Die Wiener Free-Jazz-Avantgarde: Revolution im Hinterzimmer

von Andreas Felber

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Verlag: Böhlau Wien
Format: Hardcover
Genre: Musik/Musikgeschichte
Umfang: 512 Seiten
Erscheinungsdatum: 01.01.2005

Rezension aus FALTER 11/2005

Andreas Felber hat ĂŒber den Wiener Free-Jazz dissertiert und dabei ein StĂŒck Nachkriegsmoderne freigelegt.

Ich habe in der ,Adebar' Klavier gespielt, was einmal einen Gast so in Wut gebracht hat, dass er mir die Hand mit einem Messer ans Klavier nageln wollte." Lohn der pianistischen Mutprobe: zwei zerschnittene Finger. Der Name des GewalttÀters: Udo Proksch. Das Opfer der Stichattacke sollte in den folgenden Jahren - dann allerdings als Saxofonist der "Masters of Unorthodox Jazz" und unter dem "Nom de guerre" Harun Ghulam Barabbas - noch reichlich Gelegenheit bekommen, ganze KonzertsÀle gegen sich aufzubringen.

Mut, Sendungsbewusstsein und wohl auch ein gerĂŒttelt Maß an "VerrĂŒcktheit" brauchte es, um in den spĂ€ten FĂŒnfzigern, frĂŒhen Sechzigern in Österreich mit "selbst erfundenem" Free Jazz gegen den bleiernen Nachkriegskonservativismus anzutönen. Selbst in libertinen KĂŒnstlertreffs wie dem Strohkoffer oder eben jener Adebar, Fluchtburgen des weltlĂ€ufigen Zeitgenossentums und der Existenzialistenboheme, wurden den "lĂ€rmenden Spinnern" regelmĂ€ĂŸig "Watschen angetragen". Waren das also bloß "skurrile, exotische Provokateure, der Scharlatanerie verdĂ€chtige Dilettanten" oder doch gar "verkannte, isolierte Avantgardisten, die internationale Entwicklungen antizipierten", wie sich mitunter das Feuilleton und selbst der Boulevard in Hitze schrieben?

Dass sich tatsĂ€chlich schon frĂŒh - zeitgleich mit dem Free Jazz in New York, aber in seinen Ă€sthetischen Ausformungen davon weitgehend autark - in Wien so etwas wie eine frei improvisierende Avantgarde zu regen begann (Saxofonist/ Schlagzeuger Walter Malli: "Es passierte gleichzeitig und unabhĂ€ngig von Amerika, es war ganz einfach in uns drinnen"), belegt der Jazzpublizist Andreas Felber mit einer voluminösen jazzhistorischen Studie. Detailverliebt und mit der Akribie des Musikologen zeichnet der Autor entlang den EntwicklungsstrĂ€ngen von zwei "Ensembles mit Modellcharakter" - dem Kollektiv der "Masters of Unorthodox Jazz" (MoUJ) und der "Reform Art Unit" (RAU) um Fritz Novotny - erstmalig die Entwicklung einer eigenstĂ€ndigen österreichischen "Schule frei improvisierter Musik" nach, um, so der Autor, jene Experimentatoren "ins Recht zu setzen, die gegen alle Anfeindungen und WiderstĂ€nde ihre eigene Musik gemacht haben".

In der Zusammenschau von Zeitdokumenten und Presseberichten, mit vergleichenden Analysen von TontrĂ€gern und durch Interview- und Briefkontakte mit Beteiligten und ZaungĂ€sten lĂŒftet Felber einiges von jenem "undurchsichtigen Nebelschleier", der - gewoben aus Mystifikationen, MissverstĂ€ndnissen, Gschichterln und GeschichtslĂŒgen - bis heute die AnfĂ€nge der Wiener Jazzavantgarde umhĂŒllt. Besonders verdienstvoll ist dabei, dass den personellen und ideellen Verflechtungen und Kontaktnahmen der Musiker zu anderen Kunstsparten nachgegangen wurde, sodass sich das Buch wie ein Who's who der österreichischen Nachkriegsmoderne liest.

Problematisch, ja geradezu irrefĂŒhrend ist allerdings der Buchtitel "Die Wiener Free-Jazz-Avantgarde": Suggeriert er doch in seinem pauschalierenden Duktus, mit den beiden Pionierensembles MoUJ und RAU (inklusive ihrer VorlĂ€ufer- und Filialgruppen und personellen QuerbezĂŒge) seien die wienerische Variante des Free und die mit ihm korrespondierenden Genres erschöpfend abgehandelt. Eine Erörterung des titelgebenden Begriffskonzepts der Avantgarde fehlt ganz; zu einer historischen und konzeptuellen Abgrenzung des Free-Jazz-Begriffs finden sich immerhin Verweise auf die Fachliteratur. Bei manchem von Musikern in Umlauf gebrachten Kampfbegriff (etwa Novotnys "Dritte Wiener Schule") hĂ€tte man sich ein investigativeres Nachfragen gewĂŒnscht.

Was aber dem Buch mindestens so angestanden wĂ€re: ein scharfes Lektorat. Es hĂ€tte das Werk womöglich nicht nur gestrafft und etliche Datierungs-, Namens- und Sachfehler korrigiert, sondern auch dem ĂŒberdehnten Hofratsparlando, dem man alle paar Seiten begegnet ("zum Zwecke des Empfangs pekuniĂ€ren Subventionssukkurses"; "echote der konzertante Ruf [...] in schwachen FortpflanzungsauslĂ€ufern aus dem medialen BlĂ€tterwald"), etwas die Spitze genommen.

Klaus Peham in FALTER 11/2005 vom 18.03.2005 (S. 51)


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