Klimawandel und Gesundheit
Auswirkungen. Risiken. Perspektiven.

von Hans-Peter Hutter, Hanns Moshammer, Peter Wallner

€ 21,90
Lieferung in 2-7 Werktagen

Verlag: MANZ Verlag Wien
Format: Buch
Genre: Ratgeber/Gesundheit/Sonstiges
Umfang: 134 Seiten
Erscheinungsdatum: 07.08.2017


Rezension aus FALTER 36/2017

Wettervorhersage für Österreich: Hitze, Flut, Malaria

Drei Umweltmediziner zeigen auf, welche gesundheitlichen Risiken die globale Klimaerwärmung ins Alpenland bringt



Es folgt ein Wetterrückblick der letzten Tage. Ein außergewöhnlich starker Monsun brachte Fluten, Hochwasser und Erdrutsche über Indien, Bangladesch und Nepal, mehr als 1000 Menschen starben. Die indische Millionenstadt Mumbai war besonders stark betroffen, dort kamen nach den heftigen Regenfällen allein bei einem Hauseinsturz mehr als 30 Menschen ums Leben. Derweil fegte Tropensturm Harvey über Texas, tötete zig Amerikaner und vertrieb Millionen weitere aus ihren Wohnungen. In Rom wütete hingegen wochenlang die Hitzewelle namens Lucifero, dort wird jetzt das Wasser knapp. Der Papst ordnete an, die Brunnen im Vatikan abzudrehen.



Der Klimawandel wirkt sich auf den Menschen aus. Aber wie genau? Die drei Umweltmediziner Hans-Peter Hutter, Hanns Moshammer und Peter Wallner vom Zentrum für Public Health an der MedUni Wien haben in ihrem neuen Buch die gesundheitliche Dimension der globalen Erwärmung für Österreich vermessen. Und sie sind dabei sehr gründlich vorgegangen.

So schreiben die Mediziner in „Klimawandel und Gesundheit“ etwa auch über jene Folgen, die einem nicht sofort in den Sinn kommen würden. Dass Naturkatastrophen wie Überflutungen, Hochwasser, Lawinen, Muren und Stürme – die laut Prognosen durch die Klimaerwärmung zunehmen werden – Menschen töten, weiß man bereits. An den gesundheitsgefährdenden Schimmelbefall durch Starkregen, der die Häuser durchfeuchtet, denkt man schon weniger. Wenn im Zuge eines Hochwassers Heizöl austritt, kann es außerdem tief ins Mauerwerk eindringen. Das kann wiederum die Gesundheit über die veränderte Raumluft beeinträchtigen. Dazu kommen posttraumatische Belastungsstörungen nach einer zerstörerischen Wetterkatastrophe. Sie können – das zeigen wissenschaftliche Studien – bis zum Suizid führen.



Weil es in Österreich immer heißer wird, verändern sich auch Flora und Fauna. So breitet sich die Beifuß-Ambrosie immer stärker aus. Sie ist eine hochallergene Pflanze, allein sechs Pollen pro Kubikmeter Luft können Heuschnupfen, Bindehautentzündungen und Asthma verursachen.

Dabei bleibt es nicht. „Insgesamt müssen wir jedenfalls davon ausgehen, mit für uns neuen Krankheiten konfrontiert zu werden, die bisher als Tropenerkrankungen galten“, schreiben die Autoren. So werden aller Voraussicht nach Würmer in Mitteleuropa heimisch werden, die es davor nur in den Subtropen und Tropen gegeben hat. Parasiten wie der Spulwurm und der Peitschenwurm, die bereits in Österreich leben, könnten sich aufgrund der wärmeren Temperaturen künftig noch schneller vermehren. Die Autoren glauben außerdem, dass selbst Malaria, die in Österreich so gut wie ausgerottet war, wieder heimisch werden könnte. Grund zur Panik bestehe dabei aber keine. Schließlich gibt es in Österreich wirksame Medikamente gegen die Krankheit.



