Misstrauen
Vom Wert eines Unwertes. [Was bedeutet das alles?]

von Florian Mühlfried

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Verlag: Reclam, Philipp
Format: Taschenbuch
Genre: Sachbücher/Philosophie, Religion/Philosophie/Antike bis Gegenwart
Umfang: 88 Seiten
Erscheinungsdatum: 15.02.2019


Rezension aus FALTER 20/2019

Warum zu viel Vertrauen die Demokratie gefährdet

Misstrauen ist derzeit keine Mangelware. Weltweit sinkt laut Umfragen das Vertrauen in Konzerne, Regierungen und Medien. Grund dafür sind die Skandale und Krisen der letzten zehn Jahre, von der Banken- und Finanzkrise über die Eurokrise und den Dieselskandal bis zur von Edward Snowden ausgelösten NSA-Überwachungsaffäre und der Flüchtlingskrise im Herbst 2015. Sie verhalfen rechten Parteien und expertenfeindlichen Bewegungen, denen es gelang, gezielt Misstrauen zu schüren und zu befeuern, zu Wahlerfolgen. Dieses Misstrauen gelte es zu überwinden und das Vertrauen der Bürger wiederzugewinnen, lautet das gängigste Gegenrezept, und eine Flut von Büchern unterstützt diese Agenda.

Nicht so Florian Mühlfried, der mit seinem Buch „Misstrauen. Vom Wert eines Unwerts“ eine Ehrenrettung des diskreditierten Begriffs versucht. Denn eine pauschale Problematisierung und Diskreditierung von Misstrauen, meint der Sozialanthropologe an der Universität Jena im Bereich Kaukasiologie, ignoriere ihr emanzipatorisches Potenzial. Mühlfried definiert Misstrauen als eine Haltung des Engagements, die das eigene Scheitern ins Kalkül zieht, alternative Handlungsoptionen erwägt und Vorkehrungen für den Ernstfall trifft. „Misstrauen verhindert Handlungen also nicht, sondern ist Arbeit.“

Historisch gesehen spielt es eine konstruktive Rolle in der politischen Kultur westlich geprägter Staaten. Die US-amerikanische Verfassung ist geprägt vom Misstrauen gegen die staatliche Einmischung in Privatangelegenheiten und gegen die Macht der Regierenden. Auch die Errungenschaften der Aufklärung – Gewaltenteilung, Pressefreiheit und zivilgesellschaftliche Checks and Balances – zeugen von der Skepsis gegen unkontrollierte Macht.

Jede gute Verfassung sei ein Akt des Misstrauens, konstatiert Mühlfried mit dem Staatstheoretiker Benjamin Constant (1767–1830). In der liberalen Tradition wird Misstrauen dabei als Herrschaftsregulativ wirksam, in der demokratischen gilt es als Instrument öffentlichen Drucks und in der revolutionären Tradition verfolgt es das Ziel der Überwindung herrschender Verhältnisse.

Zentripetales Misstrauen zielt, so Mühlfried, mithilfe von zivilgesellschaftlichen Kontrollorganen und NGOs wie Greenpeace oder Amnesty International, aber auch von Whistleblowern, auf eine Verbesserung der Gesellschaft, während das zentrifugale Misstrauen von mafiösen oder dschihadistischen Gruppierungen diese zu zerstören sucht.

Eindrucksvoll demonstriert Mühlfried das Potenzial und die Risiken von Misstrauen an der Doppelgesichtigkeit der georgischen Gastfreundschaft, der Atmosphäre des permanenten Misstrauens im Stalinismus oder der Begegnung mit dem Fremden in Alien-Filmen.

Sein schmales Buch stellt einen notwendigen Debattenbeitrag dar, denn es umreißt die demokratiepolitische Krux mit dem Misstrauen. Diese liegt darin, dass Regierungen naturgemäß Vertrauen einfordern, obwohl sie gut daran täten, meint Mühlfried, die konstitutive Rolle des Misstrauens für die Bewahrung und Stärke von Demokratien in Erinnerung zu rufen, denn Misstrauen fördert politische Teilhabe.

Ohne Misstrauen bleibt nur noch ein „totalitärer Raum politischer Herrschaft“ übrig, deswegen sieht Mühlfried die Warnungen vor Misstrauen als Teil einer Agenda, die auf die Restaurierung politischer Autorität aus ist.

Wir werden die Kulturtechnik Misstrauen noch brauchen, lautet sein Fazit: zur Kultivierung von Komplexität und als Mittel für die Wissensgewinnung.

Kirstin Breitenfellner in FALTER 20/2019 vom 17.05.2019 (S. 19)


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