alle tage gedichte
schaustücke. hörstücke

von Elfriede Gerstl

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Deuticke
Erscheinungsdatum: 01.01.1999

Rezension aus FALTER 46/1999

Das Wohnen nie erlernt

Mit der Verleihung des Georg-Trakl- und des Erich-Fried-Preises wird der Schriftstellerin Elfriede Gerstl spät die längst verdiente Beachtung zuteil. Der "Falter" sprach mit ihr über die Zumutungen des Lebens, der Lyrik und des Literaturbetriebs.

Auch wenn sie nicht gerade alle paar Tage in den "Seitenblicken" vorkommt und nicht unbedingt unter übermäßiger Medienpräsenz zu leiden hat, "die Gerstl" kennt man. Zumindest jenen, die einigermaßen verlässlich die Wiener Innenstadt-Cafes frequentieren, ist die zierliche, stets geschmackvoll gekleidete Frau bekannt. Elfriede Gerstl ist wohl das, was man eine "Figur" nennt; etwas, was sie zuallerletzt angestrebt hat und was auch nicht nur Annehmlichkeiten mit sich bringt: "Ich brauche nur ins Alt Wien zu gehen, dann muss ich ein Bier zahlen, Gedichte anderer Leute lesen oder beides."

Es ist anzunehmen, dass Gerstls Bekanntheit als "Figur" und Hutträgerin diejenige der Schriftstellerin übersteigt: "In manchen Kaffeehäusern haben die Ober schon reklamiert, wenn ich einmal nicht mit Hut erschienen bin: ,Frau Gerstl - wieso tragen S' kaan Huat mehr?'" Gerstl will gewiss nicht auffallen, trägt aber leider gerne Hüte; und wie sie in einem ihrer für den Falter verfassten und im Band "Unter einem Hut" nachgedruckten Texte über Mode schreibt, ist es "unmöglich, mit Hut nicht aufzufallen. Wer den Schutz einer Kopfbedeckung nicht entbehren will, muss aufs freundlich infantile Wollhauberl ausweichen oder die Pullmannkappenvertauschungen in Kauf nehmen, wie sie andauernd nach Dichterlesungen in der Garderobe oder in den anschließend aufgesuchten Gaststätten aufs Reizendste zu beobachten sind."

Elfriede Gerstl ist mittlerweile einigermaßen erleichtert, wenn sie in Interviews (die sie nicht besonders gerne gibt, denen sie sich aber auch nicht verweigert) nicht über jene Kopfbedeckungen und Kleider sprechen muss, die mittlerweile in einem eigenen Depot lagern, davor aber jahrelang in mehreren Schichten die Bücherschränke verhängten, was unvorhergesehene Kosten nach sich zog: "Ich musste manche Bücher nachkaufen, weil ich sie nicht mehr gefunden habe."

Die Aufmerksamkeit, die der 1932 geborenen Schriftstellerin nun in Form des Georg-Trakl-Preises und des Erich-Fried-Preises entgegengebracht wird, ist eine späte Genugtuung und doch bloß Ersatz für die Beachtung, die ihr zwar von vielen Kolleginnen und Kollegen, nicht aber von einer breiteren Öffentlichkeit entgegengebracht wurde. Larmoyanz ist Gerstl, die in ihrem Aufsatz "Literatur als Therapie" (1987) kritisierte, dass "eine ungeniert veröffentlichte Weinerlichkeit zu einer neuen deutschen Frauenmode" geworden sei, freilich fremd. Eine gewisse Bitterkeit kann sie aber nicht verleugnen - und sie will das wohl auch gar nicht: "Ich sehe diese Preise als Trostpflaster für lange zurückliegende Verletzungen und Blessuren. Selbstverständlich nehme ich das alles mit Dank an. Es wäre auch tatsächlich sehr undankbar und unsensibel gegenüber den Juroren und den Kollegen, die meine Arbeit schätzen, etwas zurückzuweisen, was andere anstreben und nicht bekommen können. Das heißt aber nicht, dass ich mich auf Knopfdruck freuen kann. Ich bin halt jahrzehntelang nicht beachtet worden - zu einer Zeit, als mir Beachtung noch viel mehr wert war." Ein Thema, das auch in dem Gedicht "vom wünschen" zur Sprache kommt, das in dem ungeplant rechtzeitig zu den Auszeichnungen erschienenen Band "alle tage gedichte" enthalten ist: "vielleicht hätts mich vor zwanzig jahren / noch gefreut / etwas beachtung - interviews - der / ganze blödsinn / der schmonzes kostet kraft (...)."

Nur ein toter Dichter ist ein guter Dichter. Und dafür, dass sich die lebenden nicht einfach einen feschen Lenz machen, ist auch gesorgt. Elfriede Gerstl, die in den Jahrzehnten ihrer Existenz als "freie" Autorin weder das Geld noch die Möglichkeit hatte, für eine Rente einzuzahlen, bekommt von der literarischen Verwertungsgesellschaft - "sozusagen gnadenhalber" - eine Art Ersatzpension ausgezahlt. Weil Gerstl mit den Preisgeldern von insgesamt 300.000 Schilling jetzt aber zu viel Geld hat, wird ihre Ersatzpension für ein Jahr einbehalten.

