Leopold Weiss alias Muhammad Asad
Von Galizien nach Arabien

von Günther Windhager

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Verlag: Böhlau Wien
Format: Taschenbuch
Genre: Geschichte/Allgemeines, Lexika
Umfang: 230 Seiten
Erscheinungsdatum: 26.03.2008

Rezension aus FALTER 41/2002

Der Wiener Ethnologe Günther Windhager erzählt, wie aus Poldi Weiss Muhammad Asad wurde, einer der bedeutendsten Islamkenner des frühen 20. Jahrhunderts und Mitbegründer Pakistans.

Ein junger Mann, geboren und aufgewachsen im Osten des Habsburgerreichs, Enkel eines frommen Rabbiners, aber der jüdischen wie jeder Religion entfremdet, kommt mit seiner Familie in den ersten Kriegsmonaten auf der Flucht nach Wien. Er besucht hier mit mäßigem Erfolg die neu eingerichteten "Parallelklassen für Schüler aus Galizien und der Bukowina" an diversen Anstalten. 1918 beginnt er, der vor allem im Kaffeehaus unter Literaten lebt, ein geisteswissenschaftliches Studium, um nach baldigem Abbruch seiner akademischen Bemühungen, aber ohne Wissen des Vaters (die Mutter ist 1919 gestorben) nach Deutschland zu flüchten.

In Berlin verdingt sich Leopold Weiss als Drehbuchautor und Zeitungsbeiträger. Auf Einladung eines Onkels, der als Psychoanalytiker in Jerusalem praktiziert, bereist er Palästina und wird Orientkorrespondent renommierter Zeitungen. 1926, zurück in Berlin, konvertiert Weiss zum Islam. Wenig später bricht er mit der Malerin Elsa Schiemann und ihrem Sohn zur hadj auf, zu jener Wallfahrt zu den heiligen Stätten um Mekka, die jeder Muslim einmal in seinem Leben im so genannten Wallfahrtsmonat unternehmen soll. Nach dem Malariatod der Gefährtin bleibt er, fasziniert von König Ibn Saud, der ihm als Leitfigur eines reformierten Islam gilt, in Arabien.

Das ist, stark gerafft, die spannende Lebensgeschichte von Leopold (Poldi) Weiss, der Muhammad Asad wurde, einer der bedeutendsten muslimischen Gelehrten des vergangenen Jahrhunderts, Mitbegründer Pakistans und Verteter dieses Landes bei der UNO. Dass es sich hier um keine der Geschichten von Renegatentum und Missionseifer handelt, wie sie die westliche Kultur seit dem Damaskuserlebnis des Saulus/Paulus kennt, hängt nur indirekt damit zusammen, dass Weiss nicht zum Christentum konvertierte. Ohnehin erschien ihm das Christentum lebenslang und in vielerlei Hinsicht als suspekt: nicht monotheistisch genug, aber abergläubisch und der Entfremdung Vorschub leistend.

Weiss/Asad trennte sich bewusst von den spirituellen Traditionen des Westen. Frommes Tun galt ihm mehr als theologische Spekulation. Seine Memoiren "Der Weg nach Mekka" (1955) und die von seinem Biografen, dem Wiener Ethnologen Windhager, wieder gefundenen Artikel für die renommierte Frankfurter Zeitung aus den Zwanzigerjahren ergeben das Bild eines Bohemiens, der sich auf die spirituelle Suche nach echter Gemeinschaft macht, die er schließlich in den Arabern, genauer in den puritanischen Wahabiten des sich gerade konstituierenden Königreichs Saudi-Arabiens, gefunden haben will.

Ihr Ahnherr war Abraham, ohnehin Stammvater aller drei westlichen Religionen, denn "sein Stamm war nur einer unter den vielen arabischen Stämmen, die im Verlaufe der Jahrhunderte aus den hungrigen Wüsten der Halbinsel heraus nach Syrien und Mesopotamien drangen - den nördlichen Traumländern, von denen man sagte, dass sie von Milch und Honig flössen". Indem ihm Abraham als echter Orientale erschien, verblieb Weiss/Asad bei allem Trennenden in einer, ihm wohl unklaren Verbindung mit seiner jüdischen Herkunft.

Mehr noch: Er, der bewusst antizionistisch sprach und schrieb, teilte mit den von ihm verfemten Pionieren in Palästina die Orientfaszination - auch darum war seine Konversion eine eminent jüdische des Fin de siècle. Freilich verlief sie in die Gegenrichtung: zurück in die Wüste.

Martin Treml in FALTER 41/2002 vom 11.10.2002 (S. 36)


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