Oskar Kokoschka
Kunst und Politik 1937-1950

von Gloria Sultano, Patrick Werkner

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Böhlau
Erscheinungsdatum: 01.01.2003

Rezension aus FALTER 41/2003

Der Maler Oskar Kokoschka war ein Opfer der NS-Kulturpolitik, bevor er zum konservativen Moderne-Verächter wurde. Eine neue Studie beschreibt Kokoschkas Spagat zwischen Widerstand und Traditionalismus.

Jung verstorbene Künstler eignen sich zur Mythisierung. Künstler, die alt werden, tragen dagegen noch zu Lebzeiten zur eigenen Entzauberung bei, und sei es auch nur dadurch, dass sie der Nachwelt mit mehr als nur einem Image in Erinnerung bleiben. Das trifft auf den österreichischen Künstler Oskar Kokoschka (1886-1980) zu, der als junger Rebell des Expressionismus für Skandale sorgte, nach dem Zweiten Weltkrieg jedoch als Adenauer-Porträtist und konservativer Leiter der Salzburger Sommerakademie Schule des Sehens in Erscheinung trat.

Seinem mittleren Lebensabschnitt widmet sich die vorliegende Studie, die sich zwei Lebensdaten zur Klammer macht: das Jahr 1950 und das Jahr 1938. In letzerem nahm Kokoschka einen prominenten Platz in der Wanderausstellung "Entartete Kunst, jener spektakulären Schau, mit der nationalsozialistische Kulturpolitik zum Vernichtungsschlag gegen die moderne Kunst ausholte und die 1939 im Wiener Künstlerhaus Station machte. Etwa zur selben Zeit fand im Wiener Museum für Kunst und Industrie eine große Retrospektive seines Werks statt. Das Industrie-Museum sprang ein, da sich die NS-Hochburg Secession gegen die Ausrichtung eines in Deutschland verfemten Künstlers ausgesprochen hatte.

Im ständestaatlichen Österreich wurde Kokoschka gegen die NS-Kunstpolitik in Stellung gebracht. Er selbst sah sich von der Wiener Kulturpolitik freilich stets missachtet, lebte seit 1934 im Prager Exil und reiste auch nicht zu seiner ersten großen Personalausstellung nach Wien. Wie der Ausstellungskurator Carl Moll und der Museumsdirektor Richard Ernst kurz darauf zu Nazianhängern wurden, während der Hauptsponsor Ferdinand Bloch-Bauer flüchten musste und seine Kunstsammlung durch "Arisierung" geraubt wurde; wie Kokoschkas Werke selbst aus den deutschen Museen entfernt und verschachert wurden: Das alles beleuchten die Autoren faktenreich und bündeln am Beispiel OK die fatalen Folgen der Politisierung der Kunst durch die NS-Herrschaft. Kokoschka selbst blieb Anhänger eines reformpädagogischen Gesellschaftsmodells, unterstützte aus seinem Londoner Exil Kinderhilfsprogramme und malte - und das ist der bisher ignorierte Aspekt seines Werks - expressionistische Allegorien auf die Weltpolitik.

Das Jahr 1950 ist die andere Klammer des von Sultano/Werkner beschriebenen Lebensabschnitts. Da fand im Münchner Haus der Kunst mit einer Retrospektive eine Rehabilitierung an jenem Ort statt, wo er 1938 in der "Entarteten"-Ausstellung diffamiert worden war. 1950 entstand auch, gemeinsam mit dem Galeristen Friedrich Welz, der Plan für eine Sommerakademie. Kokoschka wusste offensichtlich nichts von Welz' übler Rolle in den NS-Kunstrauben, seine obsessive Ablehnung der abstrakten Malerei machte ihn aber empfänglich für falsche Freunde. An seinen Plan, Josef Stalin zu malen, wollte er damals allerdings schon nicht mehr erinnert werden. Die verdiente Rehabilitierung in Wien blieb Kokoschka versagt. Als Akademie-Professor wollte man ihn nicht haben, und die Stadt Wien bot ihm 1952 lediglich einen drittklassigen Ehrenring an. "Ich bitte Sie freundlichst, dem Wiener Gemeinderat mitteilen zu wollen, dass ich nie Ringe oder anderen Schmuck trage", schrieb ein verbitterter OK von seinem Alterssitz im Schweizer Villeneuve an den Stadtrat Lorenz Mandl.

Die Arbeit zeichnet sich durch umfangreiches Quellenstudium aus, bloß versiegt ihr Erzählfluss in den hoch aufgetürmten Zitaten. Auch würde es leichter fallen, die Bedeutung Kokoschkas als Feindbild der NS-Kunstpolitik besser zu verstehen, wenn seine künstlerische Biografie vor 1938 zumindest ansatzweise beschrieben worden wäre.

Matthias Dusini in FALTER 41/2003 vom 10.10.2003 (S. 34)


Bitte warten...

Sie haben folgendes Produkt in den Warenkorb gelegt:

{{var product.name}}


weiter einkaufen
zum Warenkorb