Das große Boden-ABC
Praxisratgeber für Humusaufbau und Pflanzenglück. Die Revolution im Biogarten

von Angelika Ertl-Marko

€ 28,00
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Illustrationen: Marija Kanizaj
Illustrationen: Maria Zieger
Verlag: Oliva Verlag
Format: Hardcover
Genre: Ratgeber/Natur/Garten
Umfang: 184 Seiten
Erscheinungsdatum: 14.02.2019


Rezension aus FALTER 18/2019

Raus aus dem Pflanzengefängnis!

Warum Hobbygärtner zu viel Gift spritzen und wie sich das langsam ändert

Walter Wusche führt zwischen den Parzellen des Heimgartenvereins zu seinem Gartenstück. Häuschen, Hochbeete, Glashaus, alles tipptopp gepflegt. Die Hecken sind geschnitten wie Zinnen, kein Löwenzahn blitzt aus dem Rasen. Chemische Mittel verwende er aber nicht, sagt Wusche. Ausnahme: klassisches Schneckenkorn. Die Bio-Alternative habe nämlich nicht geholfen: „Da sind die Schnecken explodiert, als hätten sie eine Brettljause bekommen.“ Nun streut er wieder chemische Kugerln an den Rand der Parzelle, um die Viecher schon dort abzustoppen.

Walter Wusche ist Präsident des Landesverbands der Heimgärtner mit rund 3000 Mitgliedern. In seinem eigenen, nach ihm benannten Verein in Graz setzten die Leute Spritzmittel nur sehr sparsam ein, sagt er. Vor allem die Jungen wollten das nicht mehr. Tue es jemand doch, könne ein Verein aber auch nichts machen. „Der andere kann sagen: Was geht dich das an? Schleich dich von meiner Parzelle!“ Nur bei in Österreich verbotenen Mitteln könne man eingreifen. Und er höre, dass sich manche Ältere solche illegalen Substanzen aus Ungarn oder über das Internet besorgten.

Pestizide sind gerade wieder groß im Gespräch – in der Landwirtschaft: Vergangene Woche sind die Erdäpfelbauern auf die Straße gegangen, sie wollen eine Notfallzulassung für ein Mittel gegen den Drahtwurm. Viel seltener ist davon die Rede, was die Hobbykleingärtner und privaten Häuslbauer mit den akkuraten Rasenkanten alles so versprühen. Der Biologe und Ökologe Johann Zaller von der Wiener Universität für Bodenkultur, Autor des Buchs „Unser täglich Gift“, sagt: „Wenn man all diese von abgestorbenen Pflanzen eingerahmten Wege sieht, diese supersauberen Rasenflächen, wo nur Gras wächst und sonst nichts, dann ist offensichtlich, dass der Einsatz von Herbiziden sehr weit verbreitet ist.“ Die Umwelt-NGO Global 2000 warnt, dass auch unter den „in jedem Baumarkt und Gartencenter erhältlichen“ Gartenpestiziden solche sind, „die sehr giftig für Bienen und/oder Wasserlebewesen sind und außerdem gefährlich für die menschliche Gesundheit, da sie vermutlich krebserregend sind oder im Verdacht stehen, hormonell wirksam zu sein“.

Exakte Zahlen, wie viele Pestizide an Privatgärtner verkauft werden, liegen für Österreich nicht vor. Die Statistik weist nur die Gesamtabsatzmenge aus. In Deutschland gehen sechs Prozent der Pestizidprodukte an Private. Auf Österreich umgelegt hieße das, dass pro Jahr 240 Tonnen reiner Wirkstoffe in den Haushalten landen.

Deren Wirkungen werden oft völlig unterschätzt. So sterben immer wieder Hunde und Katzen, weil sie giftiges Schneckenkorn gefressen haben, auch für Kleinkinder sind die blauen Körner eine Gefahr. Durch ihre Aufmachung erwecken die Produkte aber den Eindruck der Harmlosigkeit. So ist auf der Flasche „Celaflor Careo Schädlingsfrei Konzentrat“ neben dem Bild zweier Bienchen die Aufschrift „nicht bienengefährlich“ zu lesen. Nur wer in die Sicherheitshinweise schaut, findet dort die Info „schädlich für Nützlinge“. Dominik Linhard, Pestizidspezialist bei Global 2000, findet das kühn: „Dieses Produkt enthält Acetamiprid, ein Neonicotinoid, das nur etwas weniger bienenschädlich ist als die bereits verbotenen Neonics.“ In Kombination mit anderen Stoffen könne sich diese Wirkung gar „verhundertfachen“.