Die Autoren haben sich im Buch für einen ganzheitlichen Erklärungsansatz entschieden und beschreiben nicht nur die gesundheitlichen Aspekte, sondern liefern auch einen Überblick zum Thema Klimawandel in Österreich an sich: Warum erhitzt sich unsere Welt so rasant? Worauf müssen wir uns künftig einstellen? Was können wir gegen die sich anbahnende Katastrophe tun? Und welche politischen Handlungen müssen gesetzt werden?

Auf die letzte Frage geben die Wissenschaftler gleich mehrere Antworten. Eine wichtige lautet Klimaschutz, der in Österreichs Politik kaum eine Rolle spielt. Eine andere die rechtzeitige Anpassung an die Folgen des Klimawandels. Gegen die zunehmende Hitze, die eines der größten Probleme für die Gesundheit darstellt (der Falter berichtete vergangene Woche), empfehlen die Autoren neben vielen anderen Maßnahmen etwa, „green cooling rooms“ zu schaffen, die vor allem älteren Menschen Abkühlung verschaffen sollen.

„Klimawandel und Gesundheit“ ist ein Aufklärungsbuch, das es schafft, das schwer zu fassende Thema Klimaerwärmung auf Leiden wie Hitzschlag und verstärkte Pollenallergie herunterzubrechen.

Benedikt Narodoslawsky in FALTER 36/2017 vom 08.09.2017 (S. 21)



Rezension aus FALTER 35/2017

Komm, heißer Tod

Die Hitze hat in Wien bereits hunderte Menschen dahingerafft. Gefährdet sind vor allem die Schwächsten in der Gesellschaft. Die schlechte Nachricht: Es kann noch viel schlimmer kommen



Freitag, 15.30 Uhr, Zentrale des Wiener Roten Kreuzes nahe der U-Bahn-Station Erdberg. Johannes Pacher steigt aus seinem Einsatzwagen RK-Landstraße1/Tag aus. Sein Tag, das waren: ein verunfallter Radfahrer, ein Drogenkranker, ein Krankentransport, eine alte Dame mit Herzrhythmusstörungen. Der Freitag ist ein Hitzetag. So nennt man Tage, an denen das Thermometer die 30-Grad-Celsius-Marke knackt.

Die Hitzetage in Wien nehmen zu. Rasant. Die Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik (ZAMG) maß auf der Wiener Messstation der Hohen Warte in den 1980er-Jahren insgesamt 102 Hitzetage. In den 1990er-Jahren waren es 152, in der ersten Dekade der 2000er-Jahre 192. Von 2010 bis 2017 sind es bereits 201, dabei ist weder dieser Sommer noch das Jahrzehnt vorbei. Innerhalb von 30 Jahren wird sich die Zahl der Hitzetage in Wien also mehr als verdoppelt haben. Und sie werden weiter zunehmen.



Das Klima hat das Rote Kreuz in Wien verändert. An Tagen ab 30 Grad – das ist die Regel des Roten Kreuzes – steht im Morgengrauen extra ein Mitarbeiter mit Mineralwasserflaschen in der Ausfahrt und reicht sie den Sanitätern durchs Autofenster. Sie müssen an diesen Tagen viel trinken, um in der Hitze so leistungsfähig wie möglich zu bleiben. Pacher hat sich seine Flasche ins Seitenfach der Beifahrertür geklemmt. Seit 2009 ist er im Rettungsdienst, er kann sich noch an Krankenwagen ohne Klimaanlagen erinnern. Die Zeiten sind vorbei, aber bei extremer Hitze stößt selbst die neue Klimaanlage an ihre Grenzen. „Seit zwei Jahren haben wir auch eine neue Uniform für den Sommer“, sagt Pacher und zupft an seiner roten Hose mit den Reflektoren, „das ist ein neues, relativ dünnes Modell. Es ist luftdurchlässiger.“ Die Hitze ändert die Arbeit des Roten Kreuz auch auf eine andere Weise: An heißen Tagen wie diesem Freitag gibt es in Wien um rund zehn Prozent mehr Einsätze.

