Die schönsten Badeteiche in Wien und Umgebung

von Günther Walter, Arthur Hoffmann-Ostenhof

€ 14,85
Lieferung in 2-7 Werktagen

Verlag: Naturbaden Verlag
Format: Taschenbuch
Genre: Reisen/Reiseführer
Umfang: 156 Seiten
Erscheinungsdatum: 01.07.2015

Rezension aus FALTER 34/2018

Ein Volk von Nichtschwimmern

Natürlich will Elisabeth Kellner nicht, dass irgendjemand – egal, ob Kind oder Erwachsener – ertrinkt. Ganz im Gegenteil. Aber nach 34 Jahren im „Geschäft“ weiß sie nur zu genau, wie das Spiel mit der Aufmerksamkeit funktioniert: „Es müssten Kinder ertrinken. Dann kommt der Aufschrei. Danach passiert was.“ Ja, sagt die Wiener Landesreferentin für Rettungsschwimmen beim Österreichischen Jugendrotkreuz, der Gedanke sei brutal und zynisch. Nur: „Wir sind ratlos. Wir wissen nicht, wie wir die Leute erreichen können.“

Über das Jugendrotkreuz wird auch das Wiener Schulschwimmen koordiniert. Denn „Schwimmkompetenz“ steht auch in den Lehrplänen: In der dritten Klasse Volksschule kann demnach jedes Kind schwimmen. Steht auf amtlichem Papier.

Abgesehen davon, dass das viel zu spät ist, sieht die Wirklichkeit, mit der Elisabeth Kellner konfrontiert ist, anders aus: „Die Hälfte der Kinder kann schlicht und einfach nicht schwimmen. Keinen Meter. Fallen sie ins Wasser, geraten sie in Panik und gehen unter.“ Kellner legt nach: „Etliche Achtjährige waren noch nie im Wasser.“ Nein, beteuert sie, „das ist kein Scherz. Leider.“

Nichtschwimmen diskriminiert nicht: Es ist geschlechtsneutral und geht durch alle Schichten, Religionen und Ethnien. „Ziemlich gleichmäßig verteilt.“ Und das Schwimmenlernen sei – zumindest in Wien – kein kulturelles Problem, „weil Wien das Schwimmen mit Burkini Gott sei Dank erlaubt hat. Die Badehose eines 80-Jährigen ist vermutlich unhygienischer als der Burkini einer 14-Jährigen.“

Den Knackpunkt des Nichtschwimmens sieht die Vorschwimmerin auch gar nicht in der Schule, sondern daheim, bei den Eltern. „Wenn die nicht schwimmen können, gehen sie mit den Kindern weder ans noch ins Wasser.“ Das, weiß Kellner, sei zwar nicht neu, verschärfe sich aber. Weil Nichtschwimmen erblich ist: „Wir haben es mittlerweile schon mit einer Elterngeneration zu tun, die nie schwimmen gelernt hat.“

Wobei es da eine Unschärfe zu beachten gibt: Erlebnisbäder, Wasserrutschen und andere hippe Attraktionen mit Wasser-
Action sind nicht Teil des Themenkomplexes „Schwimmen“, sondern Konkurrenz. Und damit Teil des Problems: „Bei uns geht es nicht um Spaß und Action. Auch nicht um Sport: Schwimmen ist eine grundlegende Kulturtechnik. So, wie ich weiß, wie ich eine Straße sicher überquere, muss ich schwimmen können, wenn ich ins Wasser falle.“

Deshalb sei in der Ausbildung von Volksschul- und Kindergartenpädagogen und -pädagoginnen der „Helferschein“ (eine Vorstufe zum Rettungsschwimmer) verbindlich vorgeschrieben: Erstens aus Sicherheitsgründen. Zweitens, weil man ja mit den Kindern schwimmen zu gehen hat. Kellner nimmt diese Prüfung ab: „Bei einem der letzten Termine für Kindergartenpädagoginnen hatten wir 47 Kandidatinnen. Lediglich acht konnten 15 Minuten schwimmen.“ Und von denen schafften auch nur vier die nächste Hürde: einen Kopfsprung plus 15 Meter Streckentauchen. „Untertauchen ist für viele ein echtes Problem.“

Auch wenn das ein Polaroid und keine Studie ist, weiß die Wasserretterin: „Das ist die Realität.“ Realität ist aber auch, dass Kinder im Wasser anders „funktionieren“ als Erwachsene: Statt zu strampeln, zu schreien und alles zu tun, um mit dem Kopf über die Wasseroberfläche zu kommen, gehen sie unter. Bewegungslos. Still. Schnell. Das kindliche Reaktionsschema, der Instinkt, richtet den Fokus ausschließlich auf „Atmen“, nicht auf „Bewegen“.

