Flammenwand.
Roman mit Anmerkungen.

von Marlene Streeruwitz

€ 22,70
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Verlag: S. FISCHER
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Umfang: 416 Seiten
Erscheinungsdatum: 22.05.2019


Rezension aus FALTER 23/2019

Schießt die Deppen in den Wind!

Tolles Timing: Pünktlich zur Implosion von Türkis-Blau erscheint Marlene Streeruwitz’ Abrechnung „Flammenwand“

Der Korruptionsjäger Gustav ist zwar impotent, dafür kann die Sprachlehrerin Adele mit ihm über Binnen-I und Holocaust sprechen. „Sie hatte nie bisher solche Nähe. Gehabt. Erlebt.“ Die Wienerin hat ein Karenzjahr genommen und ist ihm nach Stockholm gefolgt, um dem Rechtspopulismus zu Hause zu entkommen. Doch es ist ihr kein richtiges Leben im falschen vergönnt. Wenn sie an die Wiedereinführung der Schulnoten denkt, kommt ihr in Anbetracht dieser „Verachtung des Staates den Kindern gegenüber“ auch in Schweden das Kotzen. Und der lendenlahme Gustav schafft es, Adele sowohl die Schuld für sein Ungenügen zuzuschieben, als auch sie zu betrügen.

Ihr Liebeswahn schmerzt genauso wie die Erinnerungen an die Kindheit im postfaschistisch-katholischen Elternhaus, wo sie die Züchtigung des Bruders mit flehenden Bitten zu begleiten hatte, aber zu unbedeutend war, um selbst mit der Rute „herangenommen“ zu werden. Sie ist heute zwar so weit, Herrenliteratur von Doderer und Zweig ins Altpapier zu werfen, versagt sich aber anorektisch das Essen, um schön zu sein für Gustav.

Plotgesteuert ist die „Flammenwand“ nicht. An diesem Spätwintertag wartet Adele auf sein SMS, als wäre sie 15 und nicht 52, taumelt als Roma-Frau verkleidet durch die Stadt und rechnet ab, jedoch nur im Geiste.

Nicht von ungefähr widmet Streeruwitz den Roman Adèle Hugo, der jüngsten Tochter des Großschriftstellers, deren Talent als Autorin unbeachtet blieb. Drei Jahre war sie einem Mann gefolgt, der ihre masochistische Liebe nicht erwiderte; die Amour fou endete in der Anstalt. Der Titel entstammt der „Göttlichen Komödie“, in der Feuer das Paradies umgrenzt. Adele steht sich bei der Erlösung selbst im Weg und verharrt im Purgatorium, auf dass es die Schlacken der Rollenklischees verbrenne.

Die Entscheidung zwischen Kunst oder Engagement verweigert Streeruwitz seit jeher. In der „Flammenwand“ wahrt sie die Balance zwischen Poetik und Politik zumeist. Von Bedeutung ist der Apparat mit Anmerkungen. Darin protokolliert Streeruwitz kapitelweise die tagesaktuellen Streiche der türkis-blauen Regierung zwischen März und Oktober 2018. Wie viele davon Gelegenheit für einen Misstrauensantrag geboten hätten! Die Masse der Einzelfälle etwa, oder dass das Bundesamt für Verfassungsschutz unmittelbar vor seiner Zerstörung gegen FPÖ-Mitglieder wegen mutmaßlicher russischer Millionenkredite ermittelt hat.

Auch der fiktionale Teil liest sich nicht gerade belletristisch. Wir verstehen: Adeles Krise ist eine Krise der gegenwärtigen Verhältnisse.

Ihre Sehnsucht nach Unverzichtbarkeit in der Liebe entspricht der Angst der Marginalisierten vor der „Umvolkung“. Wenn sie über den Dachbodenausbau zu Hause in Wien nachdenkt, gelingt es Streeruwitz auf kaum zwei Seiten, den wahren Bevölkerungsaustausch zu beschreiben: Die neoliberalen Jünger des „Kinderkanzlers“ gentrifizieren nicht nur die Stadt, sondern gleich die ganze Republik und werden von ihren Opfern im Herbst wahrscheinlich wieder gewählt.

Die Lektüre der „Flammenwand“ soll und muss anstrengen, auch wenn sich realiter nun vorläufig ein Happy End eingestellt hat.

Streeruwitz’ mitunter redundante Gliedsatzenthaltung ist stilprägend. „Wieso hatte sie nicht gerufen. Seinen Namen. Laut. Erschallen lassen. Er war nicht mehr zu sehen.“ Was tatsächlich hemmt, ist die nicht glückende empathische Transferleistung. Was will Adele von diesem blutleeren Typen?! Unangenehm fasziniert die Vielzahl der Romane, die ihre Leserinnen mit der Frage in Bann schlagen, warum die „Heldin“ den Schlappschwanz nicht schon viel früher stehen gelassen hat.

Wahrscheinlich ist es wie mit Österreich, das können wir jetzt auch nicht einfach in den Wind schießen.

Dominika Meindl in FALTER 23/2019 vom 07.06.2019 (S. 35)


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