Design für die reale Welt
Anleitungen für eine humane Ökologie und sozialen Wandel

von Victor Papanek

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Verlag: Springer
Erscheinungsdatum: 01.11.2008

Rezension aus FALTER 50/2008

Fortschritt im Rückwärtsgang

Achtundneunzig Prozent der gezeigten Waren seien "entsetzlich in ihrer farblosen Mittelmäßigkeit", schrieb George Nelson (1908–1986) nach einem Messerundgang. Und weiter: "Die Hälfte ist so empörend schlecht, dass es mich nicht mehr wundert, wenn eine durchschnittliche amerikanische Wohnung zu den geschmacklosesten der Welt gehört."

Der Designer verkörpert Aufbruch und Höhepunkt der amerikanischen Nachkriegsmoderne. Er entwarf Eigenheimikonen wie die Bank "Slat Bench", übertrug die Prinzipien von Präfabrikation und Massenfertigung – allerdings mit wenig Erfolg – auf den Häuserbau.

Regale und Stadtplanung, Verpackungsdesign und Ausstellungsarchitektur: Der offene Maßstab bildet den utopischen Kern von Nelsons spartenübergreifender Gestaltungsphilosophie.

Stil ergibt sich von selbst

Für Nelson war Moderne kein Stil, sondern die "Verheißung von Freiheit und Flexibilität", heißt es im formidablen Katalog zur Nelson-Ausstellung im Vitra Design Museum in Weil am Rhein (noch zu sehen bis 1. März 2009).

Stil ergebe sich gewissermaßen von selbst, wenn man den eigenen Bedürfnissen und zeitgemäßen Lösungen folge. Leicht und elegant, natürlich und technisch zugleich schaut der Versuch aus, Funktionalität und eine abstrakte Ästhetik mit gesellschaftlicher Verantwortung zu verknüpfen.

Mehr Moderator als Prophet füllte er souverän die heroische Rolle aus, die dem Industriedesigner als dem Gestalter des modernen Lebens zufiel.

George Nelsons brillant formulierte Texte, gemeinsam mit Henry Wright publizierte er den Bestseller "Tomorrow's House" (1945), zeigen ihn als Vermittler zwischen den Bedürfnissen der US-Industrie und dem gesellschaftlich-politischen Ethos der europäischen Avantgarde.

Klassiker der Ökobewegung

"Es gibt Berufe, die mehr Schaden anrichten als der des Industriedesigners, aber viele sind es nicht", schreibt Victor Papanek (1923–1998) in seinem 1963 zuerst in schwedischer Sprache erschienenen Buch "Design for the Real World".

Der 1939 nach New York geflüchtete gebürtige Wiener rechnet darin mit den Gestaltern des modernen Lebens als Bütteln der Bewusstseinsindustrie ab; in den USA wurde das Buch als bloße Polemik, in Skandinavien hingegen als Anleitung zu einem ökologischeren, sozial verantwortlichen Gestalten wahrgenommen. Da war das Wörtchen Nachhaltigkeit noch nicht in aller Munde.

In den 90er-Jahren entdeckte der Wiener Künstler Florian Pumhösl diesen Klassiker der Ökobewegung wieder und veranlasste eine Übersetzung, die er nun gemeinsam mit Martina Fineder und Thomas Geisler herausgab.

Der Nachlass des Designlehrers wurde von der Universität für angewandte Kunst angekauft. Seine kulturgeschichtliche Einordnung in die Tradition einer soften Wiener Moderne, verknüpft mit Namen wie Josef Frank oder Bernard Rudofsky, steht noch aus.

Gute Löhne, Einfamilienhäuser und Autobahnen: Der Rausch industriell geplanter Wunscherfüllung schien ungebrochen. Da formulierte Victor Papanek seine Kritik etwa an der zerstörerischen Dynamik der Autoindustrie. Sein Designdenken war auf den Alltag, nicht auf das wohlgeformte Objekt gerichtet.

Design it yourself

In dem Do-it-yourself-Gedanken ähneln sich Nelson und Papanek. Der Amerikaner dachte dabei allerdings eher an den Familienvater, der in der Garage Regale zusammenschraubt. Victor Papaneks Pädagogik wandte sich dagegen an die Dritte Welt, die mit westlichen Industriestandards nichts anzufangen wusste. Statt schicker Sofas entwickelte er zum Beispiel mit Kerzen betriebene Dosenradios. Das moderne Paradigma Fortschritt hatte seine universale Kraft verloren.

Doch auch George Nelson, diese Lichtfigur des Corporate America, formulierte Ende der 60er-Jahre Kritik an der Totalität des Markts. Der Titel eines Textes über Verpackungsdesign: "Recycling".

Matthias Dusini in FALTER 50/2008 vom 12.12.2008 (S. 43)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

George Nelson // Architekt, Autor, Designer, Lehrer (Alexander von Vegesack, Jochen Eisenbrand)

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