WochenKlausur
Gesellschaftspolitischer Aktivismus in der Kunst

von Wolfgang Zinggl

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Springer
Erscheinungsdatum: 01.01.2001

Rezension aus FALTER 43/2001

Eine teddybärenlose Kindheit ist kaum vorstellbar. Dabei gibt es ihn erst - oder schon - seit knapp 100 Jahren: 1902 erfand Richard Steiff den ersten beweglichen Bären. Der im selben Jahr produzierte Bär 55 PB wurde auf der Leipziger Spielzeugmesse von 1903 präsentiert. Mittlerweile ist der Teddy zum Sammelobjekt avanciert, für das Menschen mit schlimmer Kindheit und zu viel Geld Unsummen ausgeben. Anlässlich des runden Geburtstags zeichnet ein Bildband die Geschichte des Teddys nach und wartet mit Bildern rarer Exemplare auf: zum Beispiel mit jenem in einer Stückzahl von 494 Stück produzierten Steiff-Bären, mit dem London den Untergang der Titanic betrauerte.Die Nacht auf Sonntag, den 23. Oktober 4004 v. Chr., war eine ganz besondere. Nach der Berechnung des irischen Erzbischofs Ussher wurde damals die Erde erschaffen. In "Dinosaurierjäger" beschreibt die britische Wissenschaftsjournalistin Deborah Cadbury, wie vor allem die fossilen Überreste der Dinosaurier im 19. Jahrhundert den Blick in die wahre geologische Tiefenzeit der Erde öffneten und nachgewiesen wurde, dass die Bibel für die Berechnung des Erdalters keine gute Quelle ist. Cadbury führt uns in eine Zeit, in der Biologen noch mit Schlips und Krawatte in Steinbrüchen nach den Sauriern suchten. Einen der bedeutendsten Funde machte jedoch nicht ein britischer Gentleman-Wissenschaftler, sondern die zwölfjährige Mary Anning, die 1811 den ersten Ichtyhosaurier fand, ausgrub und verkaufte.Wenn es um Stars der Biologie geht, dürfen Pinguine nicht fehlen. Der US-amerikanische Biologe Ron Naveen hat sie jahrelang erforscht. Wer sein Buch "Pinguine - die kleinen Leute der Antarktis" liest, mutiert unweigerlich zum Pinguinfan. Meine persönlichen Favoriten: die Kaiserpinguine, die einzigen Vögel der Welt, die nie an Land kommen. Sie leben ausschließlich auf dem Schelfeis rund um die Antarktis. In den monogamen Dauerehen erledigen die Männchen das Brutgeschäft. Und das hat es in sich: Minus sechzig Grad Celsius, Schneestürme von über hundert km/h, acht Wochen ohne Nahrung, Gewichtsreduktion bis zu vierzig Prozent. Das Ei liegt gut geschützt auf den Füßen und wird von einer Bauchfalte abgedeckt. Nachdem die Jungen geschlüpft und den Müttern übergeben worden sind, watscheln die wackeren Burschen noch tagelang zu den Fressplätzen an die Küste. Alles freiwillig, und das Jahr für Jahr. Auch so kann Vaterschaft aussehen.Die Künstlergruppe WochenKlausur prangert soziale Missstände nicht nur an, sondern versucht durch konkrete Interventionen etwas daran zu ändern. Über das Potenzial und die Grenzen ihres Ansatzes sprach der "Falter" mit Pascal Jeannée und Wolfgang Zinggl.