„Was wirklich häufig ist, sind Kollapsgeschehen“, erzählt Pacher, „die sind oft hitzebedingt.“ Kollapse, das sind in der Regel harmlose Einsätze. Hitzschlag, das sind die Einsätze, in denen es um Leben und Tod geht. Vor zwei Jahren rückte Pacher aus, nachdem ein Bauarbeiter in der Mordshitze zusammengebrochen war. „Er hat überlebt, aber trotz bester Versorgung massive neurologische Schäden davongetragen“, sagt Pacher, „er hat eine Seitenlähmung und Schluckbeschwerden gehabt. Wie nach einem Schlaganfall.“

„Der Klimawandel ist im 21. Jahrhundert weltweit eine der größten Bedrohungen für die menschliche Gesundheit.“ Diese Worte stehen am Beginn einer Studie, die Anfang August in Lancet erschien – einer der weltweit besten medizinischen Fachzeitschriften. Wissenschaftler des Joint Research Centre der Europäischen Kommission berechneten mit statistischen Methoden die Gefahr von Wetterextremen für die Europäische Union, samt Schweiz, Norwegen und Island. Kernaussage der Studie: Wenn die Europäer den Kampf gegen den Klimawandel nicht aufnehmen, steuern sie auf eine gesundheitliche Katastrophe zu.



Ein paar Zahlen zum Fürchten: Starben im Zeitraum 1981 bis 2010 pro Jahr im Schnitt rund 3000 Europäer aufgrund von Wetterextremen, so werden es in den nächsten zwei Jahrzehnten jährlich mehr als 30.000 sein – also zehn Mal so viele. Im letzten Drittel des Jahrhunderts könnten Wetterextreme jährlich rund 150.000 Europäer dahinraffen. Die Zahl der Opfer würde sich damit also verfünfzigfachen. Zwar würden auch die Sterbefälle durch Fluten, Brände und Stürme zunehmen, aber am weitaus mörderischsten würde die Hitze zuschlagen. Laut der Studie würden 99 Prozent aller Europäer, die durch Wetterextreme sterben, an Hitzefolgen zugrunde gehen. Im letzten Drittel des Jahrhunderts würden zwei von drei Europäern in Regionen leben, in der das Klima lebensgefährlich wird.

Was für eine Aussicht! Sieht man nach rechts, blickt man durchs Fenster auf den oberösterreichischen Traunsee mit seiner malerischen Bergkulisse. Blickt man nach links, sieht man durchs Fenster aufs dicht verbaute Stadtgebiet Wiens. Die beiden großen Plakate, auf denen die beiden unterschiedlichen Ausblicke samt Fenster gedruckt sind, hängen an den Bürowänden von Willi Haas im Institut für Soziale Ökologie, Alpen-Adria-Universität, Schottenfeldgasse Wien. Die Fotos lassen nicht nur sein Büro größer erscheinen, sie haben auch mit Haas’ Arbeit zu tun.

Haas befasst sich wissenschaftlich mit Hitzetoten in Österreich. Gerade arbeitet er mit anderen Klimaforschern am Spezialreport „Gesundheit, Demografie und Klimawandel“, der den internationalen Standards der Klimaforschung folgt. Nicht überall im Land sei die Hitze gleich gefährlich. „Es kommt auf die Gegend an“, sagt Haas. Blick nach rechts, der Traunsee. Dort kühlen Wasser, Wald und Wiese die umliegenden Ortschaften. Blick nach links, das verbaute Stadtgebiet in Wien. Dort heizen Beton und Asphalt die Umgebung auf wie ein Toaster.



Selbst in Wien setzen die hohen Temperaturen den Wienern unterschiedlich zu. Nicht jeder ist gleich sensibel, nicht jeder gleich anpassungsfähig, nicht jeder wohnt in der Gefahrenzone. Für das Entstehen einer Hitze-Insel in der Stadt kann es mehrere Ursachen geben. Liegt vor der Haustür ein Park, eine Allee oder eine Wiese, die Wasser verdunsten lassen können und dadurch kühlen? Oder gibt es bloß Straße, Asphalt und Beton, die Hitze bis in die Nacht speichern? Gibt es Beschattung oder knallt die pralle Sonne herunter? Fegt ein Wind die warme Luft weg oder drückt sie sich fest? „Wenn man sich die Hitzekarte von Wien anschaut, sieht man außerdem: Je höher die Häuser liegen, desto kühler wird es. Und desto stärker steigt auch das Haushaltseinkommen“, sagt Haas. Auf der anderen Seite der Hitze-Skala befindet sich etwa der Wiener Gürtel. „Hier sinkt das Haushaltseinkommen“, sagt Haas.

