Sklavenarbeit unterm Hakenkreuz
Die verdrängte Geschichte der Österreichischen Industrie

von Reinhard Engel, Joana Radzyner

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Deuticke
Erscheinungsdatum: 01.01.1999

Rezension aus FALTER 17/1999

Braunes Wunder

Begann das österreichische Wirtschaftswunder bereits während der NS-Zeit dank gnadenloser Ausbeutung von Kriegsgefangenen und KZ-Häftlingen? Ein neues Buch bietet einen Überblick über das System der Zwangsarbeit in der ehemaligen "Ostmark".

Der Aufschwung war enorm. Binnen weniger Jahre verschwanden Zehntausende Arbeitslose von den Straßen. Allerorts wuchsen Fabriken in den Himmel. Wichtige Infrastrukturbauten wurden in Angriff genommen. Mit einem Wort: ein Wirtschaftswunder.

Die Rede ist nicht von der vielzitierten "Erfolgsstory" der Zweiten Republik. Das "Wirtschaftswunder" ereignete sich bereits einige Jahre zuvor, zur Zeit der nationalsozialistischen Herrschaft in Österreich. Möglich war der Aufschwung in den Kriegsjahren nur durch die Ausbeutung von Hunderttausenden ausländischen Kriegsgefangenen. Aber kann man Kriegskonjunktur und Nachkriegsaufschwung so einfach trennen? War nicht gerade der Industrieboom in der Nazizeit Grundlage für die österreichische Wohlstandsgesellschaft?

Der Antwort auf diese Frage versuchen sich Reinhard Engel und Joana Radzyner in ihrem eben erschienenen Buch "Sklavenarbeit unterm Hakenkreuz. Die verdrängte Geschichte der österreichischen Industrie" anzunähern. Mit neuen Forschungsergebnissen warten die Autoren kaum auf. Engel und Radzyner haben die bisherigen Forschungen zu diesem Thema zusammengetragen und versuchen so, einen Überblick über das System der Zwangsarbeit im Gebiet der damaligen "Ostmark" zu geben. Aufgewertet wird die Darstellung durch die Dokumentation authentischer Berichte von Betroffenen.

Das System der Sklavenarbeit war weit verbreitet: Am Höhepunkt des Krieges, im Jahr 1944, wurden sieben Millionen ausländische Zwangsarbeiter im Dritten Reich eingesetzt, 700.000 davon im heutigen Österreich. Zieht man die hohe Fluktuation in Betracht, waren zwischen zehn und 14 Millionen Menschen von diesem System betroffen. Die "Ostmark" war von den ausländischen Kräften während des Krieges noch stärker abhängig als das "Altreich": In manchen Industrieunternehmen schossen die Ausländerquoten auf bis zu 90 Prozent in die Höhe.

Beispiel Steyr-Daimler-Puch: Der Konzern stützte seine gewaltige Umsatzsteigerung während des Krieges nicht nur auf rekrutierte Kriegsgefangene, sondern war auch das erste Unternehmen in der "Ostmark", das KZ-Häftlinge zur Arbeit heranzog. In einem Brief an SS-Führer Ernst Kaltenbrunner im Januar 1942 frohlockte Generaldirektor Georg Meindl über die rechtlosen Arbeitskräfte: "Im Werk Steyr wurde trotz des eisigen Winters der Bau der Montagehallen (...) vorangetrieben." Ins KZ Gusen, eines der Lager mit der höchsten Todesrate im gesamten Reich, ließ das Unternehmen sogar Maschinen für die Produktion schaffen.

Als die Bombenangriffe im Frühjahr 1944 zunahmen, erfand das Steyr-Management das Projekt mit dem Tarnnamen "Quarz". In der Nähe von Melk ließ der Konzern KZ-Häftlinge ein weitverzweigtes Stollensystem graben, um Fertigungen unter die Erde zu verlagern. Bis zum Kriegsende im April 1945 starb über ein Drittel der rund 14.300 im Melker Stollen eingesetzten Arbeiter. Die Manager der Unternehmen, die beim Projekt "Quarz" KZ-Häftlinge als Arbeitssklaven benutzt hatten, wurden nie zur Verantwortung gezogen. Steyr-Generaldirektor Meindl beging im Mai 1945 angeblich Selbstmord. Finanzvorstand Richard Ryznar hingegen wurde nach dem Krieg Steyr-Daimler-Puch-Generaldirektor, Meindls Assistent Walter Hitzinger brachte es bis zum VOEST-Generaldirektor.

Steyr ist nicht das einzige Beispiel, das Engel und Radzyner genau dokumentieren: Der Zwangsarbeit bedienten sich zahlreiche spätere Renommier-Unternehmen wie die Lenzing AG oder die Verbund-Gesellschaft. Die Fundamente einiger Denkmäler des Wirtschaftswunders, etwa die VOEST-Hochöfen oder das Speicherkraftwerk Kaprun, wurden von Zwangsarbeitern in der NS-Zeit geschaffen. So weit wie die Historiker Bertrand Perz und Florian Freund, die in dem Einsatz ausländischer Arbeitskräfte in der "Ostmark" eine "Industrialisierung durch Zwangsarbeit" sehen, wollen sich die Autoren in ihrer Einschätzung aber nicht vorwagen. Die Rolle der Zwangsarbeiter für den "Take-off" der österreichischen Industrie dürfe zwar nicht unterschätzt werden, schreiben Engel und Radzyner: "Ein österreichweiter Modernisierungseffekt läßt sich daraus nicht unbedingt ablesen."

Im Vergleich zur deskriptiven Darstellung des Sklavereisystems fällt die Einschätzung der Konsequenzen für die Geschichte der Zweiten Republik etwas dürftig und ungenau aus. Dennoch ist das Buch ein interessanter Beitrag zur Diskussion, wie weit die "Erfolgsstory" der Nachkriegszeit relativiert werden muß. Erst in den letzten Jahren begannen auch in Österreich verschiedene Unternehmen aufgrund medialen und juristischen Drucks ihre Vergangenheit aufzuarbeiten und Opfern des NS-Systems Entschädigungen anzubieten. Bleibt abzuwarten, ob die Republik nachzieht. Clemens Jabloner, Vorsitzender der Historikerkommission, erklärte vergangenen Februar, daß das Thema Zwangsarbeit bereits ausreichend dokumentiert sei. Ein Entschädigungsfonds für Zwangsarbeit läßt dennoch auf sich warten.

Gerald John in FALTER 17/1999 vom 30.04.1999 (S. 14)


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