Ärzte als Hitlers Helfer

von Michael H. Kater, Helmut Dierlamm, Renate Weitbrecht

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Europa
Erscheinungsdatum: 01.01.2000

Rezension aus FALTER 15/2000

Georg Renno war ein autoritärer Charakter, wie er im Buche (von Theodor W. Adorno) steht: Ein ichschwacher Mitläufer, der wie zufällig da hineingeriet: "Das war einfach gar nimmer zu bremsen", gibt er selbst im rückblickenden Interview wenige Monate vor seinem Tod im Jahr 1997 zu Protokoll. Und so wurde Dr. Renno halt Euthanasiearzt in Hartheim, war dort von 1940 bis 1944 an der Ermordung von rund 15.000 Menschen - Behinderten, Epileptikern, Altersschwachen - unmittelbar beteiligt und hat wohl auch selbst den Gashahn auf- und zugedreht. Walter Kohl, der vor drei Jahren mit "Die Pyramiden von Hartheim" eine umfassende Dokumentation der Euthanasie-Verbrechen in Oberösterreich vorlegte, führte dieses Interview mit Renno und machte es zur Grundlage einer gleich beeindruckenden wie bedrückenden Biografie über einen, der nach 1945 gerade ein paar Monate einsitzen musste. "Ich fühle mich nicht schuldig" ist aber auch eine aufwühlende Studie über das Verdrängen und die verlogenen Beschönigungen eines Täters, der bis zum Tod seinen Überzeugungen treu blieb.Während Walter Kohl am individuellen Beispiel zu beantworten sucht, wie Ärzte im NS-Regime zu Tätern wurden, geht der nordamerikanische Historiker Michael H. Kater systematischer der Frage nach, warum die Ärzteschaft so besonders anfällig für die NS-Ideologie war. Seine bereits 1989 im englischen Original erschienene Großdokumentation "Ärzte als Hitlers Helfer" ist materialreich gearbeitet, versucht sich allerdings auch in einer Ehrenrettung der "guten Forschung" - deren wahre Rolle in den letzten Jahren freilich zunehmend problematisiert wurde. Das andere Manko: Wie auch bei Daniel Goldhagen bleibt die Beteiligung der "Ostmärker" leider unterbelichtet."Erstmal schön locker machen, sagt Katharina. Benjamin breitet die Arme aus und widerspricht. Es war ein herrlicher Abend, im Haus der Wahrheit der Gesellschaft. Ich hatte Christian telefonisch abgesagt. Später saßen wir im Taxi, Max und ich, und redeten über das neue Video, die Ausstellung, die Platte und unsere Lesung nachher, nachts." Erste Sätze sind in der Literatur ja bekanntlich von größter Bedeutung. An den Anfang der Erzählung "Deskonspiratione" hat Rainald Goetz gleich fünf erste Sätze gestellt. Jeder davon steht jeweils für den Beginn eines Abschnitts des Texts. Am Ende von "Dekonspiratione" werden alle Abschnitte und ihre Figuren irgendwie wieder zusammenfinden.
"Eine kleine Geschichte des Schreibens" nennt der Klappentext die Erzählung. Sie handelt von Redaktionen, Dichterlesungen und der Zeitungslektüre. Immer wieder drängt sich Goetz' eigene Stimme und seine Reflexionen in dem collageartigen Text in den Vordergrund und lässt die Figuren nicht selten als Staffage erscheinen. Gerade weil er sein Schreiben und die Wahl des Autorendaseins so permanent wie nur wenige Autoren hinterfragt, war dieses Buch über das Schreiben für Goetz nur unter größten - im Text thematisierten - Schwierigkeiten zu einem befriedigenden Ergebnis zu bringen. Gelungen ist es letztlich doch.
Goetz triumphiert in "Dekonspiratione" einmal mehr in seiner eigentlichen Disziplin: der totalen Verschriftlichung der eigenen Person. Wohl nicht zuletzt wegen dieses Programms hat er eine so treue Leserschaft. Dabei geht es nicht um Voyeurismus - allzu private Einzelheiten seines Lebens hält der Autor aus seinem Werk draußen -, sondern um den umfassenden Einblick in das Denken eines faszinierenden Kopfes. Immer wieder ist man überrascht, genervt, begeistert, vor den Kopf gestoßen. Goetz lässt keinen kalt, was auch die Rezeption seiner Texte, die zwischen Lobeshymne und bösartigem Verriss kaum etwas kennt, beweist.
