Interpassivität
Studien über delegiertes Genießen

von Robert Pfaller

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Springer
Erscheinungsdatum: 01.01.2000

Rezension aus FALTER 42/2000

Robert Pfaller macht den Liebhabern von Mitmachspielen wenig Hoffnung: Was unsere Alltagskultur prägt, sei nicht die Ära der Interaktivität, sondern der Interpassivität. Eine der erstaunlichsten Erfindungen heutiger Fernsehkultur ist das "canned laughter". Bekannt ist es vor allem aus amerikanische Sitcoms: Nach jedem mäßig witzigen Dialog gurgelt dort prompt dieses eigenartige "Dosengelächter" hervor. Ich persönlich war lange der Meinung, es hätte den Zweck, erstens die Fadheit der Pointen zu überspielen, zweitens nachträglich zu signalisieren, dass es eben lustig war und drittens zum Mitlachen zu animieren.
Dann aber habe ich Robert Pfallers "Studien über delegiertes Genießen" gelesen. Rund ein Dutzend Autoren hat der Philosoph darin über den von ihm geprägten Begriff der "Interpassivität" nachdenken lassen. Und Slavoj Zizek kommt dabei auch auf das "canned laughter" zu sprechen. Zizeks verblüffende Erkenntnis: Von Mitlachen kann keine Rede sein. Vielmehr lachen diese Komödien über sich selbst und ersparen damit den Zuschauern, ihrerseits in Heiterkeit auszubrechen.
Die paradoxe Logik besteht darin, dass es für den Zuschauer ökonomischer ist, die Belustigung an eine Lachmaschine weiter zu delegieren, als sich selbst emotionell zu engagieren. Für Zizek passt dieses Delegieren auch zum üblichen Konsumkontext: "Selbst wenn wir also, von einem stumpfsinnigen Tagwerk ermüdet, den ganzen Abend nur träge auf den Bildschirm starren, können wir danach doch sagen, dass wir objektiv, durch das Medium des anderen, einen wirklich schönen Abend verbracht haben."
Pfallers Buch hält sich aber nicht nur bei Zizeks exotischen Beispielen des Delegierens - Dosengelächter, trauernde Klageweiber und tibetanische Gebetsmühlen - auf. Aufmerksamen Zeitgenossen begegnet die gleiche Logik längst überall. Sie dominiert den Gebrauch unzähliger Videorecorder, die für uns Filme aufzeichnen, damit wir sie uns nicht selbst anschauen müssen, und Fotokopierer, die für uns interessante Bücher "einlesen".
So gern, wie wir andere für uns produzieren lassen, so gerne lassen wir nämlich auch andere für uns konsumieren: Die Sehenswürdigkeiten erledigt für uns der Fotoapparat, die fertigen Urlaubsfotos betrachten die Freunde. Das Kleinkind wird mit einem Babysitter gekoppelt, die geliebte Person mit stellvertretenden Geliebten. Sie sind sozusagen stellvertretend aktiv und kompensieren unsere tatsächlich fehlende Aufmerksamkeit.
Pfallers origineller Vorschlag ist nun, diese Strategien in Kontrast zur in der Kunstwelt lange beschworenen Interaktivität "Interpassivität" zu nennen. Denn gerade in der zeitgenössischen Kunst finden sich jede Menge schlagende Beispiele für das Phänomen. Sie reichen von den gegenwärtigen Denkmalsdebatten, bei denen von realisierten Werken vor allem eine Denkbeendigung zu befürchten ist, über die vielen Kunstsammler, die ihre Sammlungen ins Museum entsorgen wollen, bis hin zum delegierten Kunstgenuss an zwischengeschaltete Kuratoren, die als Rezeptionsinstanzen zum Kunstwerk fertig mitgeliefert werden.
Pfaller stellt sogar die Frage in den Raum, ob das Delegieren von Lust und Aufmerksamkeit nicht überhaupt das Hauptmotiv der Kunst der Moderne sei: "Diese Entlastung, als eine Geste kultureller Entspannung aufgefasst, bildet möglicherweise das interpassive Ziel sämtlicher in der klassischen Avantgarde des 20. Jahrhunderts auftretenden Tendenzen zur Gegenstandslosigkeit, Nicht-Narrativität und Abstraktion." Starke Ansage!
Im Übrigen handelt es sich bei Ihrer Lektüre dieser Buchkritik natürlich auch um einen Akt der Interpassivität. Der eigentliche Genuss läge darin, das Buch zu lesen.

Vitus H. Weh in FALTER 42/2000 vom 20.10.2000 (S. 29)


Bitte warten...

Sie haben folgendes Produkt in den Warenkorb gelegt:

{{var product.name}}


weiter einkaufen
zum Warenkorb