Wer konnte, griff zu

von Peter Böhmer

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Böhlau
Erscheinungsdatum: 01.01.1999

Rezension aus FALTER 10/1999

"Rot-schwarzer Raubzug"

Heinrich Treichl, Ex-Generaldirektor der Creditanstalt, erlebte in den Nachkriegsjahren, wie sich SPÖ und ÖVP an arisiertem jüdischen Vermögen bereicherten. Treichl über die Habgier der Koalitionäre, deren Angst vor unabhängigen Verlegern und den Deal der CA mit Ed Fagan.

Als Heinrich Treichl, Generaldirektor i.R. der Creditanstalt (CA), vor einigen Wochen im französischen Wochenmagazin Le Nouvel Observateur blätterte, erwachten alte Erinnerungen. In einem Beitrag mit dem Titel "Autriche: le crime inavoue" wurde ein Artikel des Falter (38/98) zitiert, der die Bereicherung von SPÖ und ÖVP an arisiertem jüdischem Vermögen thematisierte. Dem 85jährigen Treichl stach vor allem die Causa der Druckerei Waldheim-Eberle ins Auge - stand der Banker in den Nachkriegsjahren doch im Sold des Unternehmens. Die Geschichte der Firma Waldheim-Eberle in groben Zügen: Die Familie Ullstein, jüdische Besitzer der Druckerei, mußte nach der Machtergreifung der Nazis ihr Unternehmen an einen Nazi-Verlag abtreten. Nach Kriegsende beschlagnahmten die Amerikaner das Unternehmen. Im April 1948 wurde dem von Peter Krauland (ÖVP) geleiteten Ministerium für Vermögenssicherung und Wirtschaftsplanung bekannt, daß die Ullsteins einen Antrag auf Rückerstattung von Waldheim-Eberle gestellt hatten. Doch die ÖVP hatte schon seit langem ein Auge auf die Druckerei geworfen. Durch Interventionen versuchte sie, die Ziele der jüdischen Eigentümer zu vereiteln - was ihr auch gelang: Am 19. Oktober wurde die Druckerei der Republik verfallen erklärt. Sie fiel unter die Kontrolle des Krauland-Ministeriums, das Waldheim-Eberle an die proporzmäßig besetzte Gesellschaft Der Kreis verpachtete. Nach langjährigen Verhandlungen - und gegenseitigem Unverständnis - verzichteten die Ullstein-Vertreter im Juli 1956 in einem Vergleich auf ihre Rechte und erhielten dafür 16 Millionen Schilling. Der tatsächliche Wert der Druckerei wurde schon damals auf 60 Millionen geschätzt.1 Seit diesen Vorgängen ist ein halbes Jahrhundert vergangen. Die Empörung Treichls, "zähneknirschend" ÖVP-Mitglied, über die koalitionären Machenschaften ist dennoch nicht verflogen.

Falter: Was geschah nach Kriegsende mit der Druckerei Waldheim-Eberle?

Heinrich Treichl: Ich habe hautnah miterlebt, wie sich die Republik die Druckerei Waldheim-Eberle angeeignet hat, statt sie ihren früheren jüdischen Eigentümern zurückzugeben. In der Folge hat sie das Unternehmen parteipolitisch ausgenützt. Es war ein rot-schwarzer Raubzug unter der Führung des Ministers Krauland.

Wie haben Sie diesen "Raubzug" erlebt?

Fritz Ross, dessen Familie ich in den späten dreißiger Jahren kennengelernt habe und der später mein Schwiegervater wurde, war mit einer Ullstein verheiratet. Er war als "Arier" nach der Machtergreifung der Nazis in Deutschland zum Präsidenten der Ullstein AG gemacht worden. In dem unfaßbaren Optimismus der patriotischen deutschen Juden hofften die Ullsteins, sich auf diese Weise mit den Nazis arrangieren zu können. Vergebens. Ross war Österreicher. Nach Kriegsende hat er sofort bei Staatskanzler Karl Renner den Anspruch der Familie Ullstein auf Waldheim-Eberle deponiert. Ross wurde daraufhin zum öffentlichen Verwalter der Druckerei bestellt. Er bewog mich, als kaufmännischer Leiter bei Waldheim-Eberle einzutreten. Die Druckbasis war für den Wiederaufbau Ullsteins, vor dem Krieg Deutschlands größtes Verlagsunternehmen, von essentieller Bedeutung. Wir hofften etwa, eines Tages den dort gedruckten Wiener Kurier, das Blatt der amerikanischen Besatzungsmacht, übernehmen zu können. Doch für Waldheim-Eberle gab es noch andere Interessenten.

Welche?