Auch die letzten Sätze von "Dekonspiratione" brauchen sich übrigens nicht zu verstecken: "Neben mir spüre ich den Körper der Frau, in die ich verliebt bin. Hopla, ich war gestolpert. ,Schatz', sagt sie, ,du bist ja betrunken.' Und ich sage: ,Ja, Schatz, das stimmt.'Einmal wird ein Luftballon, auf dem "Gott" steht, aufgeblasen und zum Zerplatzen gebracht. Ein anderes Mal zieht einer seinen Schuh aus und tut so, als wärs ein Telefon. Das waren die wesentlichen szenischen Einfälle der mehr als zwei Stunden langen österreichischen Erstaufführung von "Jeff Koons" im Kasino am Schwarzenbergplatz.
Das Stück, dessen Lektüre nur empfohlen werden kann, ist eine Folge von Szenen aus dem Nacht- und Liebesleben eines Künstlers, die abwechselnd in einer Disco, im Schlafzimmer und auf einer Vernissage spielen. Wer will, kann an den US-Künstler Jeff Koons und dessen (Ex-)Frau Cicciolina denken; manches deutet darauf hin, dass mit dem Künstler auch Rainald Goetz selbst gemeint sein könnte. "Jeff Koons" ist ein dramatisches Gedicht, in dem erratische Prosablöcke zwischen Passagen mit ultralakonischer Liebespoesie stehen.
Weil Goetz auf Rollen und Szenenanweisungen verzichtet, bleibt es ganz dem Regisseur überlassen, wie der Text auf der Bühne umzusetzen ist. Bei der Hamburger Uraufführung nahm sich Stefan Bachmann in einer angeblich hochkomischen Inszenierung die Freiheit, sich über den Text (auch) lustig zu machen. Auch die Wiener Aufführung nimmt das Stück nicht ganz ernst - nur gibt es dennoch nichts zu lachen.
Dass Regisseur Joachim Lux hauptberuflich Dramaturg ist, merkt man: Es fällt ihm nicht viel mehr ein, als den Text auf acht Schauspieler zu verteilen, wobei ein zentrales Paar (Johannes Krisch und Katharina Schubert) von einem sechsköpfigen Männerchor begleitet wird. Zu erleben sind weder realistische Charaktere noch Kunstfiguren, sondern bloß überforderte Schauspieler, die nicht genau wissen, was sie da sprechen und deshalb alles "unter Anführungszeichen" sagen. Dazu werden Videos an die Wand geworfen und Techno-Beats eingespielt, dass es nur so scheppert. Vermutlich wäre die Inszenierung gerne eine Art Performance; man sieht aber nur, was man sich im Burgtheater darunter vorstellt.
Wie Klaus Bachler ist Rainald Goetz der Ansicht, dass es auf der Bühne "knallen" muss. Das Einzige, was an diesem Abend knallt, sind zerplatzende Luftballons.Mit dem Begriff "Kultbuch" ist es so eine Sache. Nicht selten wird heute noch Druckfrisches vom Verlag schon als "echt kultig" angepriesen oder ihm immerhin "Kultpotenzial" attestiert. Frank Schäfer jedoch weiß mehr: "Bücher, die eins der oben genannten (oder vergleichbare) ,Gütesiegel' auf den Deckel bekommen haben, spielen im Folgenden keine Rolle Denn merke: Ein Kultbuch wird nicht vom Verlag ,gemacht'; hier entscheidet einmal nicht die Größe des Werbebudgets, sondern der Leser, welches Buch der Ritterschlag ereilt. Das nenne ich mal gelesene Demokratie!" Der Literaturwissenschaftler und Autor führt den Leser kundig durch "Kultbücher. Von ,Schatzinsel' bis ,Pooh's Corner'" und versucht sich anhand von acht Thesen an einer Begriffsdefinition.