Boku-Professor Zaller betreibt seit Jahren Versuche mit Pestiziden. Er wies nach, dass Regenwürmer bei Kontakt mit Glyphosat ihre Aktivität innerhalb zweier Wochen auf null zurückfahren. Außerdem brachten sie um die Hälfte weniger Nachkommen auf die Welt. Weil das Mittel bei Regen ins nächste Gewässer ausgeschwemmt wird, nahm Zaller auch die Wirkungen auf Kaulquappen unter die Lupe. Ergebnis: Ihre Schwänze verkrüppelten. Für Feinde seien sie damit leichte Beute.

„Insgesamt wissen wir über die Langzeitwirkungen der Pestizide erschreckend wenig“, sagt Zaller. Was man allerdings weiß, ist, dass die Mittel über Jahre und Jahrzehnte in den Böden verbleiben: „Laut einer Untersuchung von 300 Böden in ganz Europa sind 80 Prozent mit Pestiziden kontaminiert. An erster Stelle findet sich Glyphosat, an zweiter Stelle bereits DDT.“ Und das, obwohl DDT seit den 1970er-Jahren fast überall verboten ist.

Das große Problem bei den Hobbygärtnern liegt darin, dass die Anwendungshinweise kaum beachtet werden, wie Linhard von Global 2000 glaubt. „Die richtige Dosierung ist oft schwierig, denn für ein paar Quadratmeter ist man ja im Milliliter-Bereich.“ Da erwische man schnell zu viel. Zaller berichtet von Gärten, „die nur noch blau waren vor lauter Schneckenkorn“.

Auch dass bei Obst und Gemüse zwischen dem Spritzen und dem Essen mehrwöchige Wartezeiten einzuhalten sind, ist laut Linhard „im Privatbereich so gut wie nicht bekannt“. Auch mit kurzem Abspülen ist es nicht getan: „Die fertigen Mittel sind ja so gemacht, dass sie sich auch bei Regen nicht abwaschen. Man muss also schon mehrere Minuten mit warmem Wasser spülen.“ Steht auf einer Packung: „Schützt von innen“, dann bedeutet das, dass das Mittel sich systemisch in der Pflanze verteilt – und sich überhaupt nicht abwaschen lässt.

Und die Schutzausrüstung? Auf dem Infoblatt von „Decis Gemüse Schädlingsfrei“ steht, man solle „Berührung mit der Haut vermeiden“. Es folgt eine lange Liste an empfohlener Kleidung: bestimmte „Nitrilkautschuk-Handschuhe“, einen „Augenschutz Korbbrille“ sowie einen „Haut- und Körperschutz Standard-Overall und Schutzanzug Kategorie 3 Typ 6“. Linhard glaubt, dass das kaum jemand auch nur liest.

Dabei habe sich in den letzten Jahren durchaus einiges zum Besseren gewendet. Die Geschäfte dürfen die Mittel für den Privatgebrauch seit 2014 per Gesetz nur noch in versperrten Schränken verwahren; die Verkäufer sollen eine Beratung durchführen.

Das mit dem Wegsperren funktioniere durchgängig, weiß Linhard von Global 2000 – die NGO rückt regelmäßig zu Testeinkäufen aus. „Große Unterschiede bestehen allerdings bei der Beratungsqualität und der Produktpalette.“ Zumindest war das beim letzten Test im Vorjahr so.

Über die Risiken der Pestizide werde immer noch sehr lückenhaft oder gar nicht informiert. Auch schlicht falsche Dinge bekamen die Tester zu hören, etwa: „Bio ist dasselbe wie Chemie, nur teurer.“ Oder: „Es ist kein Schutz nötig, weil nur mehr harmlose Wirkstoffe auf dem Markt sind.“

Einen erfreulichen Trend sieht die NGO bei der Produktpalette: „Im Vergleich zu unserem letzten Einkaufstest von 2014 waren viele der hoch umweltgiftigen Pestizide nicht mehr erhältlich.“ Das glyphosathaltige Roundup, über Jahre eines der meistverkauften Spritzmittel, wurde schon im Vorjahr nur noch bei Dehner, Fetter Hagebaumarkt und Lagerhaus verkauft. Bauhaus, Bellaflora, Hornbach, Obi und Starkl hatten bereits freiwillig darauf verzichtet. Da die Nachfrage nach dem Mittel, das alle Pflanzen absterben lässt, aber so groß ist, wird mittlerweile sogar ein Mittel namens „Roundup“ ohne Glyphosat angeboten.

Mit gutem Beispiel voran geht Bellaflora: Die Kette führt nur noch biologische Mittel, auch das Hornbach-Sortiment war im Vorjahr schon fast bio. Recht bekannt ist inzwischen etwa die mildere Variante des Schneckenkorns mit Ferramol.

Völlig harmlos seien aber auch diese nicht, sind sich Zaller und Linhard einig. So ist das Alternativ-Schneckenkorn laut Zaller zwar „akzeptabel, weil regenwurmschonend. Es macht aber keinen Unterschied zwischen Nackt- und allen anderen Schnecken: Es bringt alle um.“ Er empfiehlt, „wenn man denn unbedingt etwas einsetzen will, Produkte mit der Aufschrift ‚zugelassen für den Biolandbau‘ zu wählen“.