Auf vier Spuren rollen Autos auf dem Hernalser Gürtel Richtung Norden. Auf der anderen Seite der U-Bahn-Station sind es noch einmal vier Spuren Richtung Süden. Der Gürtel, das ist viel Asphalt und kaum Grün. Ausgerechnet dort – schräg gegenüber der U-Bahn-Station Alser Straße – liegt das Department für Umwelthygiene und Umweltmedizin der MedUni Wien. Ganz oben im Dachgeschoß hat sich Hans-Peter Hutter einen Ventilator neben den Bildschirm gestellt. Wenn sich sein Büro während der Hitzetage aufheizt, schaltet er ihn an, lässt die Jalousien herunter, hält die Fenster geschlossen, holt sich immer wieder etwas zu trinken und kühlt mit kaltem Wasser Nacken und Unterarme. Mit Hitze kennt sich Hutter aus. Er hat gerade ein Buch darüber geschrieben: „Klimawandel und Gesundheit“ ist Mitte August erschienen.

Der Mensch ist ein Wunder. Knapp zwei Quadratmeter Haut, ein Herz, das pro Minute fünf Liter Blut durch den Körper pumpt, immer 37 Grad warm. Wird es draußen heißer, muss sich der Körper ordentlich anstrengen, um die 37 Grad zu halten. Er beginnt zu schwitzen, damit das Wasser auf der Haut verdunstet und damit kühlt. Das Herz pumpt bei extremer Hitze zwei bis drei Mal so viel Blut wie sonst in die Hautgefäße der Arme und Beine, damit gibt der Mensch mehr Wärme ab und kühlt den Körper runter. Steigt die Luftfeuchtigkeit, verdunstet der Schweiß nicht mehr. Steigt die Temperatur weiter, gibt manches Herz auf.



„Die Hitze ist ein leiser Mörder, der leise Leute tötet“, sagt Umweltmediziner Hutter, „die Opfergruppe hat keine Lobby und ist für die meisten unserer Gesellschaft unsichtbar.“ Bedroht sind vor allem alte, alleinstehende Menschen. Zur gefährdeten Gruppe zählen aber auch chronisch und psychisch Kranke. Behinderte, Kleinkinder und jene, die unter einer Vorerkrankung der Atemwege und des Herz-Kreislauf-Systems leiden. Hitzetod, das ist in der Regel also ein Tod der sozial Schwachen.

Sie haben kein Gesicht. „Die Hitzetoten sind statistisch nachweisbar, aber du kannst auf niemanden hindeuten und sagen: Der hier ist ein Hitzetoter“, sagt Hutter. Zwei aktuelle Beispiele: In den heißen Tagen des heurigen Juli starb der herzkranke Viennale-Direktor Hans Hurch (64) in Rom überraschend an Herzversagen. Anfang August verstarb der Kulturmanager Peter Oswald (63) nach einer Bypass-Operation in einer Rehabilitationsanstalt in einem Zimmer ohne Klimaanlage. Beide zählten aufgrund ihres Alters und ihrer Vorerkrankung zur Risikogruppe, beide verstarben in der Hitze des Sommers. Wissenschaftlich ist es dennoch unredlich, Hurch und Oswald als Opfer des Klimawandels zu bezeichnen. Man kann nur sagen: Der Klimawandel schraubt die Zahl der Hitzetage nach oben, die wiederum zu einer sogenannten „Übersterblichkeit“ führen. Statistisch gesehen sterben also bedeutend mehr Menschen in der Hitzeperiode als an Tagen mit gemäßigten Temperaturen.