Die Existenz einer freien Schriftstellerin, noch dazu einer Lyrikerin, ist mit guten Vorsätzen und schlechten Umsätzen gepflastert. Die ersten Gedichte der Gerstl wurden in den Neuen Wegen abgedruckt, einer Zeitschrift, die nur in den Mittelschulen verteilt wurde und deren Redakteur Friedrich Polakovics 1957 seinen Job verlor, weil er es gewagt hatte, Lautgedichte von Ernst Jandl und Gerhard Rühm zu veröffentlichen. "Es war nicht möglich zu publizieren, und es war nicht möglich, einen Auftrittsort zu finden. Ich habe mir das Cafe Hawelka an einem Ruhetag erbettelt", erinnert sich Gerstl.

Mittlerweile finden Schriftsteller eine - vor allem hinsichtlich der Publikationsmöglichkeiten - entschieden verbesserte Infrastruktur vor, dennoch bleibt Gerstl skeptisch: "Es sieht aus, als würde die Literatur geradezu boomen, aber das bedeutet nicht, dass es den Autorinnen und Autoren so viel besser geht. Die ökonomische Lage hat sich nicht wirklich verändert. Es gibt einige wenige Vorzeigefiguren, die in den Medien präsent sind. So wie es halt auch ein paar Managerinnen gibt, die immer wieder vorgezeigt werden und die den anderen Frauen beweisen sollen, was alles schon möglich ist."

In den Fünfziger-, Sechziger- und Siebzigerjahren hatte Gerstl Zugang zu allen relevanten literarischen Szenen und Gruppierungen, wurde zumindest akzeptiert: "Ich habe mich nirgends eindeutig zugehörig gefühlt. Ich war in allen Gruppen ein geduldeter Gast, und es ist mir die jeweils angenehmste Gesellschaft gewesen. Überall anders wäre es sehr viel langweiliger und konventioneller zugegangen." Die Position an der Peripherie war Gerstl möglicherweise gar nicht so unsympathisch, schärfte jedenfalls ihren Blick für die Mechanik der Macht und die Härte der Hierarchien, die auch in Künstlerkreisen nicht außer Kraft gesetzt respektive aufgeweicht ist: "Dass das Netz einer Gruppenzugehörigkeit die Labilen nicht stützt, sondern nur die Starken auf Kosten der Schwachen stärkt, habe ich schon früher gewusst", schreibt Gerstl in ihrem Text "Boheme".

Aber auch in diesem Zusammenhang leistet sich Gerstl keinerlei Larmoyanz, auch wenn die Erfahrungen, die sie mit den Mitgliedern der stets auf Exklusivität bedachten und ziemlich männerbündlerisch strukturierten Wiener Gruppe machte, ihre Schattenseiten gehabt haben müssen. Gerstl gibt sich milde und bescheiden: "Ich bin froh, dass ich wenigstens Gelegenheit hatte, dabeizusitzen. Es war aber schlauer, sich da nicht zu sehr hervorzutun. Ich war zum Teil in Berliner Studentengruppierungen und in Wien eben zu Gast bei der Wiener Gruppe, wo ich halt die interessanteren Gespräche gehört - nicht geführt - habe. In Berlin ist es mir allerdings gelungen, jenseits der hiesigen Sprachspiele und Verhaltensregeln mit Konrad Bayer auch sprechen zu können. Der theoretische Führer der Gruppe war aber eindeutig Ossi Wiener, der gesagt hat, wo's theoretisch langgeht und was gerade zu lesen wäre. Ich habe das sehr wohl befolgt und ernst genommen." Einer etwaigen Überprüfung der Hausaufgaben aber hat man sich "besser entzogen, weil das möglicherweise nicht gut gegangen wäre. Frauen waren Aufputz und Beisitzerinnen und sind erst gar nicht abgeprüft worden."

Als Gerstl dann Ende der Sechziger nach Berlin ging, geschah das "nicht aus Übermut, sondern weil es mir unmöglich war, eine Gemeindewohnung zu bekommen. Ich habe jahrzehntelang mit meiner Mutter, später auch mit meinem damaligen Mann und meiner Tochter in der kleinen Substandardwohnung gewohnt, in die uns die Nazi-Bürokratie reingesetzt hat und die das demokratische Nachkriegsösterreich als durchaus ausreichend betrachtet hat."

Berlin war damals Fluchtort für viele Österreicher, auch Artmann und Rühm lebten dort. Während der Berliner Zeit, in der Gerstl mit dem Zug regelmäßig nach Wien fuhr, entstand ihr Montageroman "Spielräume", der zehn Jahre später, 1977, in der edition neue texte erschien und 1993 bei Droschl neu aufgelegt wurde. Wie ihre Autorin bewegt sich auch die Protagonistin Grit durch die Berliner Szene(n), beschreibt und reflektiert diese aber zugleich aus der Position der distanzierten Beobachterin. Aus den "Spielräumen" stammt auch das viel zitierte Wittgenstein-Derivat, das als Motto über Gerstls Schaffen stehen könnte: "Alles, was man sagen kann, kann man auch beiläufig sagen."