Probleme, die sich auf konventionellem Weg nicht lösen lassen, packt die Künstlergruppe WochenKlausur an. Über vierzig Künstlerinnen und Künstler haben sich an den "gesellschaftspolitischen Interventionen" bisher beteiligt. Auf Einladung von Kunstinstitutionen recherchiert WochenKlausur in einem Team Missstände vor Ort und arbeitet eine festgelegte Wochenanzahl an deren Lösung. So stellte man in Wien einen mobilen ärztlichen Versorgungsdienst für Obdachlose auf die Beine; initiierte in Zürich eine Notschlafstelle für drogenabhängige Frauen oder errichtete als Projekt bei der Biennale in Venedig ein Netz von Grundschulen in Mazedonien für Flüchtlingskinder aus dem Kosovo. In ihrem gerade erschienenen Buch, in dem die Situationen des Scheiterns nicht ausgespart bleiben, wird die Arbeitsweise der WochenKlausur transparent gemacht: ein Mix aus Mediation, PR-Arbeit, Akquirierung von Sponsorgeldern und Tricks im Dienste der Sache. Da jagt man schon mal einer Stadträtin durch Vortäuschung von Journalisteninteresse Angst vor Renommeeverlust ein oder lockt verfeindete Parteien an einen neutralen Ort. Auch die Zukunft sieht zahlreiche Einsätze an Konfliktorten vor: Nach einem Projekt in Japan wurde die Gruppe schon nach Belgrad, Glasgow, Belfast und Schweden eingeladen. Betreibt WochenKlausur in ihrer Arbeit nun prestigeträchtige Sozialkosmetik oder die konsequente Weiterführung kritischer Kunst? Pascal Jeannée und Wolfgang Zinggl vom Verein WochenKlausur geben Auskunft über das Selbstverständnis der Künstlergruppe.



Falter: Wann und unter welchen Voraussetzungen wurde WochenKlausur gegründet?

Wolfgang Zinggl: Eigentlich haben wir WochenKlausur nicht direkt gegründet. 1993 beauftragte mich die Secession, die jährliche Gruppenausstellung "Junge Szene Wien" zu kuratieren. Damals lud ich Künstlerinnen und Künstler, die bereits mit einem Bein woanders standen, dazu ein, im Ausstellungsraum ihr Büro aufzumachen und den Besuchern über ihren Kunstbegriff Auskunft zu geben. Nach den ersten Treffen einigte man sich jedoch, gemeinsam ein Projekt zu realisieren.

Suggeriert das Konzept von WochenKlausur nicht Möglichkeiten von Veränderung, wo diese aufgrund der Strukturen, mit denen man zu tun hat, nur sehr begrenzt möglich ist? Und wie hoch ist eigentlich der Erfolgsdruck?

Zinggl: Hier soll auf keinen Fall ein "Anything goes" suggeriert werden. Der Trick an der Sache besteht ja gerade darin, sich die Latte so hoch zu legen, dass man es gerade noch schafft. Der wirklich wichtige Punkt ist: Es geht mehr, als man glaubt!

Hat die Arbeitsweise von WochenKlausur Modellcharakter?

Pascal Jeannée: Wir stellen das erarbeitete Know-how natürlich gerne zur Verfügung. Eine große Gefahr besteht allerdings darin, dass plötzlich alles "Intervention" genannt wird. Das macht dann die ganze soziale Kunst unglaubwürdig.

Zinggl: Daher müssen wir die Schraube anziehen und sagen: Wenn ihr dasselbe Wort verwendet wie wir, dann weisen wir euch darauf hin, dass man bei uns den Erfolg messen kann. Eine Intervention, die keinen Erfolg hat, ist nämlich keine - das sagt schon der Begriff. Das von Pascal im Vorjahr organisierte Symposium "Was tun" hat sehr gut gezeigt, wie Gruppen weltweit agieren. Ich glaube jedoch, dass den meisten Künstlern diese Art von Engagement viel zu mühselig ist.

Wie sieht es prinzipiell mit Ausstellungsangeboten aus? Das Problem besteht ja darin, dass die Ergebnisse der WochenKlausur - wie etwa im Falle der Biennale von Venedig - oft nicht publik werden.

Zinggl: Am Anfang haben wir ziemlich darunter gelitten, dass Ausstellungen immer irgendein Ding von uns wollten, ein Transparent von WochenKlausur, eine Weinflasche vom Projekt in Italien. Das haben wir immer abgelehnt. Es hat auch wenig Sinn, nach den ersten zwei oder drei Projekten Erfolge zu dokumentieren: Man hätte ja auch nur Glück gehabt haben können.

