“ heißt. Nur alte konservative Männer verwenden „­skamlepper“ noch, aber die finden sicherlich auch immer noch, dass sich Frauen ihrer Sexualität und Lust schämen sollen. Wörter haben eben Macht und das Wissen darüber erst recht.

Barbaba Tóth in FALTER 10/2018 vom 09.03.2018 (S. 40)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Vulva (Mithu M. Sanyal)

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