Marietta Blau - Sterne der Zertrümmerung
Biographie einer Wegbereiterin der modernen Teilchenphysik

von Robert W. Rosner, Brigitte Strohmaier

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Verlag: Böhlau Wien
Format: Hardcover
Genre: Physik, Astronomie/Atomphysik, Kernphysik
Umfang: 224 Seiten
Erscheinungsdatum: 01.04.2003

Rezension aus FALTER 41/2003

Ein neuer Sammelband erinnert an Marietta Blau (1894-1970), eine zu Unrecht vergessene Wegbereiterin der modernen Physik, die sich für ihre Forschungen auch den Nobelpreis verdient hätte.

Sie war eine der ersten Frauen, die in Wien Physik studierten. Doch nicht nur das: Marietta Blau entwickelte in den 1920er- und 1930er-Jahren am Wiener Radiuminstitut eine revolutionäre Methode zum Nachweis von Kernteilchen mittels fotografischer Platten. Die so genannten "Zertrümmerungssterne" interpretierte die junge Forscherin richtigerweise als Spuren der Kernreaktionen, die Bestrahlung in den Fotoplatten bewirkte. Noch heute ist Blaus Methode in der medizinischen Diagnostik unverzichtbar - und nicht nur da.

Doch Marietta Blaus Karriere kam zu einem jähen Ende, als sie nach der Machtübernahme Hitlers ins mexikanische Exil musste. Durch den Zwang, sich selbst und ihre Mutter finanziell über Wasser zu halten, ließ sie sich in einen Lehrbetrieb einspannen, der sie weit unterforderte und ihr keine Zeit für die eigentliche Forschung ließ. Obwohl sie später in den USA in renommierten Labors wie Brookhaven und Miami arbeitete, konnte sie - auch aufgrund fehlender "Ellbogen" - den Abstand nicht mehr aufholen und wieder in Führungspositionen gelangen. Die ihr gebührende Anerkennung kassierten andere: Obwohl sich Erwin Schrödinger für sie einsetzte und sie zwei Mal für den Nobelpreis vorschlug, erhielt diesen 1950 der britische Physiker Cecil Powell für die Methode, die Blau entwickelt und die er aufgegriffen hatte.

Mit einer bescheidenen Pension kehrte Marietta Blau 1960 in ihre alte Heimat Wien zurück und arbeitete trotz ihrer geschwächten Gesundheit wieder unentgeltlich am Radiuminstitut, das inzwischen von einer jüngeren Kollegin geleitet wurde. Im Alter wurde ihr zwar eine gewisse späte Anerkennung zuteil (Schrödinger-Preis 1962), doch vor der Vereinsamung konnte sie das nicht bewahren. Marietta Blau starb 1970 in Lainz an Lungenkrebs.

Den Autoren ist es ein Anliegen, auch die persönlichen Verletzungen zu dokumentieren, die die sensible Physikerin durch die jahrzehntelange Nichtbeachtung ihrer Person wie ihrer wissenschaftlichen Pionierarbeit erfuhr. So wurde die vorliegende Biografie nicht nur zu einer späten Hommage an eine außergewöhnliche Forscherin, sondern zum berührenden Porträt einer Frau, die trotz herausragender Fähigkeiten und harter Arbeit nach der Entwurzelung im Exil in den oberen Etagen des Wissenschaftsbetriebs nie wieder Fuß fassen konnte.

Die US-amerikanische Wissenschaftshistorikerin Ruth Lewin Sime machte im Juni 2003 im Rahmen des Symposiums "Österreich und der Nationalsozialismus - die Folgen für die wissenschaftliche und humanistische Bildung" deutlich, wie sehr sowohl Marietta Blaus als auch ihre Physikerkollegin Lise Meitner durch doppelte Ausgrenzung als Jüdinnen und Frauen beeinträchtigt wurden. Es gehört zum Verdienst dieses in der von Wolfgang Kerber und Wolfgang Reiter betreuten Reihe "Beiträge zur Wissenschaftsgeschichte und Wissenschaftsforschung" erschienenen Buches, auch solche Zusammenhänge aufzuzeigen.

Karin Chladek in FALTER 41/2003 vom 10.10.2003 (S. 34)


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