Vorgeschichte des Jazz
Vom Aufbruch der Portugiesen zu Jelly Roll Morton

von Maximilian Hendler

€ 39,90
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Verlag: Akademische Druck- u. Verlagsanstalt
Genre: Musik/Musiktheorie, Musiklehre
Umfang: 336 Seiten
Erscheinungsdatum: 21.08.2008

Rezension aus FALTER 30/2009

Die Wurzeln des Jazz liegen in Afrika – so steht's in den einschlägigen Jazzgeschichtsbüchern. Die Wurzeln des Jazz liegen in Europa, so die These des Grazer Ethnologen Maximilian Hendler, die er materialreich belegt. In der Fremde waren die versklavten Schwarzafrikaner ihrer ursprünglichen Riten und Musik beraubt. Sie mussten Neues entwickeln und taten dies, indem sie die Reste eigener kultureller Traditionen mit europäischen Kulten vermengten, die die weißen "Herrscher" und Missionare nach Amerika gebracht hatten. Die nordamerikanischen Haussklaven etwa hatten intensiven Kontakt zu europäischer Musik, die fest in die strenge, puritanische Tradition eingebunden war. Und diese Musik basierte wie der spätere Jazz auf Metren, die sich in gleichbleibendem Takt wiederholen. Auch der Swing wurzelt somit in Europa, denn aus Schwarzafrika sind allein additive, verschiedene metrische Muster kombinierende Rhythmen bekannt.
Auch andere Charakteristika des Jazz – call and response oder die im Jazz als Blues ausgeformten epischen Gesänge – erforscht Hendler, um zu zeigen, dass gerade diese in verschiedensten Ausformungen überall auf der Welt zu finden sind. Fazit: ein Muss für jeden Jazzliebhaber und ein Buch, das afroamerikanische Musik ernst nimmt, indem es mit dem letztlich abwertenden Klischee des "edlen Wilden" aufräumt.

Nina Polaschegg in FALTER 30/2009 vom 24.07.2009 (S. 18)


Rezension aus FALTER 24/2009

Afrika! Afrika?

Musik liege "im Blut" – dieser Gedanke sei selbst bei Intellektuellen nicht selten anzutreffen, schreibt Maximilian Hendler. "Wie sehr sie sich damit im tiefsten Rassismus befinden, machen sich diese Personen nicht klar." Aber auch die derzeit in den USA politisch korrekte Ausdrucksweise "African Americans" prolongiere einen ober- und unterschwelligen Rassismus der Nachfahren europäischer Einwanderer. Denn von einem afrikanischen Standpunkt, so Hendler, seien die "Afroamerikaner" doch längst "Euroamerikaner". Mit Ausnahme von gerade Zugezogenen lebten nur wenige "reine" Afrikaner in den USA.

Der erste schwarze US-Präsident hat die Frage nach afroamerikanischer Identität gar auf eine globale Agenda gesetzt. Insofern könnte Hendlers "Vorgeschichte des Jazz: Vom Aufbruch der Portugiesen zu Jelly Roll Morton", die sich mit einem zentralen kulturhistorischen Kapitel der afroamerikanischen Kultur beschäftigt, kaum aktueller sein. Und das, obwohl der Grazer Wissenschafter, der dieser Tage seinen siebzigsten Geburtstag feierte, gerade auch ein Vertreter jener vermeintlichen Orchideenfächer ist, denen manche Politiker wiederholt die Abschaffung gewünscht haben. In seinem neuen Buch räumt Hendler mit dem Klischee auf, Jazz stamme aus Afrika, und spürt stattdessen seinen europäischen Wurzeln nach.
Hendler ist ein lebhafter Erzähler und zählt unter Geisteswissenschaftern zu einer raren Spezies. Der akademische Betrieb mag in letzter Zeit nicht viele Wissenschafter zu Höchstleistungen angespornt haben. Langfristige Perspektiven an den Universitäten, die es im Zeitalter kurzfristiger Projekt-Engagements nur noch selten gibt, ermöglichten aber auch vielseitig gelehrte Forscherpersönlichkeiten wie Hendler. Dieser hatte nach einer Tischlerlehre in den Sechzigerjahren an der Grazer Uni Byzantinistik und Slawistik studiert: "Als ich zu studieren begann, war das die exotischstmögliche Fächerkombination."

Gleichzeitig begann er sich für bildende Kunst und Musik zu interessieren, stellte Ende der Siebziger im Rahmen des steirischen herbst eigene Gemälde aus, sammelte Ikonen, komponierte in der Freizeit Zwölftonmusik und legte eine umfangreiche Plattensammlung an. Mittlerweile mehr als 9000 Platten, die Ausgangspunkt für musikethnologische Forschungen wurden. Besonders bereichernd, erzählt der emeritierte Professor für slawische Sprachwissenschaft, sei seine Beschäftigung mit dem Balkan gewesen: "Der Balkan ist sehr reich an volksmusikalischen Gattungen." In den frühen Neunzigern veröffentlichte Hendler eine Studie zu altweltlichen Wurzeln des neuweltlichen Banjos, 2001 erschien dazu sein mehrere Hundert Seiten starkes Opus Magnum "Oboe – Metalltuba – Trommel": "Diese drei Instrumente sind die Urform dessen, was wir heute Blasmusik nennen." Nebenbei gestaltete er für den Kölner WDR Radioserien zur Musikhistorie, auch über die Vorgeschichte des Jazz, als Vorarbeit zum vorliegenden Buch.

Woher kommt nun die Musik der Afroamerikaner, die im zwanzigsten Jahrhundert unter anderen im Jazz mündete? Nachdem – so Hendler – der alten afrikanischen Musik durch die Verschleppung in die "Neue Welt" die soziale Grundlage entzogen wurde, kamen die nordamerikanischen Sklaven in den musikalischen Einflussbereich ihrer weißen Herren. Diese anfänglich vor allem religiös motivierten Auswanderer hatten weder Mozart noch Beethoven im Gepäck, sondern vor allem altertümliche Kirchen- und Volksmusik. Das "Afrikanische" der dem Jazz zugrunde liegenden Musikstile sei daher, argumentiert Hendler, das Temperament, mit dem sie von Afroamerikanern gespielt wurden. Denn nach der Sklavenbefreiung und Generationen später begannen sich weiße Meinungsträger mit der Musik der Befreiten zu beschäftigen: "Sie empfanden diese Spielweisen als etwas so unerhört Neues, dass sie keinen anderen Gedanken mehr fassen konnten als ‚Africa!'." Die zugrunde liegende Musik der weißen Ahnen sei bereits nachhaltig vergessen gewesen.
Hendler erklärt dieses Vergessen mit den Auswirkungen der "Zöglingskultur". "Mit der Einführung der allgemeinen Schulpflicht hat sich ein Kulturbegriff durchgesetzt. Er besteht darauf, dass er der einzig Richtige ist, andere Kulturformen dagegen defizitär sind. Was die eigene Musik betrifft, gibt es weder in Afrika noch im Orient eine derartige Ausschließlichkeit." Nicht nur die Rezeption der Jazzvorgeschichte, auch die Verdrängung von Musikinstrumenten in Österreich sei mit dem Vormarsch der "Zöglingskultur" zu begründen: "In den 1770ern wurde die Schulpflicht eingeführt, zwei Generationen später war der zuvor verbreitete Dudelsack in Österreich verschwunden."

Herwig G. Höller in FALTER 24/2009 vom 12.06.2009 (S. 49)


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