Totort
Roman

von Andreas Kuba, Christian Neuwirth

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Deuticke
Erscheinungsdatum: 01.01.1998

Rezension aus FALTER 1-2/1999

Fuchs und Förster

In Sachen belletristischer Verwertung realen Briefbombenterrors war das Duo Kuba & Neuwirth am schnellsten.

Grenzgenialer Titel, glänzend gestalteter Umschlag, schnell eine Bauchbinde ums Buch, Kontrastfarbe, also Gelb, damit's in alle Augen springt: "Kampfmittel ... Briefbomben ... ideal"; jetzt müssen nur noch 236 Textseiten hingeschnalzt werden, schon ist ein heißes Produkt entstanden, so läuft das doch? Fachleute für Sprache als Füllmaterial? Man weiß, wo sie zu finden sind: bei News; Spezialisten des einfachen Satzes wie Kuba & Neuwirth, damit's jeder versteht: fertig ist der Schlüsselroman zur "schwierigsten Periode der österreichischen Republik".

"Totort". "Der vorliegende Roman beruht auf einer wahren Begebenheit, die handelnden Personen sind jedoch frei erfunden, allfällige Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind rein zufällig." Also gut. Nehmen wir Totort beim Wort und das Buch als Roman. Mit Terror beginnt's. Zehn Briefbomben, darunter eine an den Bürgermeister. "Wir wehren uns." Das "Wir" hat, in den Worten des psychiatrischen Gutachters, eine entschieden Über-Ich-entlastende Funktion: Es gibt nur einen Täter, und dieser Franz Hofer steht allein. Kalte Intelligenz und glasklarer Haß, ein Mörder, der seine Bomben als Kunstwerke betrachtet. Minister gehen, Gesetze werden verschärft. Ein Fanatiker treibt ein Land vor sich her, das lange an rechtsextremen Gruppenterror glauben will. Aber es gibt einen, der den Täter durchschaut. Thomas Lümmer, Kriminalpsychologe. Sein Profil half schon, den Mädchenmörder Jack Urbach (Achtung: Schlüsselroman!!!) zu verhaften, den "ersten transkontinentalen Serienmörder".

Während die Exekutive im dunkeln tappt und aufrüstet und Spuren folgt, die nirgendhin führen, kreist Lümmer seinen Gegner allmählich ein. Lümmer ist Schreibtischtäter. Bildermappen, Protokolle. Information und Analyse. Er scheidet aus, er verknüpft Fakten, er denkt sich in den Kopf des Mörders hinein. Bis er allmählich von seinem Arbeitsplatz in Wien aus bei Hofer einzieht. Ein ungebetener Gast, der Unbehagen schafft.

Zweifellos eine spannende Geschichte. Der gute Kriminalroman dehnt den Spannungsbogen bis zum Zerbrechen und hält ihn bis zum Ende durch. Das Fernduell zweier Genies. Der Fuchs und der Förster. Und dazwischen die Gnadenlosigkeit. "Totort" jedoch weiß damit nichts Überzeugendes anzufangen. Zu offensichtlich dem Nacherzählen realer Ereignisse verpflichtet und mit einer Kurzsatzstruktur, die schnell banal wirkt, bestückt - dazu nicht wirklich erhellende Dokumente -, vermag das Buch sein eigenes Vorhaben nicht einzulösen. Es liegt an Lümmer, es liegt daran, daß dessen Gedankenwelt nicht plastisch wird. Und weil der Fall in der Wirklichkeit eher zufällig platzte und kein echtes Show-down bot, fühlen sich auch die Autoren nicht bemüßigt, ihr Werk zum Kunstwerk zu verdichten. Schade? Nice try?

Lesend beschleicht uns der Verdacht, daß man sich mit dem belletristischen Etikett vor allem vor Klagen und vor dem Vorwurf ungenauer Recherche schützen will. So ist, was sich als Schlüsselroman tarnt, in Wahrheit doch ein Rubelroman. Und solange der eine rollt, bedarf der andere keiner weiteren Legitimation.

Christoph Braendle in FALTER 1-2/1999 vom 15.01.1999 (S. 65)


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