Jeannée: Man muss natürlich unterscheiden zwischen Objekten, die im Sinne eines Kunstfetischs ausgestellt werden, und der Dokumentation zum besseren Verständnis eines Projekts. Leider haben wir diese Facette immer vernachlässigt.

Wie reagiert die Kunstszene darauf, dass Sie die meiste Kunst als Spielerei oder Kommerz kritisieren und das Ästhetische eigentlich negieren?

Zinggl: Durch die Kapitalisierung findet sich der Objektcharakter in der Kunst wieder stärker, als man glaubt. Das wird zwar immer abgelehnt, kommt aber durch die Hintertür wieder herein. Ein gutes Beispiel dafür liefert die Rezeption von Joseph Beuys: In Harald Szeemanns riesiger posthumer Retrospektive in Zürich fehlte die soziale Plastik vollkommen - das muss man sich einmal vorstellen! Beuys wird mit Fett und Filz in die Kunstgeschichte eingehen und nicht mit seinem lebenslangen Engagement. Wenn man allerdings die Produktion von Objekten verweigert, stellt man sich - ohne dass man etwas gesagt hätte - radikal gegen ein System. Da fragt uns zum Beispiel die Redaktion von "Treffpunkt Kultur", ob wir nicht irgendetwas Schönes zum Knipsen hätten, da sie sonst nichts über uns bringen können. Der zweite Apparat ist derjenige der Galeristen, die etwas verkaufen wollen, und der dritte sind die großen Ausstellungshallen, die um viel Geld errichtet werden und dementsprechend wieder mit Objekten gefüllt werden müssen, weil man sie ja andernfalls umsonst gebaut hätte. Es gibt also ein sich selbst stützendes System, und denjenigen, die sich ihm verweigern, geht es ziemlich schlecht.

Jeannée: Außerdem betreiben wir eigentlich keine Negation des Ästhetischen. Es spielt für uns aber nur in einem funktionellen Zusammenhang eine Rolle. Überlegungen in diese Richtung gibt es viele, etwa: Wie gestalten wir einen Raum, in dem Konfliktgespräche stattfinden? In Zürich haben die dann auf einem Boot stattgefunden.

Sie profitieren aber insofern vom Künstler-Mythos, als Sie für Ihre Arbeit mehr Anerkennung bekommen als der anonyme Sozialarbeiter, der sich jeden Tag mit Problemen herumschlägt.

Zinggl: Es geht darum, ob man irgendwo ein Objekt hinstellt und dann alle sagen: "Versteh ich nicht, aber toll", oder ob man das kulturelle Kapital irgendwohin treibt und für andere Zwecke nutzt. Der Unterschied zum Sozialarbeiter besteht darin, dass wir uns von unseren Projekten, die durchaus weiterwirken, nach einiger Zeit wieder zurückziehen, weil wir sonst keine Energie mehr für andere Geschichten hätten.

Welche Aufträge würden Sie nicht annehmen?

Zinggl: So Geschichten aus der Privatwirtschaft haben wir noch nie übernommen, aber auch keine von sozialen Organisationen wie der Caritas: Als die so etwas Ähnliches wie den Wiener Obdachlosen-Ärztebus für Kiew von uns wollte, haben wir abgelehnt, weil wir erstens kein Projekt zweimal machen und zweitens eine solche Organisation das schließlich selber organisieren kann. Wir wollen keine Sozialarbeit machen, sondern den Kunstbegriff in diese Richtung drängen. Schließlich sind wir eine Gruppe von Künstlerinnen und Künstlern, die mit den Kunstinstitutionen und der Kunstszene verwoben ist - ob die das wollen oder nicht.

Martin Droschke in FALTER 43/2001 vom 26.10.2001 (S. 68)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Christies großes Teddybuch (Leyla Maniera)
Dinosaurierjäger (Deborah Cadbury, Monika Niehaus)
Pinguine - die kleinen Leute der Antarktis (Ron Naveen, Hans Link)

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