Das Thema bleibt aufgrund der Komplexität unter der Wahrnehmungsschwelle. Während jeder einzelne Terrortote in Zeitungen eine Titelgeschichte hergibt, bleiben die vielen leisen Hitzeopfer medial unbeleuchtet. Die österreichische Politik reagierte auf den Terror in Europa mit mehr Sicherheit und mehr Überwachung, nach der islamistischen Terrorattacke in Barcelona berief die österreichische Regierung den nationalen Sicherheitsrat ein. In der Klimapolitik herrscht in der Regierung hingegen seit Jahren Stillstand. Die angekündigte Klima- und Energiestrategie kommt nicht, die angekündigte große Ökostrom-Novelle, die mehr erneuerbare Energie bringen sollte, blieb ebenso auf der Strecke. Im Vorjahr zeichnete der Dachverband Climate Action Network auf der letzten Weltklimakonferenz in Marrakesch die Republik Österreich mit dem internationalen Negativpreis „Fossil des Tages“ aus.

Dabei besteht seit spätestens zehn Jahren kein Zweifel mehr daran, dass die Hitze auch hierzulande Leben kostet. 2007 veröffentlichte Umweltmediziner Hutter mit Kollegen die Studie „Hitzewellen in Wien“. Die Wissenschaftler untersuchten damals die Auswirkungen des Rekordsommers 2003, der laut einer vorangegangenen Studie des französischen Demografen Jean-Marie Robine 70.000 Europäer tötete. Mithilfe einer statistischen Analyse wiesen Hutter und seine Kollegen nach, dass auch in Wien 130 Menschen nur aufgrund der Hitze starben.



Das blieb kein Einzelfall. Die Österreichische Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (Ages) entwickelt derzeit ein Werkzeug, um herauszufinden, wie sich die Hitze auf die Todesrate auswirkt. „Wir sehen vermehrt Extremwetterereignisse und wollen darauf vorbereitet sein“, erklärt Franz Allerberger, der in der Ages das Ressort „Öffentliche Gesundheit“ leitet. Das Werkzeug heißt Mortalitätsmonitoring, kurz: Momo. Seit wenigen Wochen befindet es sich im Testlauf und wird jeden Tag mit aktuellen Sterbe- und Wetterdaten gefüttert. Ab nächstem Jahr will die Ages damit anrollende Hitzewellen mit mörderischer Wirkung so früh wie möglich erkennen. In der Zwischenzeit hat die Agentur Daten aus der Vergangenheit ausgewertet und dabei Bedrückendes zutage gefördert: Laut den Berechnungen der Ages zeigen in den vergangenen zehn Jahren die Hitzewellen in den Sommern 2007, 2010 und 2013 „signifikante Übersterblichkeiten“. Pro Sommer starben in diesen heißen Jahren – je nach Berechnungsmethode – zwischen 150 und 800 Österreicher aufgrund der Hitze. Ein Massensterben.

Der Falter macht diese aktuellen Zahlen erstmals öffentlich. Und die Prognosen zeigen: Handelt die Politik nicht, werden die hitzebedingten Sterbefälle weiter zunehmen. Denn die Tage werden heißer, und die Hitzewellen nehmen zu. Sie sind die entscheidende Kategorie. „Denn an einem einzelnen Hitzetag ist die Hitzebelastung für Menschen noch leichter verträglich“, sagt Haas vom Institut für Soziale Ökologie, „ab drei Hitzetagen in Folge wird sie stark, dann wird die Übersterblichkeit am deutlichsten.“

Im Jahr 2015 berechnete Willi Haas mit anderen Klimaforschern in der sogenannten Coin-Studie, wie viele Todesopfer die Hitze in Österreich rund um die Jahrhundertmitte fordern würde, wenn die Politik nichts gegen den Klimawandel unternimmt. Statistisch gesehen wären das im mittleren Szenario im langjährigen Jahresschnitt rund 1000 Hitzetote. In einem extrem heißen Jahr sogar rund 6000.

