Der Zettelkatalog
Ein historisches System geistiger Ordnung

von Hans Petschar, Ernst Strouhal, Heimo Zobernig

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Springer
Erscheinungsdatum: 01.01.1999

Rezension aus FALTER 7/1999

Zettels digitaler Traum

Umbrüche auch im Bibliotheksbereich. Vor wenigen Wochen verschwand der Nominalkatalog aus der Nationalbibliothek.

Die Empörung war groß. Kurz nachdem bekannt wurde, daß die Österreichische Nationalbibliothek (NB) ihren Zettelkasten entfernt und durch ein digitales Suchsystem ersetzt hatte, hagelte es Proteste - so auch in der Presse-Kolumne "Reaktion". Unter dem Titel "Modernisierungs-Wahn" meinte da Werner Welzig, seines Zeichens Germanistikprofessor und Präsident der Akademie der Wissenschaften, daß es "völlig unverständlich" sei, warum der bisherige Katalog beseitigt wurde. Und warnte vor noch größeren Untaten: "Die nächsten Schritte dieses Wahns könnten sein, daß nach der Digitalisierung von Druckwerken auch die Bücher entsorgt werden."

Was war geschehen? Nach der Schließung der NB Anfang Dezember, die durch den EU-Gipfel nötig wurde, war die Foyer-Halle, in der die Katalogkästen gestanden waren, plötzlich leer. Statt dessen hatte man die Anzahl der bereits vorhandenen Computer-Monitore beträchtlich erhöht und eine zusätzliche Galerie für EDV-Benützer eingerichtet. Die Informationen der beiden Zettelkästen - der eine verzeichnete die Bücher aus den Jahren 1501 bis 1929, der andere jene ab 1930 - ließen sich somit nur mehr über den Computer abrufen.

Diese Umstellung hatte sich freilich bereits seit rund zehn Jahren abgezeichnet, denn alle nach 1990 angeschafften Bücher waren nur mehr digital im EDV-Katalog erfaßt und nicht mehr "verzettelt" worden. In diesem Suchsystem namens BIBOS, dem auch alle österreichischen Universitätsbibliotheken im Verbund angehören, konnten umgekehrt aber jene Bücher nicht aufgenommen werden, die ein älteres Anschaffungsdatum hatten.

Das hat sich nun durch den KatZoom-Katalog geändert. Für dieses Suchsystem wurden sämtliche Karteikarten der beiden Zettelkästen eingescannt und mittels einer Systemsoftware, die Fachleute der NB eigens entwickelt haben, durch analoges Blättern am Computer zugänglich gemacht. Hat man das einfache System erst einmal durchschaut, so sind durchschnittlich fünf bis acht Klicks mit der Maus erforderlich, ehe man beim gesuchten Buch landet. Die Vorteile liegen auf der Hand: Für die Büchersuche und -bestellung erspart man sich den Weg zum Heldenplatz, denn Suchen und Bestellen ist nunmehr über jeden beliebigen Computer mit Internet-Anschluß möglich.

KatZoom ist aber bloß ein - wenn auch effektives - Provisorium: Denn die Daten der eingescannten Zettel, die mit KatZoom nur "analog" durchgeblättert werden können, sollen in nächster Zeit "maschinell" in eine übliche bibliografische Datenbank umgewandelt werden, in der dann auch Schlagworte gesucht werden können. In anderen Bibliotheken im Ausland hat man das bereits mühsam händisch machen lassen - in Österreich passiert diese sogenannte "Retrokonversion" später, dafür erspart man sich durch die nahezu automatische Umwandlung eine dreistellige Millionensumme.

Die Modernisierung der Österreichischen Nationalbibliothek, wie sie sich an der Entsorgung der Zettelkästen besonders drastisch zeigte, war im internationalen Vergleich längst überfällig. Bei einem Blick zurück in die Geschichte zeigt sich allerdings, daß diese Bibliothek gerade in Sachen Zettelkästen eine internationale Vorreiterrolle spielte. Während man nämlich in Frankreich erst nach der Revolution im Jahre 1789 daranging, die Bücher in den Bibliotheken des Landes zu katalogisieren und öffentlich zugänglich zu machen - was damals als revolutionäre Notwendigkeit galt -, war man in Österreich zu diesem Zeitpunkt schon weiter.

Wie der NB-Experte für neue Medien, Hans Petschar, in seinem aufschlußreichen Beitrag zum großformatigen Sammelband "Der Zettelkatalog. Ein historisches System geistiger Ordnung" rekonstruiert, erfolgte eine solche Katalogisierung an der damaligen Hofbibliothek bereits einige Jahre früher. Die Hofbibliothek sollte während der kurzen Phase der Aufklärung in Österreich eine "Bibliothek für die gebildete Classe der Hauptstadt" werden. Und nicht nur in diesem Sinne war der Josephinische Zettelkatalog von 1780/81 vor allem auch ein politisches Projekt.

Weitere Katalogisierungen folgten, neue Kataloge wurden aus Katalogen erstellt, ehe schließlich 1961 der bis vor kurzem in Gebrauch befindliche "Nominalkatalog" aufgestellt wurde, der zuletzt 84 Kästen mit 3024 Laden umfaßte, die wiederum rund 2,6 Millionen Karteikarten enthielten. Was aber passiert mit dem alten Publikumskatalog, der Generationen von Lesern zum vertrauten "Wissensmöbel" geworden ist? Als ästhetische Kompensation des "Modernisierungsschocks" wurde er vom Künstler Heimo Zobernig kurzfristig zum Kunstwerk erklärt und steht als solches zur Zeit im Museum für Angewandte Kunst. Eine kleine Europatournee folgt.

Die Modernisierung im internationalen Bibliotheksbereich geht währenddessen munter weiter. So werden seit kurzem von der Bibliothek des nationalen dänischen Technikzentrums in Lyngby keine gedruckten wissenschaftlichen Zeitschriften mehr angekauft. Die wissenschaftlichen Mitarbeiter erhalten nur mehr ihre digitalisierten Ausgaben der gewünschten Periodika via Internet auf den Schreibtisch ihres Computers übermittelt. Dadurch erspart man sich Personal, man kann sich mehr von den teuer gewordenen Zeitschriften leisten und hat - angeblich - zufriedenere Leser. Ob dort nach der Digitalisierung der Periodika die Bücher entsorgt wurden, ist nicht bekannt.

in FALTER 7/1999 vom 19.02.1999 (S. 16)


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