Die eigentlichen Kultbuch-Beschreibungen zeichnen sich dann durch zweierlei aus: Einerseits sind sie enorm witzig und unterhaltsam - im "Winnetou"-Kapitel etwa erwähnt Schäfer Arno Schmidts Homosexualitäts-Theorie über Karl May, für die ihm schon die Erwähnung einer "außerordentlich künstlich geschnittenen Friedenspfeife" langte -, auf der anderen Seite verliert sich der Autor nicht in Spaßismus. Schnell kann er den Tonfall wechseln und äußert informativ schreiben; auf wenigen Seiten etwa gelingt ihm eine funktionierende Kurzcharakteristik eines Monster-Texts wie Schmidts "Zettels Traum".Kapituliert hat er einzig vor Thomas Pynchons "Gravity's Rainbow". Hier führt er mahnende Beispiele aus Literaturlexika an, die zeigten, dass sich ein so vielschichtiger Text nicht "zu zwei, drei Instantsätzen eindampfen" lasse. Listig gestaltet Schäfer auch das Nachwort, in dem er Lesern, die mit der getroffenen Auswahl nicht zufrieden sind, eine lange Liste von Büchern nennt, die man natürlich auch hätten thematisieren können: Das kann man durchaus als Wunsch an den Verleger interpretieren, eine Fortsetzung in Erwägung zu ziehen.Die Zeit der endlosen Parties ist vorbei: Marcel Feige arbeitet in "Deep in Techno" die Geschichte der zentralen Jugendbewegung der Neunziger auf.
Techno, man muss es so deutlich sagen, ist gescheitert. Angetreten, um den Rock und dessen Machismo zu verdrängen und "die Leute von dem ganzen bürgerlichen Scheißdreck zu befreien" (DJ Westbam), hat es keine zehn Jahre gedauert, bis die Massenbewegung Techno von der Musikindustrie geschluckt wurde. Der DJ als Ersatz des Liveact hat sich nicht durchgesetzt - ganz im Gegenteil: Bands wie Prodigy feiern gerade aufgrund ihrer mit Reminiszenzen an die Rockgeschichte gespickten Bühnenshows riesige Erfolge.
Die Protagonisten der Techno-Bewegung, so scheint es jedenfalls, findet man zurzeit überall, nur nicht auf den Dancefloors dieser Welt. Stattdessen ist die Aufarbeitung der letzten zehn Jahre angesagt. Der oben zitierte Westbam, der mit bürgerlichem Namen Maximilian Lenz heißt und nicht nur so etwas wie der Stratege des Techno, sondern auch passionierter Bernhard- und Schopenhauer-Leser ist, soll seit geraumer Zeit an einem Roman (Arbeitstitel: "In ravender Gesellschaft") sitzen. Sein Weggefährte Jürgen Laarmann, der Mitte der Neunziger mit der Zeitschrift Frontpage entscheidend zur Popularität der Techno-Bewegung beitrug, hat gerade sein Stück "Canossa Club" abgeschlossen. Und mit Marcel Feige, dem Exherausgeber der Techno-Postille Raveline, versucht nun erstmals jemand, "die ganze Geschichte des Movements" - so der Untertitel seines Buchs "Deep in Techno" - nachzuzeichnen.
Im Falter-Interview erläutert Feige seine Beweggründe: "Für mich war der Übergang in ein neues Jahrzehnt und Jahrhundert der richtige Zeitpunkt, eine Chronik zu schreiben - denn die Entwicklung der elektronischen Musik hin zum Techno der letzten zehn Jahre war ein Prozess des letzten Jahrhunderts." Das Sammelsurium an O-Tönen, Zeitschriftenzitaten und Interviews, das Feige in seinem Buch zusammengetragen hat, wird gerade in seiner Unausgegorenheit und Widersprüchlichkeit seinem Gegenstand gerecht und fängt die Stimmung des Techno-Jahrzehnts überzeugend ein.
Dass ein von schwarzen Musikern aus Detroit entwickelter Sound gerade in Deutschland so großen Einfluss gewinnen konnte, hat - so die These des Buches - einen politischen Hintergrund. Techno tauchte nämlich just zur Zeit des Mauerfalls auf: "Der Nachholbedarf der Ostberliner Jugend trifft auf die Experimentierfreude westlicher Aktivisten. In den Ruinen der ehemaligen DDR entstehen die abenteuerlichsten Schauplätze für die neue Musik."Mit dem Roman "Junger Mann ohne Kleider" legt der manisch produktive britische Rockmusiker, Maler und Schriftsteller Billy Childish seine erste Veröffentlichung in deutscher Sprache vor.Und was für eine.
"ines Tages werden mich die Leute ehren. Sie werden auf Händen und Knien gekrochen kommen, ihre Köpfe wie liebende Hunde in meinen Schoß betten . Der Wind wird nachlassen, die Sonne scheinen, Vögel singen und unglaubliche Schmetterlinge werden in der wunderbaren Frühlingsluft flattern, mit samt-schwarzen Flügeln, auf denen erschrockene Augen, so groß wie eine halbe Krone, eingraviert sind." ( Billy Childish: "Junger Mann ohne Kleider")
Müsste man die gesamte Bandbreite der menschlichen Spezies beschreiben, könnte man sagen: alles, was zwischen Lenny Kravitz und Willy Kralik möglich ist. Bei Autos: alles zwischen einem nachtschattenblauen 56er-Porsche Boxster und einem türkisfarbenen Ford Ka. Bei Schriftstellern: alles zwischen Robert Schneider und Billy Childish.