Gerstls Literatur verweigert sich dem Präziös-Prätentiösen, kennt keine Scheu vor den Banalitäten des Alltags, muss diese auch nicht erst sprachlich veredeln. Es sind die kleinen Brüche und sanften idiomatischen Irritationen, die den Reiz dieser "uneitlen, präzisen Wortkunst" ausmachen, "in der Trauer und Ängste ironische Masken tragen, frei von Phrasenschmuck und ohne sich selbst zu verraten", wie Ulrich Weinzierl in der FAZ schrieb. Wenn das lyrische Ich ausrutscht, dann rutscht eben auch die Sprache aus - man hat sie schließlich ebenso wenig im Griff wie den eigenen Körper: "mitunter hab ich diesen körper nicht im griff / er kommt mir aus - ich schau verwundert zu / wie ich mich stoss - verbrenn - und wie s mi hinstraat", heißt es in einem der jüngsten Gedichte.

Gedichte über den Alltag - "alle tage gedichte". Ist der jüngste Buchtitel als Arbeitsvorgabe brauchbar? Für eine kurze Zeitspanne - vorzugsweise im Sommer, in dem Gerstl immer am produktivsten ist - lässt es sich schon einrichten. Wichtig ist es bloß, einen Anfang zu finden. "der herzschlag hat den rhythmus / erfunden", beginnt eines von Gerstls Gedichten, die sich der morgendlichen Arbeitsdisziplin verdanken: "Im Falle der ,Aufwachgedichte' habe ich morgens versucht, die erste Zeile zu schreiben, und wenn man die hat, ist ja schon alles gewonnen: Die gibt dann schon das Thema und den Rhythmus vor. Die erste Zeile gewinnt man manchmal beim Aufwachen, wenn noch nicht alle Kontrollen eingeschaltet sind und mehr Einfälle zugelassen werden, und manchmal - wenn ich nicht eingekrampft bin - auch beim Herumgehen in der Stadt."

Dann muss Gerstl ihre Einfälle aber sofort notieren - zum Beispiel im Kaffeehaus. Wobei sich diese Form einer zugleich nomadisierten wie sesshaften Existenz weniger einer freien Entscheidung als der eigenen Biografie verdankt. Und die kann man sich bekanntlich nicht aussuchen. Als jüdisches Kind lebte Gerstl während der Nazizeit jahrelang als U-Boot auf engstem Raum mit ihrer heute 92-jährigen Mutter zusammen: "Ich habe einfach das Wohnen nie erlernt und Jahrzehnte meines Lebens in Lokalen verbracht. Das waren Fluchtorte. Etwas davon bleibt wahrscheinlich. Es gibt auch nur ganz wenige Leute, die ich in meine Wohnung lasse."

Mit ihrer eigenen Geschichte aber mag Elfriede Gerstl nicht hausieren gehen, sie denkt nicht daran, einen autobiografischen Roman oder dergleichen zu verfassen, auch wenn ihr das mit Sicherheit mehr Beachtung eintrüge als die Publikation von Lyrik, die auch noch als "avancierte Literatur" punziert ist. "An einigen wenigen Stellen meiner Arbeiten habe ich auf meine Autobiografie hingewiesen, habe meine Kindheit auf einer halben Maschinschreibseite abgehandelt. Ich glaube aber, dass man als Opfer dieser Zeit ein Recht auf Vergessen hat, das Recht, nicht andauern darüber reden zu müssen. Es macht mir schon Schwierigkeiten, immer wieder diese sehr unangenehmen Erinnerungen, diese versaute Kindheit abrufen zu müssen. Ich habe das jahrzehntelang nicht gemacht, und Leute, die ich 30 Jahre kenne, haben nix davon zu hören bekommen."

Und dass sich die schmerzhafte Vergangenheit erzählend bannen ließe? "Oba scho goa ned! Ich glaube, dass das die Leute nur auf diese Traumata fixiert. So wie ich nicht an eine ,Wiedergutmachung' glaube, so glaube ich auch nicht an eine wirkliche ,Aufarbeitung'. Man soll Schulkindern schon erzählen, was in diesem Jahrhundert alles geschehen ist, aber wirklich verändern kann man damit nur die, die sich verändern wollen. Mit der Beeinflussung durch die Literatur ist es ja dasselbe: Es braucht einen Riesenglauben an die Macht des Wortes, wenn man von der Verbesserung durch die Literatur spricht - und den kann ich leider nicht teilen, tut mir Leid. Man kann Leute nicht ,umdrehen' und erreicht eben nur die, die veränderungswillig sind und belehrt werden wollen."

Klaus Nüchtern in FALTER 46/1999 vom 19.11.1999 (S. 20)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Spielräume (Elfriede Gerstl, Heimrad Bäcker)
Unter einem Hut (Elfriede Gerstl)
In Schwebe halten (Herbert J. Wimmer)
Elfriede Gerstl: Kleiderflug (Edition Splitter, Franz Schuh, Herbert J Wimmer)
die fliegende frieda (Elfriede Gerstl)

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