SACHBUCH-BESTENLISTE Oktober 2018

Retroland
Geschichtstourismus und die Sehnsucht nach dem Authentischen

von Valentin Groebner

€ 20,60
Lieferung in 2-7 Werktagen

Verlag: S. FISCHER
Format: Taschenbuch
Genre: Reisen/Reiseberichte, Reiseerzählungen
Umfang: 224 Seiten
Erscheinungsdatum: 22.08.2018

Rezension aus FALTER 41/2018

Die Erfindung der Authentizität und der Altstadt

Kulturgeschichte: Valentin Groebner folgt den Authentizitätsversprechen des Geschichtstourismus vom Mittelalter bis heute

Wer war der erste Tourist? Gemeinhin wird die Geburt des „modernen“ Fremdenverkehrswesens auf die Mitte des 19. Jahrhunderts datiert. Für Valentin Groebner geht es aber bereits im Spätmittelalter los. Weil für christliche Pilger eine Wallfahrt ins Heilige Land immer gefährlicher wurde, kamen pfiffige Mönche in Norditalien auf die Idee, in ihren Klöstern die biblischen Stätten einfach nachzubauen. „Sacri Monti“ heißen jene Ensembles von Kapellen, in denen etwa der Besuch der Heiligen Drei Könige und das Heilige Grab bildmächtig nachgestellt werden: zum Anbeten, aber auch zum Anfassen. Der große Andrang der Gläubigen löste einen Kapellenbauboom aus.

Zentrale Merkmale des Tourismus, das Anwerfen einer Bildermaschine, das Versprechen des Authentischen („echte Nachbildungen“), das bewusste Produzieren von „unvergesslichen“ Erinnerungen, das „persönliche“ Eintauchen in Geschichte – all diese Elemente findet Groebner schon an der Schwelle zur Neuzeit.

Tourismus als Gegenstand kulturwissenschaftlicher Analyse hat derzeit Konjunktur. Marco d’Eramos „Die Welt im Selfie“ (2018) etwa zeigt eindrücklich die verheerenden Folgen des Massentourismus. Groebner interessiert sich in „Retroland“ für etwas anderes, für „Geschichtstourismus und die Sehnsucht nach dem Authentischen“, so der Untertitel.

Groebner ist Mediävist und läuft zu großer Form auf, wenn er die Mittelalterbegeisterung des 19. Jahrhunderts erklärt, etwa am Beispiel Luzerns. Der „mittelalterliche Stadtkern“, den wir heute in vielen Städten bewundern dürfen, ist in aller Regel eine Konstruktion des 19. Jahrhunderts – und das ist nun keinesfalls metaphorisch gemeint. Einerseits konnte es den Luzerner Bürgern nicht schnell genug gehen, Stadtmauern und -türme abzureißen und rabiat enge Gässchen zu verbreitern, um der Stadt ein modernes Antlitz zu verpassen.

Selbst die heute so berühmte Kapellbrücke wurde verkürzt. Anderseits erwachte aber ein historisches Gespür für die eigene Geschichte und damit das Gefühl eines unwiederbringlichen Verlusts, gerade auch im Zusammenhang mit dem beginnenden Tourismus am Vierwaldstätter See. Denn die immer zahlreicher werdenden Besucher verlangten nach „Authentischem“.

Groebner konstatiert ein scheinbares Paradox: „Je schneller Luzern sich modernisierte, desto historischer wurde seine Altstadt.“ Das 19. Jahrhundert erfindet sich sein eigenes, zauberhaftes Mittelalter – Stichwort: Neuschwanstein –, und das prägt unser eigenes Bild bis heute. Die berühmten Dämonenskulpturen, die die Außenfassade von Notre-Dame in Paris zieren, stammen aus den 1840er-Jahren – inspiriert von Victor Hugos „Der Glöckner von Notre-Dame“.

Nicht alles ist neu an diesem Buch. „Retroland“ ist auch nicht frei von Wiederholungen, wohl auch, weil einige der Kapitel schon zuvor als eigenständige Aufsätze publiziert worden sind. Und auch wenn Groebner grob chronologisch vorgeht, von den Sacri Monti bis zu den weißen Sandstränden im Reisekatalog von heute, kreist seine Argumentation doch immer um dieselben Themen: Geschichte als Performance und pittoresker Erlebnispark, als persönliche Aneignung historischen Materials, das sich als unendlich formbar erweist, als ewiges Versprechen auf authentisches Erleben, das sich bei näherem Hinsehen als durch und durch konstruiert erweist. Seine Beispiele sind eher zufällig gewählt, wie Groebner freimütig zugibt. Sie entstammen seinen persönlichen Vorlieben und Lektüren, seinem Wohnort (er ist Professor in Luzern) und seinen bevorzugten Reisezielen.

„Retroland“ glänzt eher durch die Fülle an witzigen Details, gut erzählte kleine Geschichten und pointierte Formulierungen als durch eine systematische Analyse. „Die unberührte Idylle von früher, die (...) so viele Reisende so schmerzlich vermissen, hat es nur im Nachhinein gegeben.“ Groebners Begriff des Geschichtstourismus bleibt letztlich schwammig. Viele seiner Beispiele haben eher mit der Konstruktion nationaler Identitäten zu tun als mit selfiesüchtigen Touristen, die sich gezielt auf die Suche nach künftigen Erinnerungen machen. Groebner zeigt, wie die „Erfindung von Traditionen“ den Schweizern und anderen Nationen zur kollektiven Selbstvergewisserung dient, die stets neu mit Leben zu füllen ist.

Zu diesen Ursprungsgeschichten zählt das aufwendige Nachstellen „historischer“ Schlachten am „Originalschauplatz“, auch wenn man etwa über die Schlacht von Morgarten von 1315 praktisch nichts Gesichertes weiß. Auch streift der Autor nicht nur durch die Jahrhunderte, sondern auch durch die Gegenwart, kraxelt die Alpen hoch und runter, wandelt an Mittelmeerküsten entlang und genießt die Traumstrände Sri Lankas.

Er zeigt, dass der Tourismus überall Sehnsuchtsorte und -landschaften produziert (das „Paradies“), immer wieder mit dem Authentischen lockt, das nun endgültig am Verschwinden sei. Aber fällt alles dies unter „Geschichtstourismus“? Oder ist das nicht einfach nur Tourismus? Sei’s drum. Das intellektuelle Lesevergnügen wird durch die mangelnde Begriffsschärfe kaum beeinträchtigt. Groebner schreibt unterhaltsam, anschaulich und auch persönlich.

Zwar stellt sich mitunter ein ironischer Unterton angesichts der absurd anmutenden Verheißungen der Tourismusindustrie wie von selbst ein, Groebner macht sich aber bewusst nicht lustig über die Endlosschleife vermeintlich authentischer Inszenierungen. Jeglicher Überlegenheitsdünkel sei fehl am Platz, mahnt er. Nur wenn man all die Geschichtsklitterungen und -erfindungen ernst nimmt, werden die Sehnsüchte des Touristen sichtbar, so trivial die auch sein mögen. Wir leben alle in Banalistan.

Oliver Hochadel in FALTER 41/2018 vom 12.10.2018 (S. 41)


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