Das ist jetzt natürlich ein bisschen übertrieben und auch ein klein wenig polemisch. Aber wenn man Childishs Roman "Junger Mann ohne Kleidung" liest, ist man zuerst und vor allem einmal eines: hin und weg. Wie Childish seinen Romanhelden William Loveday - zerrissen zwischen Selbstzweifel und Genialitätsvisionen, sexuellen Wahnvorstellungen und grausamer Selbstverstümmelung - durchs Leben taumeln lässt, das ist authentisch, wild, laut: ein literarischer Verzweiflungsschrei mit Arbeiterklasse-Echtheitszertifikat und eben kein föhnfrisiertes Seelenqualgeplappere in Buchform.
Childish, der im Verlauf der letzten 20, 25 Jahre etwa 30 Gedichtbände herausgegeben, weit über 80 (achtzig!) Langspielplatten (Langspielplatten!) aufgenommen und mehr als 1500 Gemälde und Holzschnitte angefertigt hat (einige davon sind auch im Buch zu sehen), ist ein Besessener des spontanen Ausdrucks, der den Anspruch auf Perfektion oder künstlerische Virtuosität bewusst negiert. Oder, um es mit den Worten seines fiktiven Alter Ego Loveday auszudrücken: "Falls ich irgendwie eines Tages sagenhaft reich werden sollte, würde ich mich trotzdem noch weigern, ein Professioneller zu werden, und würde mich einfach dessen ungeachtet weiter wie ein ungezogener Jugendlicher benehmen . Meiner Ansicht nach ist es die Verranntheit in den guten Geschmack, die den Profi auszeichnet und die all meine Kreativität zunichte macht. Es ist diese Angst vor dem Leben selbst, die den Profi zwingt, ein neurotischer Experte zu werden und den unerschrockenen Amateur zu zermalmen."
Doch Loveday, ein junger, heruntergekommener Schriftsteller, ist sowieso meilenweit von jeder Erfolgsaussicht entfernt. Er streunt in seiner (und Childishs) Heimatstadt Chatham herum, stellt jungen Mädchen nach, fantasiert von sexuellen Höhenflügen und Moorleichen, beklagt die Verkennung seines literarischen Genies. In der zweiten Hälfte des Buchs landet er schließlich in St. Pauli, wo er sich im Rotlichtmilieu ebenso verliert wie im Dschungel seiner wirren Gedanken.
Wie Childish die gespaltene Gedankenwelt seines Protagonisten, wie er die Sprünge in der Sprache und die Wechsel im Erzähltempo literarisch umsetzt, seine Sprache und sein Sprachtempo inszeniert, ist einfach großartig. Childish schreibt im einen Moment ruppig, hart und klar und im nächsten herzzerbrechend poetisch, nüchternen Schilderungen folgen fiebrige Tagträume. O-Ton aus dem Schizoiden-Oberstübchen: "Es ist wichtig, seinen eigenen Stil zu entwickeln, aber dann auch wieder nicht. Sehr viel wichtiger, aber dann auch wieder nicht, ist es, gemocht zu werden. Aber so oder so, ihr werdet nicht leugnen können, dass man versuchen sollte, höflich zu sein und auf kleinliche Nörgeleien und ausgesprochenen Sarkasmus zu verzichten." For sure, Mr. Loveday.