Die Stadt ist überdurchschnittlich stark gefährdet. Aus der Coin-Studie liegen nun exklusiv die Zahlen für Wien vor. Rund um die Jahrhundertmitte würden laut dieser Prognose im Durchschnittsjahr geschätzt 300 Wiener aufgrund der Hitze sterben. In extremen Jahren könnte die Zahl sogar auf 1700 klettern. „Haben wir Pech, muss erst ein extremes Jahr passieren, damit die Politik entschiedene Maßnahmen zur Anpassung an den Klimawandel trifft“, warnt Haas, „wenn wir Glück haben, trifft sie die Politik schon davor.“



Was politisch möglich ist, zeigt ein Vergleich mit der Straße. Laut Verkehrsstatistik des Innenministeriums starben in den ersten fünf Jahren der 1980er-Jahre jährlich im Schnitt 1903 Menschen auf Österreichs Straßen. Die Politik beschloss daraufhin Maßnahmen, ahndete etwa Nicht-Angurten ebenso wie Alkohol am Steuer stärker und schaltete Öffentlichkeitskampagnen, um in der Bevölkerung Bewusstsein für sicheren Verkehr zu schaffen. Die Zahl der Todesopfer sank seither auf ein Viertel, in den vergangenen fünf Jahren starben im Schnitt 464 Menschen. Halten die Trends an, wird Österreich in naher Zukunft mehr Klimatote als Verkehrstote beklagen.

Anfang August präsentierte Gesundheitsministerin Pamela Rendi-Wagner (SPÖ) einen Hitzeschutzplan für Österreich. Kündigt sich eine Hitzewelle an, meldet das die Zentralanstalt für Meteorologie nun den Bundesländern und dem Gesundheitsministerium. Diese informieren wiederum die Bevölkerung und warnen die Menschen in Altersheimen, Krankenhäusern und Kindergärten vor der Hitze. „Ich bin froh, dass da endlich etwas ins Laufen gekommen ist“, sagt Umweltmediziner Hans-Peter Hutter, „aber es war doch sehr spät.“

Für ihn geht der Plan noch nicht weit genug, denn alleinstehende, alte Menschen erreiche man damit kaum. Diese gefährdete Gruppe könnte man am besten durch gezielte Nachbarschaftshilfe ansprechen. „In Frankreich gibt es außerdem ein System, bei dem Menschen ihre Angehörigen melden können, damit sich jemand in der Gemeinde um sie kümmert“, sagt Hutter. Die Maßnahme war eine politische Antwort auf die Hitzewelle 2003, die rund 5000 Menschen in Paris dahinraffte. Damals hatten die Behörden kurzerhand ein Gemüse-Lagerhaus in Rungis wenige Kilometer südlich von Paris beschlagnahmen müssen, um die vielen zusätzlichen Leichen zu kühlen.

Was Städte im Kampf gegen die Hitze brauchen, ist wissenschaftlich belegt, klingt aber banal. Bäume pflanzen, Dächer und Wände begrünen, Wasserflächen und Beschattungen schaffen. All das kühlt. „Der Tod ist nur die schlimmste Folge der Hitze. Ungemütlich wird es für uns alle“, sagt Haas. „Zen­tral wäre es daher, den stehenden Verkehr aus der Stadt wegzubringen, weil wir diese Flächen notwendig brauchen.“ Soll heißen: mehr Park, weniger Parkplätze. Wie schwierig der Kampf gegen die Autos ist, bewies allerdings der Umbau der Mariahilfer Straße. Die Umgestaltung des Wiener Einkaufsboulevards kochte zu einem nationalen Politikum hoch.



Die Stadt Wien arbeite bereits seit Jahren intensiv an Anpassungsmaßnahmen, um sich für den Klimawandel zu rüsten, sagt Christine Fohler-Norek, die Klimakoordinatorin der Stadt Wien, „vor allem die Hitze ist für Städte ein sehr wichtiger Aspekt des Klimawandels“. Wien hat in den letzten Jahrzehnten seine Klimabilanz verbessert. „Seit 1990 haben die Wiener pro Kopf 34,8 Prozent an Treibhausgasemissionen eingespart“, sagt Fohler-Norek. Gebäude wurden gedämmt, die Heizung stärker auf Fernwärme und Erneuerbare umgestellt, die Zahl der Autos sinkt, die der Radfahrer steigt. Es gibt Vorzeigeprojekte wie etwa die Biotope-City in Favoriten, wo auf einem ehemaligen Industrieareal gerade rund 900 Wohnungen gebaut werden. Dächer und Wände werden mit Pflanzen begrünt, es wird Raum für gemeinschaftliches Urban Gardening geschaffen, außerdem sollen offene Wasserläufe die Umgebung kühlen.

