Zwischenstationen
Roman

von Vladimir Vertlib

€ 18,40
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Verlag: Deuticke in Zsolnay
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Erzählende Literatur
Umfang: 292 Seiten
Erscheinungsdatum: 14.01.1999

Rezension aus FALTER 11/1999

"Holloraitulijöötuliahiii"

Vladimir Vertlib konnte für seinen Roman über das Schicksal emigrierter russischer Juden auf eigene Erfahrung zurückgreifen: Seit 1981 lebt er in Österreich. Mit dem "Falter" sprach er über die russische Brigittenau und die Utopie des Jodelns.

Wie die Flugbahn eines Bumerangs hatten uns alle Wege immer wieder nach Wien und in diesen etwas heruntergekommenen Arbeiterbezirk geführt." Rußland-Israel-Österreich-Italien-Österreich-Holland-Israel-Italien-Österreich-USA-Österreich: Der zwanzigste Wiener Gemeindebezirk, die Brigittenau, ist mehr als nur ein Zwischenstopp der abenteuerlichen Odyssee einer russisch-jüdischen Emigrantenfamilie in den siebziger und achtziger Jahren.

"Zwischenstationen", der erste Roman des 1966 in Leningrad geborenen Autors Vladimir Vertlib, handelt von Abschieden. Er beginnt mit der Reise des Ich-Erzählers in seine Geburtsstadt Petersburg im Jahre 1993. Seine Großmutter liegt im Sterben. Von hier ist er - so wie der Autor selbst - vor 22 Jahren mit seinen Eltern in den Westen emigriert.

Der Roman folgt den Stationen dieser Wanderschaft mit ungewissem Ziel - auf den ersten Blick eine Chronik der Ereignisse aus der Perspektive des Heranwachsenden, unprätentiös erzählt, bisweilen bis zur stilistischen Anspruchslosigkeit, aber mit Sinn für die Dramatik von Situationen und Dialogen.

Erst auf den zweiten Blick fällt auf, daß die zwölf Kapitel, die sich oft um eine einzelne Episode einer Zwischenstation ranken, auch als eigenständige Geschichten gelesen werden können, mit ihren oft überraschenden oder komischen Pointen stimmig konstruiert sind.

Ich treffe Vladimir Vertlib im Cafe Gramm, einem typischen Vorstadt-Cafe in der Brigittenau. Die naheliegende Frage, ob sein Roman eine Autobiografie sei, verneint er. "Biografisch ist allerdings das Gefühl, das ich eingefangen habe. Und die Zwischenstationen sind Orte, an denen ich gewesen bin."

1981 hat sich die Familie nach einer zehnjährigen Irrfahrt in der Brigittenau niedergelassen. Seit zwölfeinhalb Jahren ist Vertlib österreichischer Staatsbürger. "Obwohl mein Verhältnis zu Österreich kein unproblematisches ist", sagt er, "lebe ich gerne hier. Mein Österreich ist etwas ausgesprochen Subjektives. Wenn ich zum Beispiel in die Brigittenau komme, beginne ich Russisch zu denken, weil der Teil des Bezirks, wo wir jetzt sitzen, für mich als Kind ein Teil Rußlands war. Trotzdem bleibt Österreich für mich das Land, in dem Adolf Hitler geboren und der Holocaust verwaltet wurde."

Die erste Buchpublikation des studierten Volkswirtschaftlers, der seit 1993 als freier Schriftsteller, Sozialwissenschaftler und Übersetzer in Salzburg und Wien lebt, war die Erzählung "Abschiebung" (1995), die eine Episode aus der Emigration einer russisch-jüdischen Familie zum Inhalt hat. "Ich wollte danach zu anderen Themen übergehen", erzählt Vertlib. "Aber die Figuren haben an meine Türe geklopft und gesagt: Wir möchten mehr Raum. Also habe ich einen Roman geschrieben."

Es ist ein typisches Emigrantenschicksal der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, das die Familie aus "Zwischenstationen" im Zickzackkurs von Land zu Land treibt - auf der Flucht vor Repressalien in Rußland, vor Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit in Österreich, vor den kriegsähnlichen Zuständen in Israel.

Persönliche Paranoia und politische Realität lassen sich im Gegensatz zur erzwungenen Emigration während der Nazizeit nur noch schwer auseinanderhalten. "In Österreich sind wir finanziell abgesichert, haben uns gut eingerichtet", protestiert die Mutter gegen die Ausreise nach New York. Sie ernährt die Familie - egal, ob als Mathematikerin oder als Putzfrau. "Frauen!" antwortet der Vater achselzuckend. "Sie denken immer so praktisch. Verstehen nicht, daß man etwas tut, was man einfach tun muß." Er ist stolz darauf, Idealist zu sein, möchte seinem Sohn ideale Bedingungen bieten und begreift nicht, daß er sein Kind der Möglichkeit beraubt, eine Identität, eine neue Heimat zu finden.

Kaum hat man sich irgendwo eingelebt, neue Freunde gefunden, geht es auch schon weiter. Die einzige Konstante sind die nationalen Vorurteile, mit denen die Köpfe in jedem Land gepflastert zu sein scheinen: Während die Nachbarn in Wien das Kind "Tschuschenbua" schimpfen, beschweren sich die Eltern in Israel über die "schwarzen" Juden und in den USA über die Afroamerikaner. "Es ist schon tragisch", wird Rita, eine Freundin der Familie, später sagen, "Russen durftet ihr nicht sein, richtige Juden seid ihr keine mehr, Gojim aber auch nicht.

In der Abgrenzung von dem aufgezwungenen Nomadenleben wird der Ich-Erzähler erwachsen. Als er sich zum ersten Mal weigert, für einen erneuten Umzug - von Boston in die Nachbargemeinde Brookline - packen zu helfen, klingt seine Stimme plötzlich heiser und tief, "fast wie die eines Erwachsenen".

"Es wird für dich nicht leicht sein, in einem Land der Kinder und Enkel von Nazis zu leben", hatte der Vater beim vierten und letzten Anlauf, sich in Wien niederzulassen, gesagt. "Ich bin überzeugt, daß du Österreich verlassen wirst."

Am Schluß des Romans sitzt der Sohn im Zug nach Salzburg - schweren Herzens hat er sich zum Umzug entschlossen. Plötzlich muß er lachen, weil er sich bei der Reproduktion der "ganz normalen" Vorurteile eines Wieners über die Provinz ertappt hat: "Ich bin tatsächlich zum Österreicher geworden."

Die Sehnsucht nach einem festen Platz in der Welt erfüllt sich schlußendlich in einer Ankunft der besonderen Art: dem übermütigen, selbstironischen Kauf eines Tirolerhuts. "Holloraitulijöötuliahiii."

Der Roman einer gelungenen Akkulturation? "Ich sehe den Schluß als absurde Paraphrase des ganzen Buches", meint Vertlib. "Es handelt nicht nur von der Erfahrung des Abschieds, sondern auch von jener Mehrfachidentität, die inzwischen jeder Mensch sein eigen nennen muß. Sie wird mit der Festlegung auf das urösterreichische Klischee des Jodlers und Tirolerhuts ins Skurrile gewendet. Denn die Suche nach dem Glück ist notwendig utopisch - und also auch dieser Jodler."

Kirstin Breitenfellner in FALTER 11/1999 vom 19.03.1999 (S. 69)


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