Zugegeben, gegen Ende des Buches, im St.-Pauli-Teil, könnten beckmesserische Erbsenzähler auch so etwas wie "Längen" konstatieren. Seis drum. "Junger Mann ohne Kleider" ist ein überdurchschnittlich spannendes Buch, dessen Lektüre ein wenig an eine Achterbahnfahrt erinnert: schnell, aufregend; am Schluss ist man glücklich, und im Kopf dreht sich alles.Wir schreiben das Jahr 2018. In einem Kommentar der NY WebTimes Strassburg ist nachzulesen, wie Euro-Premier Martin, der Chef der rechtsrepublikanischen Europäischen Populären Front, gerade mit einer Blut-Schweiß-und-Tränen-Rede die Bevölkerung auf den Europrotektionismus eingestimmt hat." Nicht nur der Historiker Eric Hobsbawm, sondern auch das deutsche Zukunftsforscher-Ehepaar Angela und Karlheinz Steinmüller versuchen sich in Prognosen für das 21. Jahrhundert und blicken zurück auf das eben vergangene: Für jedes Jahr zwischen 1900 und 2100 gibt es in ihrem Wälzer "Visionen 1900 2000 2100" ein Kapitel - hellsichtig geschrieben und wunderbar illustriert.Gestalterisch nicht allzu zukunftsweisend nimmt sich dagegen der vom Ö1-Wissenschaftsredakteur Martin Bernhofer herausgegebene Sammelband "Fragen an das 21. Jahrhundert" aus. Anders als die Steinmüllers hat er dagegen mehr als 40 Experten beauftragt, selbst über die mögliche Zukunfe ihrer jeweiligen Arbeits- und Forschungsbereiche nachzudenken, vom Historiker Mitchell Ash (über die Universitäten im 21. Jahrhundert) bis zur Kulturpublizistin Gisela von Wysocki (zum Thema Körperkunst).Wenn was klar ist an der Zukunft, dann wohl, dass sie den Jungen gehört. Und an die - aber nicht nur an die - wendet sich der preisgekrönte norwegische Sachbuchautor Eirik Newth mit seiner anschaulichen und klug layoutierten Version vom "Abenteuer Zukunft". Sein Credo: "Der größte Fehler beim Versuch, uns die Zukunft vorzustellen, ist der, nicht mutig und fantasievoll genug zu sein." Vielleicht bleibt uns Herr Martin ja doch erspart.Von zukünftigen Kriegen über Sex auf Krankenschein bis zum Dilemma der Linken: Der britische Historiker Eric Hobsbawm erzählt in einem buchlangen Gespräch, was uns im 21.Jahrhundert so alles bevorsteht.
Britischen Linksintellektuellen wird man im Panoptikum der Moderne dereinst einen besonderen Platz reservieren müssen. Schon allein wegen ihrer Unzeitgemäßheit, die Bücher von Raymond Williams oder Edward Thompson auch heute noch zur anregenden Lektüre machen. Oder die von Eric Hobsbawm, dem aus Wien stammenden, 1937 nach England geflüchteten Historiker der Revolutionen des 19. und des "Kurzen 20. Jahrhunderts", dem Sport- und Jazzfan, dem hellsichtigen Weltbürger, der sich auch mit 83 Jahren noch den Kopf zerbricht, wie technologischer Wandel, Migration und Kulturen in ein Konzept sozialen Widerstands zu bringen wären.
Vor einem Jahr hat ihm Antonio Polito Fragen gestellt, die all das und hunderttausend Dinge mehr aufwerfen. Und Hobsbawm hat sie beantwortet, wie es geduldige Großväter und -mütter eben tun, wenn sie keinen Fluchtgrund vorschützen können. Die angesprochenen Themen eröffnen wahrlich ein weites Feld: von Tony Blair bis zum Bevölkerungswachstum, von den Kriegen der Neunzigerjahre bis zur postmodernen Konsumtion, von der deutschen Wiedervereinigung bis zum Sex auf Krankenschein. Wenn Hobsbawm restlos alles - selbstverständlich auf seine Weise - beantwortet, dann leuchtet darin noch einmal die Faszination eines Meisterdenkers auf, der die Welt und die Geschichte als das Ganze durchdringt.
Wer die dramatischen Wenden des letzten Jahrhunderts bewusst und methodisch miterlebt hat, der hat tatsächlich etwas mitzuteilen - das Interessanteste wahrscheinlich über den Krieg, so wie das Gespräch überhaupt im Schatten des "undeklarierten Krieges" der NATO gegen Serbien steht. Die Technologie der "intelligenten Bomben", meint Hobsbawm, berge eine bezeichnende Dialektik von Vor- und Rückschritt in sich. Hochtechnologische Waffen ermöglichen die Rückkehr zur Option, zwischen militärischen Zielen und der Zivilbevölkerung zu trennen, und rufen den Krieg als privates modernes Dienstleistungsunternehmen ins Leben. Die Wiederkehr der Condotierri - der Söldnerführer des 14. und 15. Jahrhunderts - wird den Krieg als Institution jedoch auflösen, sofern damit die Garantien brüchiger werden, das fernere Ziel von politischen Verhandlungen zu erreichen.