Oder das Projekt „Grätzloase“, mit dem die Stadt den Wienern finanziell dabei hilft, Parkplätze im Sommer zu öffentlichem Raum umzugestalten. „Im Zeitraum, in dem man’s braucht, ist’s ein bisschen mehr an Grün“, sagt Andrea Binder-Zehetner von der Lokalen Agenda 21 in Wien, die bei der Schaffung von Grätzloasen hilft. Gelungenes Beispiel: Adamsgasse im dritten Bezirk. Dort wurde aus einem Parkplatz vorübergehend ein blühender Garten. Die Oase aus Topfpflanzen, Sträuchern und Blumen kühlt die unmittelbare Umgebung inmitten der Asphaltwüste, wo auf beiden Seiten Autos parken. Die Mittel für die Förderung der „Grätzloasen“ sind heuer schon aufgebraucht.

So stößt die Stadt immer wieder an ihre Grenzen. Etwa vor ein paar Jahren beim Bau des neuen Stadtteils Seestadt. „Auf der Stadtplanungsebene waren damals Alleen und Bäume vorgesehen“, erzählt Christoph Chorherr, Sprecher für Stadtplanung der Wiener Grünen und einer der versiertesten Politiker, was klimafreundliche Raumplanung der Stadt betrifft, „doch dann legte die Feuerwehr Einspruch ein und wollte die meisten Bäume auf den Plänen ausradieren, weil sie die Leitern der Feuerwehrautos im Falle eines Einsatzes behindern hätten können.“ Der Großteil der Bäume sei nur gerettet worden, weil sich Vizebürgermeisterin Maria Vassilakou (Grüne) und Umweltstadträtin Ulli Sima (SPÖ) auf höchster Ebene für den Erhalt der Bäume eingesetzt hätten. „Würde man heute die Ringstraße neu bauen, hätte sie keine Bäume, dafür verpflichtend eine Lärmschutzwand“, sagt Chorherr. Nachsatz: „Das ist kein Witz.“



Und dann lässt Chorherr mit einer neuen Idee aufhorchen, die eigentlich ganz alt ist. „Wären alle Häuser weiß wie in Griechenland, schafft man durch den sogenannten Albedo-Effekt einen signifikanten Kühleffekt“, sagt Chorherr, „ich kann mir also vorstellen, dass wir in ein paar Jahren dunkle Gebäude weiß anstreichen werden. Das würde uns einige Grad bringen.“

Bald könnte Wien also Athen ähneln. Die griechische Hauptstadt wiederum wird mit anderen Problemen zu kämpfen haben. Das zeigt die Studie „Global Risk of Deadly Heat“, die von der Universität Hawaii Mitte Juni im Fachjournal Nature erschien, einer der bedeutendsten und seriösesten Wissenschaftszeitschriften der Welt. Die Wissenschaftler untersuchten darin knapp 800 Fallstudien aus 35 Jahren und 40 Ländern, in denen die Hitze Menschen tötete.

Kombiniert man die Ergebnisse der Vergangenheit mit den Klimatrends, dann würden im schlimmsten Szenario in europäischen Metropolen wie Rom, Barcelona und Athen ein Gemisch aus Hitze und Luftfeuchtigkeit ein mörderisches Klima brauen, das die Städte mehr als zwei Monate im Jahr in Geiselhaft hält. Das Klima verändere sich derart schnell, dass sich der menschliche Körper wahrscheinlich nicht auf die Hitze einstellen könnte, warnen die Wissenschaftler.

Dann würde die Hitze europäische Metropolen für Menschen unbewohnbar machen.

Benedikt Narodoslawsky in FALTER 35/2017 vom 01.09.2017 (S. 41)


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