Kurt Gödel: Leben und Werk

von John W. Dawson, Alexander Roesler

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Springer
Erscheinungsdatum: 01.01.1999

Rezension aus FALTER 41/1999

Österreichs größtes mathematisches Genie endete in geistiger Umnachtung. 1978 starb Kurt Gödel in Princeton an "Unterernährung und Auszehrung" als Folgen von "Persönlichkeitsstörungen". Wer aber war Gödel? Und worin bestand die Bedeutung seines Werks? Antworten liefert John W. Dawsons Biografie "Logical Dilemmas", die nun mit zweijähriger Verspätung und mit dem schlichten Titel "Kurt Gödel: Leben und Werk" endlich auch auf Deutsch vorliegt.
Dawsons Studie macht auf den ersten Blick einen vertrauenswürdigen Eindruck. Akribisch hat der Autor die vielen Anekdoten – beispielsweise über Gödels Ehefrau Adele, eine ehemalige Tänzerin – nachrecherchiert. Und um seine Notizen entziffern zu können, lernte Dawsons Frau sogar Kurzschrift, wie der Biograf im Vorwort vermerkt. So grundsolide das Buch wirkt: Eine mitreißende Einführung in Leben und Denken des Jahrhundertgenies bietet es nicht. Das liegt vermutlich nicht bloß an der dürftigen Quellenlage. In seinem Bemühen um größtmögliche Faktizität geht dem Autor die Empathie verloren, die Einfühlung in einen genialen, doch zugleich außerordentlich schwierigen Menschen.
Selbst die Passagen über Gödels Weg in den Wahnsinn lesen sich wie eine minutiös dokumentierte Krankengeschichte. Dawson lässt sich auf nichts ein – schon gar nicht auf eine psychologische Einschätzung Gödels. So gesehen, mangelt es dem Buch bei aller Seriosität schlicht an schriftstellerischer oder journalistischer Verve – was man in gewisser Hinsicht auch als Vorteil empfinden mag. Bereits im Vorwort geht Dawson davon aus, "dass die Leserin oder der Leser dieses Buches ungefähre Kenntnis des Aufbaus der modernen Mathematik hat und von ihren bedeutendsten Figuren zumindest schon einmal gehört hat". In Mathematik oder Logik Vorgebildete werden jene Teile des Buches, die sich mit Gödels wissenschaftlichem Werk befassen, wahrscheinlich mit Gewinn lesen. Andere, so steht zu befürchten, werden alle einschlägigen Passagen überspringen oder das Buch schlicht weglegen. Das liegt keineswegs bloß daran, dass der Autor bisweilen formale Ausdrücke verwendet: Die wesentlichen Erläuterungen fallen viel zu knapp aus. Der Beweis für den berühmten "Unvollständigkeitssatz" wird auf gerade drei Seiten abgehandelt!
Im Nachwort weist Dawson darauf hin, dass es ohnedies "eine Reihe populärer Darstellungen der gödelschen Unvollständigkeitssätze" gibt – zum Beispiel die von Douglas Hofstadter in "Gödel, Escher, Bach". Woraus der Autor offenbar den Schluss zieht, dass der interessierte Laie ohnedies gut versorgt ist. Bedauerlicherweise versucht Dawson auch nicht zu ergründen, warum der so schwer zugängliche Logiker Kurt Gödel überhaupt zu einer Art Guru des Informationszeitalters werden konnte.
Zumindest ansatzweise schafft das der mathematische Physiker Roger Penrose, Professor für Mathematik an der Universität Oxford und langjähriger wissenschaftlicher Partner von Stephen Hawking. Penrose zählt zu den interessantesten, zugleich aber auch umstrittensten Gödel-Interpreten: Schon in seinem 1989 erschienenen Buch "Computerdenken" ("The Emperors New Mind") schaltete er sich unter anderem mit Argumenten Gödels in die Debatte um "Künstliche Intelligenz" (KI) ein: Der Physiker versuchte zu beweisen, "dass der menschliche Geist nicht wie ein Computer arbeiten kann".Gödels Unvollständigkeitssatz besagt: In jedem widerspruchsreifen formalen System gibt es Sätze, die innerhalb des Systems weder beweisbar noch widerlegbar sind. Mit seinem Theorem erschütterte der Österreicher die Grundlagen der Mathematik. Penrose folgert nun daraus, dass die mathematische Wahrheit über den bloßen Formalismus hinausreiche: Der menschliche Geist sei durch "Nichtberechenbarkeit" ("Non-computability") im mathematischen Sinn charakterisiert: Menschliches Denken lasse sich nicht durch Algorithmen
simulieren. Der Oxford-Professor nimmt an, dass im Gehirn "nichtberechenbare" physikalische Prozesse stattfinden, die nur durch eine neue Theorie auf Basis der Quantengravitation zu erfassen seien.
Eine aktualisierte Kurzfassung der ebenso kontroversiellen wie anregenden Penrose-Thesen zu diesem Thema ist nun unter dem Titel "Das Große, das Kleine und der menschliche Geist" erschienen. Der Physiker setzt sich darin mit Einwänden gegen seine Thesen auseinander, unter anderem mit der Kritik von Stephen Hawking. Der hatte schlicht gefordert, Penrose möge selbst eine entsprechende Theorie entwickeln.

Thomas Vasek in FALTER 41/1999 vom 15.10.1999 (S. 36)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Das Große, das Kleine und der menschliche Geist (Roger Penrose, Susanne Pauser)

Bitte warten...

Sie haben folgendes Produkt in den Warenkorb gelegt:

{{var product.name}}


weiter einkaufen
zum Warenkorb