Minister Krauland erklärte am 19. Oktober 1948 Waldheim-Eberle der Republik Österreich verfallen. Fritz Ross wurde abberufen, ich wurde gekündigt. Mein Nachfolger wurde ein Angestellter, Heinz Holzbach, später Präsident des Fußballklubs Rapid, Sohn des Angestelltenbetriebsrates. Einige Tage später wurde das Unternehmen an den "Kreis" verpachtet, eine GmbH, an der zur einen Hälfte der ÖAAB durch einen Treuhänder, zur anderen Hälfte der Betriebsratsobmann und der Vater Heinz Holzbachs beteiligt waren. Diese rot-schwarze Betriebsgesellschaft führte nunmehr das Unternehmen.

Hat das Krauland-Ministerium klipp und klar gesagt: "Wir wollen die Druckerei?"

Nein, das ist, auf gute österreichische Politmanier, hinterfotzig gemacht worden. Die Verfallserklärung hat uns wie ein Keulenschlag getroffen, völlig unerwartet. Krauland zog das still und heimlich hinter unserem Rücken durch. Das Ministerium verfolgte dann eine Zermürbungstaktik. In der Familie Ullstein gab es zahlreiche Anspruchsberechtigte in der dritten und vierten Generation, die in Deutschland vor einem Trümmerfeld, dem völlig zerstörten Ullstein-Haus im Zentrum Berlins, standen. Die haben ein langwieriges und kostspieliges Gerichtsverfahren gescheut - und sich mit einer völlig unangemessenen Entschädigung abspeisen lassen.

Glauben Sie, daß das Beispiel Waldheim-Eberle typisch ist für den Umgang der Republik und der österreichischen Parteien mit jüdischem Eigentum nach dem Zweiten Weltkrieg?

Meines Wissens ist Waldheim-Eberle der erste größere Fall gewesen, wo sich die Republik Österreich ein Unternehmen aus jüdischem Besitz angeeignet hat, um es parteipolitisch zu verwerten. Die Regierungsparteien haben sich damit Vorteile verschafft. Krauland beanspruchte das Unternehmen für die Partei, die SPÖ stimmte nur unter der Bedingung zu, daß sie beteiligt werde.

Welche Motivation trieb die Parteien Ihrer Meinung nach an?

Vielleicht in erster Linie Habgier. Darüber hinaus gab es auch einen politischen Grund. Waldheim-Eberle eröffnete Möglichkeiten im Pressewesen, nach denen die Parteien begehrlich griffen. Ullstein war in Tradition und Zielsetzung politisch unabhängig. Ein unabhängiger und liberaler Verlag ist eine Schreckensvorstellung in der österreichischen Parteienlandschaft. Nichts fürchten die so sehr wie einen unabhängigen Verleger. Das läßt sich am Fall Waldheim-Eberle sehr genau ablesen. Als Ullstein später versuchte, den Wiener Kurier von den Amerikanern zu kaufen, wurde das durch politischen Einfluß verhindert.

Wie?

Der spätere Eigentümer hatte einfach die besseren Parteibeziehungen. Für eine rot-schwarze Koalition war all das ein perfektes Konzept: Die einen bekamen quasi eine Sozialisierung, die anderen eine Stärkung ihrer Position im Pressewesen. Beide waren glücklich, die Entstehung eines unabhängigen Verlages verhindert zu haben.

Der vielbeschworene antinazistische Konsens der Nachkriegszeit erscheint da in einem anderen Licht.

Ich glaube, daß man das weder als antinazistisch noch als antisemitisch interpretieren kann. Es war der unersättliche Appetit und die Überheblichkeit der "Apparate": des Staates, der politischen Parteien, die ihn als ihren Besitz betrachten, und der Bürokratie. Österreich ist ein sehr etatistisches Land. Es fehlt die liberale angelsächsische Einstellung zum Staat, die Tendenz, staatliche, politische Macht zu beschränken.

Wie wäre der Fall Waldheim-Eberle in einem liberal-angelsächsischen Staat abgelaufen?

Die Druckerei wäre mit Sicherheit nicht Beute politischer Parteien geworden.

Ein Entlastungsargument für die Parteien lautet, es sei damals wichtig gewesen, den Staat in einer Phase des Chaos zu ordnen.

Es stimmt schon, daß es in den Jahren 1945/46 zunächst keine andere sinnvolle Möglichkeit gab, als die Nazi-Hinterlassenschaften zu verstaatlichen. Aber Politiker mit einer marktwirtschaftlichen Philosophie hätten das als Übergangslösung gesehen. In Österreich wurde die Notlösung als Errungenschaft gefeiert, bis weit in die Ära Kreisky hinein.

Hatten Sie danach jemals mit Minister Krauland Kontakt?