Das teile der Krieg des 21. Jahrhunderts im Übrigen mit der Ökonomie, der Ökologie und anderen Aktivitätsfeldern: Die Erosion der Institutionen, die sie bisher administriert haben, erhöhe das Risiko von Pannen, Katastrophen und Desastern. Es fehle an repräsentativen Organen, so die fundamentale These des Historikers, um in der globalisierten Welt Regeln aufzustellen, deren Einhaltung zu kontrollieren und Sanktionen zu setzen.
Weit davon entfernt, damit einen neuen Superstaat mit Gewaltmonopol zu legitimieren, stützt sich Hobsbawms Argument auf das, was er einen "langen historischen Trend" nennt, nämlich die "Wende" weg von der Autorität des Nationalstaates hin zur zivilen Gegenmacht: "Die neue Situation am Ende des Kurzen Jahrhunderts und nach der Mobilisierung der Menschen an der Basis besteht darin, dass man diese Bereitschaft, eine höhere Macht über sich anzuerkennen, nicht mehr als selbstverständlich unterstellen kann."
Die metahistorischen Erzählfiguren in marxscher Tradition ermächtigen Hobsbawms Leser - so sie etwas Bildungswissen zur Hand haben -, die Rätsel der Vergangenheit in harmonische Abfolgen und Begründungszusammenhänge aufzulösen. Doch dann wieder zeigt Hobsbawm die Stärken seines historischen Materialismus: Die absolute Historizität liefert das Material für Spekulationen, die einen Handlungshorizont größerer Attraktivität bieten, als es die professionellen Zukunftsforscher mit ihrem auf "Faktizität" beruhenden Kalkül vermögen. So können wir beispielsweise nach dem Muster der segmentären vormodernen Gesellschaften, in denen Universitäten, Klerus und Adel transregional agierten, eine Welt prognostizieren, die nicht mehr politisch-geografisch, sondern "nach Maßgabe der zweihundert größten internationalen Unternehmen" organisiert wäre, die sich ihre eigene Sozial-, Straf-, Steuer- und Finanzpolitik ausverhandeln würden. Hobsbawms Folgerungen daraus sind dialektische Lehrsätze jener Art, für die wir den britischen Linken verbunden sind: "Es ist nicht ermutigend, wenn die einzige Persönlichkeit von globaler Bedeutung, die den Kapitalismus verurteilt, der Papst ist."
Dasjenige Moment an Hobsbawms "21. Jahrhundert", welches den Historiker elektrisiert, kommt indes nur im Subtext vor: Es ist dies die zunehmende Reduktion des Stellenwerts von Kontinuität und Tradition, die Hobsbawm beim Verfall der Regulative für politische Machtübergaben beobachtet. Tony Blair, für Hobsbawm schlicht "Maggie Thatcher in Hosen", schneidet in diesem Zusammenhang alles andere als gut ab. Dennoch, und auch das macht Hobsbawms genuine Qualität aus, findet sich keine Spur eines nostalgischen Labourismus.
Auch wenn man in der kritischen Selbstreflexion, die Hobsbawm an die unerlässliche Frage zum Ende des Links-rechts-Schemas in der Politik anschließt, die sonstige Bestimmtheit vermisst - in der Diagnose der Krise der von ihm verteidigten Linken liegt dennoch ein kleines Vermächtnis. Es lautet: "In der Vergangenheit kam niemand auf die Idee, dass ein Kampf um individuelle Freiheit unvereinbar sein könnte mit dem Kampf um kollektive Emanzipation. Am Ende des 20. Jahrhunderts ist zunehmend deutlich geworden, dass es zwischen diesen beiden Bedürfnissen einen Konflikt gibt." Was also tun? Es scheint der Linken wieder einmal nur Marx' alte Lieblingsphrase zu bleiben: "Hic rhodus, hic salta!" - "Hier zeige, was du kannst!"

Klaus Taschwer in FALTER 15/2000 vom 14.04.2000 (S. 66)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Abenteuer Zukunft (Eirik Newth, Roswitha Schieb)
Das Gesicht des 21. Jahrhunderts (Eric Hobsbawm, Waltraud Heindl)
Jeff Koons (Rainald Goetz)
Dekonspiratione (Rainald Goetz)
Fragen an das 21. Jahrhundert (Martin Bernhofer)
"Ich fühle mich nicht schuldig!"
Visionen 1900 2000 2100 (Angela Steinmüller, Karlheinz Steinmüller)
Deep in Techno (Marcel Feige)
Kultbücher (Frank Schäfer)
Junger Mann ohne Kleider (Billy Childish, Conny Lösch)

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