Das macht Ertrinken zur zweithäufigsten kindlichen Unfalltodesursache. „Ertrinken passiert lautlos und innerhalb weniger Minuten“, warnt Holger Till, der Präsident des Komitees „Große schützen Kleine“. „Kinder darf man deshalb im Wasser nie aus den Augen lassen“, lässt der Vorstand der Grazer Universitätsklinik für Kinderchirurgie hier „keinerlei Kompromisse und Spielräume“ zu. Auch nicht, wenn sie sich die Schwimm-grundkompetenz schon angeeignet haben: „Sie sind im Wasser nicht sicher. Vor allem, wenn sie schwimmen im Schwimmbad gelernt haben und nun in einem See oder im Meer schwimmen.“

Diese permanente Aufsichtspflicht macht die Nähe zum Wasser für viele Eltern „unbequem“, weiß Harald Fritz: „Wenn das Kind am Spielplatz vom Klettergerüst fällt, schreit es. Im Wasser ist es einfach weg. Du musst immer voll da sein: ‚Fire & Forget‘? Ist nicht.“

Am Nordrand Wiens, im Bisamberger Berndlbad, bringen die Trainer seines Vereins „Ausdauercoach“ Kindern Sicherheit im Wasser bei. „Wer Kindern im Wasser zusieht, merkt: Anfangs schwimmen sie nicht, sondern tauchen. Weil Tauchen einfacher ist. Sie kommen nur zum Luftholen rauf.“ Einer der Tricks des Kinderschwimmens sei es, der Lust am Abtauchen die Sicherheit des Wiederhinaufkommens so zur Seite zu stellen, dass es zum Automatismus wird: „Schwimmen ist keine ‚Kann‘-Option, kein ‚Nice to have‘: Ich muss nicht Ski fahren können. Schwimmen schon.“ Der Maßstab sei längst definiert: „Der Freischwimmer: 15 Minuten.“

Je früher man schwimmen lernt, umso besser. Beginnend mit Babyschwimmkursen gibt es speziell in Wien Angebote zuhauf. Spätestens mit vier oder fünf Jahren, meint auch Peter Steiner von der Wiener Schwimmschule Steiner, sei es „an der Zeit, die Grundfertigkeit“ zu erlernen – speziell die Sommerzeit wäre dafür ideal.

Wäre. Denn obwohl der Familienbetrieb Steiner sich über 37 Jahre da als echte Instanz etabliert hat, gibt es just in den Ferien keine Kurse: Das Stadthallenbad, die „Hood“ der Steiners, ist bis Ende August geschlossen. Die fünf anderen Steiner-Locations sind teils urlaubsbedingt geschlossen. Oder aber man kann oder will dort im Sommer keine Ressourcen binden, sprich: Bahnen für Kurse blockieren. Dazu kommt die Wetterunsicherheit: „Reine Freibad-Kurse für Kinder sind wetterbedingt ein Roulettespiel“, bedauert Steiner.

Die städtischen Bäder aber gibt es. Und ihr Personal auch. Ein Großteil der Bademeister ebendort hat als „geprüfte Sportbadewärter“ (so lautet die offizielle Titulierung) auch die Befugnis, Schwimmkurse zu geben. Man gibt auch welche. Sieben Euro kostet eine 20-Minuten-Einheit. „Unsere Leute geben die Kurse seit ewig. Es hat sich nur nie herumgesprochen“, sagt Wiener-Bäder-Sprecher Martin Kotinsky.

Neu im Portfolio der Stadt-Schwimmstätten sind heuer aber spezielle Kinder-Schwimmkurse. Seit Sommerbeginn finden sie in etlichen Bädern statt: Neun Gruppeneinheiten à 50 Minuten kosten 100 Euro – inkludiert ist da auch der Eintritt einer Begleitperson. Das sei eine Idee von seinem Chef, Hubert Teubenbacher, gewesen, erklärt Kotinsky von der MA 44, „uns ist es nämlich nicht wurscht, dass so viele Kinder nicht schwimmen können: Viele Familien haben halt nur in den Ferien Zeit.“ Die Idee schlug ein: Die Sommerkurse sind ausgebucht, eine Fortsetzung oder Weiterführung im Herbst ist so gut wie sicher.

Elisabeth Kellner sieht derlei „mit großer Freude“, warnt aber gleichzeitig vor zu großen Erwartungen oder Euphorie: „Wir, also das Jugendrotkreuz, haben auch schon Kurse angeboten. Im ersten Jahr war das was Neues und ging dementsprechend gut. Im zweiten kam dann kein Kurs mehr zustande: Es gab zu wenige Anmeldungen. Schwimmen ist zu wenig Action, das interessiert einfach nicht. Darum ist Schulschwimmen ja so wichtig: 19.000 Schülerinnen und Schüler kommen pro Woche. Ob sie Sportschwimmer werden, ist da vollkommen egal: Hier geht es ums Überleben.“

Thomas Rottenberg in FALTER 34/2018 vom 24.08.2018 (S. 34)


Bitte warten...

Sie haben folgendes Produkt in den Warenkorb gelegt:

{{var product.name}}


weiter einkaufen
zum Warenkorb