Camillo Sitte - Gesamtausgabe / Der Städte-Bau nach seinen künstlerischen Grundsätzen
Ein Beitrag zur Lösung modernster Fragen der Architektur und monumentalen Plastik unter besonderer Beziehung auf Wien

von Klaus Semsroth, Michael Mönninger, Christiane C. Collins

€ 52,00
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Verlag: Böhlau Wien
Format: Hardcover
Genre: Kunst/Architektur
Umfang: 255 Seiten
Erscheinungsdatum: 01.01.2003

Rezension aus FALTER 47/2003

Der als "Kleinstadtidylliker" missverstandene Camillo Sitte (1843-1903), der die Stadtplanung vom Diktat der Geraden befreien wollte, wird in seiner Aktualität wieder entdeckt.

Man kann davon ausgehen, dass Camillo Sitte zu jener Spezies von Musikliebhabern zählen würde, die Vinyl der Compact Disc vorziehen. Denn der Direktor der Wiener Staatsgewerbeschule, begeisterter Freizeitcellist und Richard-Wagner-Anhänger, liebte die Nebengeräusche, die entstehen, wenn die Idee eines Kunstwerks die Bühne des Lebens betritt. Als ein früher Theoretiker des Atmosphärischen flanierte er entlang der neuen Prachtbauten zwischen Rathaus und Hofoper und vermisste auf seinen Spaziergängen durch das Wien der Ringstraßenzeit jene Unregelmäßigkeiten, die eine glatte Oberfläche sinnlich machen: Staub, Wind, Bodenbelag und Bepflanzung waren ihm ebenso wichtig wie Fassadengestaltung und historisch korrektes Baustilzitat.

"Zur Erweckung eines Heimatgefühls" möge die Gestaltung dessen dienen, was heute öffentlicher Raum heißt. Sitte graute vor dem "Blockrastrum", dem in einzelne Blöcke zerschnittenen Stadtraum und vor dem geometrischen Funktionalismus der aufkeimenden modernen Stadtplanung. Gegenüber schnurgeraden Straßenzügen bevorzugte er Krümmungen, unregelmäßige Fassadenverläufe gegenüber geraden Blockzeilen. Frei stehende Gebäude wie das Rathaus oder die Votivkirche würden ihre monumentale Wirkung durch misslungene Proportionen zwischen gebautem und umbautem Raum verfehlen. Der ehemalige Schüler des Piaristengymnasiums liebte den an drei Seiten geschlossenen Piaristenplatz (heute Judok-Fink-Platz). "Er ist blos (!) 47 Meter breit, also um volle zehn Meter schmäler als die Wiener Ringstraße, während man nach dem Augenmasse meinen möchte, dass umgekehrt die Ringstraße schmäler wäre."

Das 1889 erschienene Buch "Der Städtebau nach seinen künstlerischen Grundsätzen", das nun im kommentierten Reprint vorliegt, gehört zu den Merkwürdigkeiten der Architekturgeschichte. Da legt ein bis dahin der Öffentlichkeit lediglich als Verfasser von Kunst- und Architekturkritiken bekannter Schulleiter ein nicht sonderlich umfangreiches Buch vor, das so erfolgreich ist, dass schon nach zwei Monaten eine zweite Auflage erscheint; rasch wird das Buch in andere Sprachen übersetzt. Die Umsetzung seiner an englische Gartenstadtmuster angelehnten Ideen folgte den Exportwegen der Publikation. Karl Henrici berief sich bei der Stadterweiterung Münchens auf Sittes Grundsätze, finnische Architekten planten Wohnviertel nach Sittes Vorgabe krummer Straßen und privater Gärten, und selbst amerikanische Stadtgründungen gehen auf die Verbreitung seiner Ideen zurück.

Nur in seiner Heimatstadt bleibt Sitte ein Außenseiter. "Vielleicht wurde er als Kleinstadtidylliker verkannt, weil er in Wien nie Fuß fassen konnte und sich seine Pläne auf kleine Städte wie Olmütz oder Marienberg in Schlesien beschränkten", mutmaßte der deutsche Architekturhistoriker Michael Mönninger auf dem Sitte-Symposium der TU Wien am vergangenen Wochenende. Sein Kollege Wolfgang Sonne legte schlüssig dar, dass manche Anhänger Sittes dessen Schriften zu Unrecht in einem völkisch-rassistischen Sinn gedeutet hätten, etwa Henrici in München, der beim "Kampf um das deutsche Wesen" die Stadt von allem fremden Rechtwinkeligen reinigen wollte.

Sittes Buch zum Städtebau ist mit leichter Hand geschrieben und liest sich wie der Kommentar eines weit gereisten Stadtbenutzers - mit einer Vorliebe für italienische Piazzas - zu den Veränderungen in seiner Heimatstadt. Gabriele Reiterer sprach in ihrem Vortrag über die unglaubliche Wissensmenge, die Sitte in fast allen Fachdisziplinen seiner Zeit akkumulierte. Er stand an der Schwelle jener Epoche, in der die Naturwissenschaft begann, den Führungsanspruch in Sachen Wahrheit zu übernehmen, und blickte in den Abgrund der eigenen Vielwissenheit, die durch kein philosophisches System mehr zusammengehalten wurde. Das geplante achtbändige Werk zur Menschheitsgeschichte kam selbstredend nicht zustande.

Die modernistische Stadtplanung von Otto Wagner bis Le Corbusier, deren Leitbild die tabula rasa war, legte den Theoretiker des genius loci als sentimentalen Kleinstadtromantiker zu den Akten des 19. Jahrhunderts - zu früh. Denn vieles von dem, was Sitte an den "modernen Stadt-Anlagen" (so eine Kapitelüberschrift) bemängelte, wurde im post-fordistischen Konzept einer Stadt als "Event" kompensiert; das von Sitte - als Gegenpol zum pragmatischen Rationalismus - beschworene Malerische dient dem umworbenen Konsumenten als Bühnenbild. Den leeren Rathausplatz wollte Sitte durch Konzertpavillons auffüllen. Wie die amerikanische Architekturhistorikerin Christiane Crasemann Collins in ihrem Vortrag darlegte, führt ein direkter Weg von Sitte zu den Projekten des New Urbanism mit seiner Idee eines autofreien Zentrums mit hübschen Häuschen und einem zentralen Platz, wo nach dem Einkauf noch ein kommunitaristisches Pläuschchen über den Irakkrieg gehalten wird. Sittes aktuellsten Beitrag aber sieht Crasemann Collins aber in dessen Überlegungen zur Funktion des Denkmals. "Sittes hundertster Todestag fällt in eine Zeit, in der sich Architekten und Planer als Reaktion auf die weltweite Angst vor zerstörerischen Ereignissen mit Nachdruck auf Gedenkstätten und Denkmäler konzentrieren."

Natürlich entging dem Generalisten Sitte auch die Bedeutung der Akustik bei der Raumplanung nicht. Als der vom Konkurs bedrohte Komponist Richard Wagner am Vorabend der Uraufführung des "Parsival" stand, erhielt er eine mehrseitige Expertise, die ihm den Angstschweiß aus den Poren trieb. Ein anonymer Autor listete darin die raumakustischen Mängel des Konzertsaals auf und bot Wagner an, die Probleme persönlich darzulegen. Erst eine sofortige Krachprobe konnte den aufgeregten Komponisten beruhigen. Den Termin bei Wagner bekam Sitte nicht.

Matthias Dusini in FALTER 47/2003 vom 21.11.2003 (S. 72)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

AugenSinn (Gabriele Reiterer)

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