Der Dollfuß-Mythos
Eine Biographie des Posthumen

von Lucile Dreidemy

€ 36,00
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Verlag: Böhlau Wien
Format: Taschenbuch
Genre: Geschichte
Umfang: 364 Seiten
Erscheinungsdatum: 08.10.2014


Rezension aus FALTER 4/2015

Zwischen Arbeitermörder und Märtyrerkanzler: Dollfuß

Die Historikerin Lucile Dreidemy hat ein Buch über den Mythos rund um den österreichischen Bundeskanzler Engelbert Dollfuß verfasst

Es gibt keine Gestalt in der österreichischen Geschichte des 20. Jahrhunderts, die Parteien und Gesellschaft derart spaltet wie Engelbert Dollfuß. Arbeitermörder? Märtyrerkanzler? Selbst wenn man sagt, dass beides zutrifft, wird kein Konsens sichtbar. Lucile Dreidemy beschreibt, was daraus entstanden ist: der "Dollfuß-Mythos". Hätten ihn nicht die Nazis umgebracht, fiele die Bewertung von Leben und Werk weniger kontroversiell aus. So aber bleibt der Streit, und der hat auch um dieses Buch schon begonnen.
Der Politikwissenschaftler Gottfried-Karl Kindermann nennt die Arbeit "eine Schrift blanken Hasses" und Andreas Khol, Klubobmann der ÖVP in der Ära Schüssel, spricht in der Tageszeitung Die Presse von "revisionistischen Thesen der Autorin", denen er "nur deutlich widersprechen" könne.
"Austrofaschismus" bezeichnet Khol in seiner Erwiderung als "ideologischen Kampfbegriff" mit dem Ziel, "die Diktatur von Dollfuß mit der NS-Diktatur und dem Faschismus Mussolinis gleichzusetzen". Nun ist zwar "Austrofaschismus" tatsächlich ein problematischer Begriff, weil viele, aber nicht alle Kriterien des Faschismus in Österreich zutrafen, und jeder Historiker ist sich dessen bewusst, aber keiner, der oder die seine fünf Sinne beisammen hat, setzt den Austrofaschismus mit der NS-Diktatur gleich. Als Erkenntnisgewinn registrieren wir jedoch, dass Khol von Dollfuß als "Diktator" spricht. Zu dieser Einsicht hat die ÖVP lang gebraucht.

Dollfuß-Birnen und Dollfuß-Linden
Streitfördernd ist sicherlich Dreidemys Feststellung im Vorwort: "Anstatt einen neutralen Blick vorzutäuschen, sei in diesem Sinne vorweggenommen, dass sich diese Biografie des Posthumen als eine kritische Auseinandersetzung mit Dollfuß und der Mythisierung seiner Person versteht." Ist das ein korrekter Ansatz? Selbstverständlich. Hätte es 1934 keine Demokraten gegeben, dann wäre Dreidemys demokratischer Blick auf Dollfuß ahistorisch, würde mit einem damals nicht existenten Begriff operieren. Aber es gab die Demokraten gegen Dollfuß.
Die Autorin beschreibt das unmittelbar nach dem Mord einsetzende "Gedränge um Dollfuß' Erbe": der Nachfolger Schuschnigg, die Vaterländische Front, die Heimwehr, die Legitimisten, aber auch die Post- und Telegraphenverwaltung, die Wiener Messe, der CV und so fort. Der Weg zur unfreiwilligen Komik ist kurz. Da heißt es zum Beispiel, "dass Dollfuß von nun an gleich einem Gestirn am Himmel als ewiger Wegweiser für seine politischen Nachfolger bzw. für das gesamte Vaterland fungieren
sollte".
Die Dollfuß-Kirche auf der Hohen Wand als "das religiöse Nationaldenkmal der VF" – Dreidemy beschreibt in mehreren Kapiteln die zentrale Rolle der katholischen Kirche im Mythos: "Die Assoziierung mit Christus" ("dein Opfertod", "das historische Ballhaus sein Golgatha"), "Dollfuß und der Marienkult", "Dollfuß und der Hl. Engelbert", "Der Weg der Seligsprechung" – dazu kam es nie. Der Vatikan hatte nicht vor, sich wegen Dollfuß mit Hitlers Deutschland anzulegen. Aber für verdienstvolle Funktionäre gab es "Erde von Dollfuß' Grab", deren Echtheit von der Vaterländischen Front beglaubigt wurde.
Das Komische wird von Lucile Dreidemy trocken und ohne Häme notiert. Dazu die Dollfuß-Glocken, Dollfuß-Kerzen, Dollfuß-Orgeln, Dollfuß-Brücken, Dollfuß-Berge, Dollfuß-Birnen, Dollfuß-Linden. Dollfuß-Wälder gab es auch.
Das alles jedoch vergebens, weil es über die katholischen Kernschichten nicht hinausreicht. Überdies endet es 1938, findet aber eine Fortsetzung im katholischen Exil. Von dieser Seite wurde gegenüber den Alliierten auf Dollfuß' Ermordung hingewiesen, um klarzumachen, dass es den in der Moskauer Deklaration 1943 geforderten Widerstand gegen den Nationalsozialismus schon Jahre davor als österreichische Regierungspolitik gegeben habe. Die Opferthese ab 1945 beruft sich daher nicht nur auf den Wortlaut der Moskauer Deklaration, sondern katholischerseits auch auf Dollfuß.

Ritualisierte Kontroverse
Der folgende Dollfuß-Diskurs der Zweiten Republik wird von Lucile Dreidemy ausführlich beschrieben und zusammengefasst. Die Autorin zitiert den katholisch-konservativen Dollfuß-Freund Ernst Karl Winter mit dessen Kritik am Kanzler, auch schon zu Dollfuß' Lebzeiten, und sie kritisiert ihn ihrerseits für dessen Feststellung: "Trotzdem ist es wahr: Dollfuß hat (...) diesem Lande etwas gegeben, was wie ein Wunder anmutet: das österreichische Selbstbewußtsein."
Das hält Dreidemy für einen Rückzieher. Doch da ist der Autorin zu widersprechen: Die Österreich-Ideologie nach 1945, die letztlich mit vielen Geschichtsverdrehungen und Lügen zu einem österreichischen Selbstverständnis als Nation geführt hat, ist von Dollfuß nicht völlig zu trennen.
Dass der Mythos lebt, beweist das Dollfuß-Bild im ÖVP-Klub – ausgerechnet im Parlament, das Dollfuß ausgeschaltet hatte! – und beweist auch das 1998 eröffnete Dollfuß-Museum im Geburtshaus in Texing, das Dreidemy als "moderne Huldigungsstätte" vernichtend kritisiert.
Lucile Dreidemy hat ein gescheites, streitbares, materialreiches Buch geschrieben, das von der "organisierten Trauerpolitik" nach Dollfuß' Tod zu den wiederkehrenden, "beinahe ritualisierten Dollfuß-Kontroversen zwischen ÖVP und SPÖ" führt, deren Ursache die Autorin zu Recht darin sieht, dass der Austrofaschismus heute fast ausschließlich mit der Person Dollfuß identifiziert wird. Daraus resultieren Dollfuß-Mythos und Gegenmythos als zwei unversöhnliche Narrative, die uns noch längere Zeit begleiten werden.

Peter Huemer in FALTER 4/2015 vom 23.01.2015 (S. 21)


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