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Kurzbeschreibung des Verlags:


Der Kieler Kulturphilosoph Ralf Konersmann zeigt: In der europäischen Geschichte waren Maß und Maße, Ethik und Technik, Moral und Wissen zwei Seiten ein und derselben Medaille. Es galt, sich nicht bloß hier oder da, sondern generell an das Maß zu halten – an das, was sowohl sachlich als auch sittlich geboten ist. Konersmann erzählt nun die große Ideengeschichte des Maßes: wie dieses Verhältnis wechselseitiger Bestätigung von Maß und Maßen einmal gedacht und gesichert war, unter welchen Umständen es dennoch zerbrach und welche Konsequenzen das Auseinandertreiben der vormals verbundenen Begriffswelten nach sich zog. Konersmann rückt den heute allgegenwärtigen Vormarsch des Messens, Zählens und Rechnens in eine genealogische Perspektive, durch die wir ihn erst wirklich verstehen – und unsere Gegenwart besser begreifen.

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FALTER-Rezension

Die Zahlen und der Nimbus der Unbedingtheit

Wissenschaftsgeschichte: Eine anspruchsvolle Kultur- und Ideengeschichte des Messens von Ralf Konersmann

Messen mit einem Maß wie einem Meterstab ist eine Technik, ein Maß wie die Mäßigung eine Tugend und Verhaltensvorgabe. Ralf Konersmann spürt in seinem neuesten Werk „Welt ohne Maß“ in acht Kapiteln der Ideen- und Kulturgeschichte dieses vielschichtigen Begriffs nach. Wie er das angeht, beschert uns mitnichten eine einfache, dafür aber eine das Denken ungemein anregende Lektüre. Konersmann lehrte an der Universität Kiel und leitete dort bis vergangenen März das Philosophische Seminar. Er hat über René Magritte und die Sichtbarkeit des Denkens publiziert, zuletzt erschienen „Die Unruhe der Welt“ (2015) und das „Wörterbuch der Unruhe“ (2017). In „Welt ohne Maß“ zeigt er auf, dass sich durch die Geschichte des Maßes wie ein roter Faden die Frage zieht: „Wer oder was steht ein für die Maßgeblichkeit des Maßes?“

Am Anfang stünde „das Vertrauen in die Seinsverbundenheit des Maßes“. Denn bei den antiken Autoren herrschte die Überzeugung, dass die Welt geordnet ist. In allen Dingen ist ein Maß, und weil der Mensch in dieses Gefüge eingebunden ist, sind ihm die Dinge zugänglich. „Das Maß“, so Konersmann, „von dem die griechischen und römischen Philosophen sprechen, ist der Schlüssel zur Welt. Das Maß bildet die verlässliche Klammer zwischen dem Ganzen der Welt und dem Aktionsraum des Menschen.“

Mit Beginn der Neuzeit werden überweltliche Autoritäten und die Vorstellung einer Welt als göttliches Schöpfungswerk hinterfragt. Mit der von Descartes angestoßenen Mathematisierung, schreibt Konersmann, „geht der Nimbus der Unbedingtheit an die Zahlen selbst über an das, was sich durch Zahlen ausdrücken lässt. Das Band zwischen qualitativen und quantitativen Bezügen riss, und die Maßethik, die einmal dem Weltverhältnis des Menschen Ausdruck verliehen und es getragen hatte, stand allein.“ In dieser Situation nimmt Hegel das Thema auf und versucht an der Schwelle zur Moderne noch einmal, die Kongenialität von Maß und Vernunft zu erweisen, was systematisch in seinem Buch „Wissenschaft der Logik“ aufgearbeitet ist.

Konersmann lotet das gesamte Umfeld des Maß-Begriffes aus und zeigt so seine zentrale Stellung und seine Unverzichtbarkeit auf. Ein Maß hat die Funktion, zwischen der Welt des Kosmos sowie der Natur und der Welt des Menschen zu vermitteln, dient also der Orientierung und ist deshalb allgegenwärtig. Um diesen Begriff in seiner Komplexität und Tragweite zu erfassen, muss uns insbesondere klar werden, dass nicht alles messbar ist.

Heute wird uns von der Wissenschaft vorgegeben, wie man sich ernähren soll, welche Kleidung zu tragen ist oder welche Reisewege umweltschonend sind. Man muss sich selbst gar nicht mehr darum kümmern, erhält finanzielle Anreize und wird auf den richtigen Weg gelenkt, womit Ethik zur Verhaltenssteuerung verkümmert.

Was kann man gegen solch krassen Reduktionismus tun? In einem Gespräch über sein Buch Ende August im Deutschlandfunk riet Ralf Konersmann, „dass wir die ursprüngliche Komplexität von Ethik, Ästhetik sowie Technikphilosophie oder Techniktheorie wiederherstellen sollten“. Nur so könne man der grassierenden Messwut begegnen, die alles quantisieren will und etwa zu einer Glücksforschung geführt hat, in der sogar das „Glück“ in ganzen Nationen gemessen wird. „Man macht Umfragen, ob die Leute glücklich sind“, moniert er, „klärt aber nie, was Glück eigentlich ist.“

„Für uns Heutige“, schließt Konermann seine Untersuchung, „ist noch gar nicht absehbar, welcher Text oder Gedanke, welcher Begriff oder Argumentationszusammenhang einmal von künftigen Generationen gesucht werden und ihnen aus welcher Verlegenheit auch immer heraushelfen wird. Daher der auf diesen Seiten getriebene Aufwand der Rekonstruktion. Es wäre schon viel erreicht, wenn es gelungen sein sollte, den Einsatz des Maßes zu verdeutlichen und es vor Verwechslungen mit Ersatzautoritäten zu bewahren, die das Themenfeld besetzt haben.“

André Behr in Falter 42/2021 vom 22.10.2021 (S. 47)

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Produktdetails
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ISBN 9783103974737
Ausgabe 1. Auflage
Erscheinungsdatum 25.08.2021
Umfang 320 Seiten
Genre Sachbücher/Politik, Gesellschaft, Wirtschaft/Politik
Format Hardcover
Verlag S. FISCHER
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