Nur mehr indirekt, als ich stellvertretender Leiter der Kreditabteilung der CA war. Mir unterstand auch die Auskunftei. Wir mußten über die Krauland gehörende Allgemeine Wirtschaftsbank eine sehr zurückhaltende Auskunft geben, die jedem kundigen Leser klarmachte: Finger weg! Es kam zu einer massiven Intervention eines Regierungsmitgliedes bei meinem Chef, der mich aber deckte, denn unsere ungünstige Auskunft war gut begründet. Krauland hatte erklärt: Da rächt sich der Treichl für Waldheim-Eberle. Er hatte noch zwanzig Jahre später ein schlechtes Gewissen - und eine schlechte Bank.

Aber auch die Creditanstalt ist wegen ihrer Vergangenheit ins Gerede gekommen. Historiker sind auf Akten gestoßen, die Geschäfte der CA mit dem Konzentrationslager Auschwitz dokumentieren.

Zu meiner Zeit als Generaldirektor habe ich davon nichts gewußt. Ich bezweifle, daß Raubgold für die Bank als solches identifizierbar war. Auch glaube ich nicht, daß sich eine Bank im Dritten Reich dem Auftrag einer Reichsstelle entziehen hätte können. In einem System totalitärer Gleichschaltung gibt es kein Entrinnen.

Es geht auch um den Umgang mit der Vergangenheit. Wenn der US-Anwalt Ed Fagan nicht mit einer Sammelklage gedroht hätte, würde sich die CA nicht mit ihrer Rolle im Dritten Reich auseinandersetzen. Erst als die Bank einen Vergleich mit Fagan vereinbart hatte, war sie überhaupt erst bereit, wichtige Akten herauszurücken.

Ich sehe drei Arten von Schuld: Die politische, die juristische und die moralische. Dafür gibt es staatliche Verantwortung. Die politische Schuld hatte unser Land zu büßen: mit Todesopfern, mit Zerstörungen, mit Schande. Für sie steht der Staat als der Schuldige. Die juristische Schuld trifft die individuell Schuldigen, über sie entscheiden Gerichte. Die moralische Schuld kann man nicht einklagen, die muß man mit Gott ausmachen, wenn man, wie ich, an ihn glaubt. Oder mit seinem Gewissen, das wohl jeder hat. Fagan versucht, aus einer von ihm behaupteten moralischen Schuld eine juristische zu machen. Ich bin davon überzeugt und weiß mich mit vielen Juristen einig, daß er selbst in Amerika mit seinen Klagen vor Gericht nicht durchkommen würde. Aber der Einfluß der von ihm vertretenen Kreise ist so mächtig, daß es für Unternehmen, die in Amerika tätig sind, sehr nachteilig sein könnte, ihm nicht entgegenzukommen. Der Effekt, daß das Thema aufgerollt und Geschädigten geholfen wird, ist sehr erfreulich. Die Methoden sind es nicht.

Ist es auch erfreulich, daß die CA, wie spekuliert wird, 40 Millionen Dollar zahlt?

Dazu kann ich nicht Stellung nehmen, da ich die Fakten nicht kenne. Ich weiß aber von einer Reihe von Fällen, wo die CA in der Nazizeit durch Übernahme von Unternehmen den jüdischen Besitzern helfen wollte und geholfen hat.

Wie kann man helfen, wenn man Eigentum wegnimmt?

Die CA hat in manchen Fällen während der Nazizeit Unternehmen von jüdischen Kunden übernommen, wobei beiden Seiten klar war, daß sie diese zurückgeben würde, wenn und sobald das politisch möglich sein würde. Was da als gewinnsüchtige Mitwirkung an einer Enteignung dargestellt wird, war eine Art von "Parken". Ich war damals nicht in der CA, 24 Jahre alt und natürlich gänzlich ohne Einfluß. Aber ich weiß, daß es in den Banken maßgebende Persönlichkeiten gab, die versuchten, ihren jüdischen Kunden zu helfen.

Die Regierung hat eine Historikerkommission einberufen. Nehmen Sie diesen Versuch einer Aufarbeitung ernst?

Eindeutig ja. Es ist eine andere Generation am Werk. Die Regierung denkt heute anders als zu der Zeit, wo sie dafür war, "die Sache in die Länge zu ziehen". In Sachen Rückerstattung von geraubten Kunstgütern hat sie sich dank Unterrichtsministerin Elisabeth Gehrer endlich richtig verhalten.

Obwohl die Aufarbeitung sehr unangenehm für SPÖ und ÖVP werden könnte?

Wir können uns nicht mehr von der Weltmeinung abschotten. Im "global village" kann man sich mit der Haltung von 1946 nicht mehr bewegen.

Gerald John in FALTER 10/1999 vom 12.03.1999 (S. 14)


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