Bei Bioziden, also Mitteln gegen Ameisen oder Motten, sieht Global 2000 allerdings eine Gesetzeslücke. Sie müssen nach wie vor nicht versperrt werden, auch Beratung ist keine vorgesehen. Dabei sind gerade hier hochproblematische Substanzen im Spiel. So enthält das verbreitete Celaflor-Ameisenmittel Fipronil, einen Stoff, der in der Landwirtschaft wegen seiner Bienengefährlichkeit bereits verboten ist.

Immer noch möglich ist es auch, Pestizide ohne jegliche Beratung übers Internet zu bestellen. Sogar in Österreich längst verbotene Substanzen, wie Johann Zaller bei Testeinkäufen herausfand.

Zaller würde Pestizide für Privatgärten komplett verbieten. Es sei bedenklich, dass Private dieselben Wirkstoffe wie Landwirte einsetzen können: „Die Landwirte müssen Kurse dazu machen. Wir anderen können dieselben hochgiftigen Stoffe ohne irgendeine Schulung verwenden.“

Aber was soll man tun, wenn Läuse, Schnecken und Raupen anrücken?

Für Naturgärtner fängt es damit an, die Vorstellungen von einem „schönen Garten“ zu überdenken. Die steirische ORF-Biogärtnerin Angelika Ertl-Marko spricht von „Pflanzengefängnissen“, wo nur genau das wachsen darf, was man gepflanzt hat. Sie rät, den „Kontrollverlust“ zu wagen. Das mache weniger Arbeit und sei gut für die Ökologie.

Unterschiedliche Vorstellungen davon, was ein schöner Garten ist, prallen auch in der Kleingartenanlage Walter Wusche aufeinander. Manche hier setzen die Salate entlang einer Schnur, damit ja alles in Reih und Glied steht. Das müsse nicht sein, aber die Wiese einfach wachsen zu lassen, sei schon ein Problem, sagt Vereinsobmann Vladimir Rihtar: „Da werden die Nachbarn narrisch, weil in der hohen Wiese die Schnecken drinnen sind. Die Löwenzahnsamen fliegen überallhin, dann haben alle ihre Gärten voller Löwenzähne und irgendwann keinen Rasen mehr.“

Ein paarmal sei der Naturschutzbeauftragte der Stadt Graz bei Gartenführungen mitgegangen, erzählen Wusche und Rihtar und lachen. Wo sie einen „Saustall“ sahen, sagte der anerkennend: „Deutlich nicht überpflegt.“ Und jene Gärtner, die der Obmann angemahnt hatte, „denen hat er einen Ökopreis verliehen“.

Mit Chemie hätten sie trotzdem nichts (mehr) am Hut, versichern mehrere Gärtner im Verein. Ein Mann sagt, seine Frau und er hätten vor drei, vier Jahren damit aufgehört. „Wegen der Sache mit dem Gift. Weil es nicht gut sein soll, und wegen der Bienen.“ Er öffnet das Schränkchen vor seinem Gartenhaus und holt Schachtelhalmextrakt, Leimringe und Bio-Schneckenkorn heraus. Eine chemische Waffe steht allerdings noch darin: das Ameisengift mit Fipronil.

Den Trend hin zum Naturgarten merkt auch Global-2000-Mitarbeiter Linhard. Bei seinen Vorträgen erklärt er die „Pflanzenschutz-Pyramide“. Als Erstes geht es ums Vorbeugen, also um die Wahl der Pflanzen und das Fördern der Nützlinge. „Die ersten Blattläuse muss man tolerieren: Denn wenn der Marienkäfer kommt und nichts zu fressen findet, fliegt er weiter.“ Danach geht es um das Stärken der Pflanzen etwa mit Komposttees oder Brennnesseljauche. Wird es ernst mit lästigem Kleingetier, kommen Schneckenzäune und Leimringe zum Abfangen von Raupen ins Spiel. Erst wenn all das nichts hilft, könne man an Pestizide denken. In ihrem gerade erschienenen Buch „Wo die wilden Nützlinge wohnen“ erklärt die Landschaftsplanerin Sonja Schwingesbauer viele dieser Themen im Detail.

Anlass für Debatten werden die Spritzmittel wohl noch länger geben. Vereinsobmann Rihtar erzählt, vor kurzem habe er gerade eine Essenz in die Fugen gesprüht, als ein junger Pächter kam und feixte: „Tuts schon wieder gifteln?“ „Moooment!“, habe Rihtar da geantwortet – und den jungen Mann an seinem Mittel schnuppern lassen: Es war bloß verdünnte Essigessenz.

Gerlinde Pölsler in FALTER 18/2019 vom 03.05.2019 (S. 51)


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