Caretta Caretta
Roman

von Paulus Hochgatterer

€ 17,40
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Verlag: Deuticke in Zsolnay
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Umfang: 219 Seiten
Erscheinungsdatum: 22.09.1999

Dominik ist fünfzehn. Er lebt in einer Wohngemeinschaft für verhaltensauffällige Jugendliche und verkauft sich regelmäßig an verschiedene Erwachsene, die ihn für seine körperlichen und emotionalen Dienste bezahlen.
Als eines seiner Geschäfte mißlingt, gerät Dominik in einen Strudel von Ereignissen, dessen Sog sich auch der Leser nicht entziehen kann, und landet schließlich, auf der Suche nach der geheimnisvollen Karettschildkröte, an einem türkischen Strand. Nach und nach wird klar, wie Dominik in seine Rolle geraten ist, wer ihn dazu gebracht hat, und daß die Verantwortlichen längst zur Rechenschaft gezogen wurden. Paulus Hochgatterer, geboren 1961 in Amstetten/Niederösterreich, studierte Medizin und Psychologie. Er lebt als Schriftsteller und Kinderpsychiater in Wien und erhielt diverse Preise und Auszeichnungen.

Rezension aus FALTER 37/1999

Topfen Joghurt Nocciolone

(...)

Ärzte verfügen als "anthropologische Insider" über ein Wissen, das für die Literatur von großem Nutzen sein kann. Paulus Hochgatterer, 14 Jahre jünger als Helfer, ist Kinderpsychiater, weiß also, wovon er redet. Vor allem aber hat er schon mehrfach bewiesen, dass er sein Wissen literarisch zwingend umzusetzen vermag. Seine dieser Tage erscheinende Erzählung "Caretta Caretta" enthält ganz ähnliche Ingredienzen wie Helfers Roman: einen juvenilen Ich-Erzähler, Schusswaffen, Drogen, Gewalt, familiäre Konflikte É Dass mit der bloßen Aufzählung der Inhaltsstoffe noch nicht viel gesagt ist, begreift jeder Leser, der die beiden Bücher auch nur anliest, sofort.

In bestimmtem Sinne unternimmt Hochgatterer genau das, was Helfer bedachtsam vermeidet: Er (re)konstruiert seinen jugendlichen Protagonisten mithilfe jener Determinanten, die - dem Vernehmen nach - die Identität eines Pubertierenden im Jahre 1998 ausmachen. Alles da: Sex, Sport, Popmusik, Energy Drinks, Markenkleidung. Darin knüpft Hochgatterer an seine fulminante Erzählung "Wildwasser" an. Nur dass in der Exposition diesmal nicht der Grand Prix in Silverstone, sondern das Fußballweltmeisterschaftsfinale Frankreich gegen Brasilien stattfindet und die Identifikationsmusik nicht "Doop" von Doop, sondern "In the Neighbourhood" von Tom Waits ist. Eigentlich ein bisschen old school für einen 15-Jährigen, aber schließlich ist Dominik Bach auch kein "ganz gewöhnlicher Junge" (wie es einst Jim "Schatzinsel" Hawkins von sich behauptete): Als Selbstständiger auf dem Sektor sexueller Dienstleistungen gerät er mit der Erwachsenenwelt und dem Gesetz in Konflikt, was die Handlung in Schwung und die Spannung aufrecht hält. Zudem lebt Dominik in einer Wohngemeinschaft mit ein paar herzlich durchgeknallten, ziemlich verhaltensoriginellen Jugendlichen und wird von einem Mitbewohner als "das größte Psychopathenarschloch unter uns Durchschnittspsychopathen" apostrophiert.

Dem Leser stellt sich das ein wenig anders dar, denn Dominik ist ein souveräner und witziger Erzähler, er ist - sagen wir es ruhig - ziemlich cool. Aber diese Coolness hat nichts Anbiederndes oder Aufgesetztes, sie ist, wenn schon nicht "authentisch" (was ich aufgrund meiner geringen Erfahrung mit verhaltensauffälligen 15-Jährigen nicht zu beurteilen vermag), so doch in sich schlüssig. Zudem wird im Verlauf der Lektüre klar, dass die sarkastisch-toughe Attitüde des Erzählers auch eine Schutzmaßnahme, eine Art Panzerung ist, und wer will, kann hier einen symbolischen Bezug zur titelgebenden Karettschildkröte sehen, auf die die Geschichte schließlich zusteuert - was einerseits am Schildkrötenfimmel von Isabella, einem Mädchen aus besagter WG, andererseits am fortgeschrittenen Stadium von Herrn Kossitzkys Hypernephrom liegt.

Kossitzky ist einer von Dominiks Kunden, ein sympathischer Pensionist mit einem feinen Sensorium für den Unterschied zwischen Polizisten und Justizwachebeamten. Kossitzky ist es auch, der Heinz König, einen alten Bekannten aus "Wildwasser", auf den Plan ruft und den Einsatz von dessen berüchtiger "Spezialmischung" ("Mundidol, Temgesic, Lexontanil plus eine Prise X") notwendig macht. Zu pädagogischer Nachdenklichkeit neigende Eltern und Deutschlehrer möchte ich an dieser Stelle beruhigen. Hemmungsloser Drogenkonsum wird hier nicht verherrlicht, und Dominik weiß sich auch mit legalen Suchtstoffen zu helfen - wobei er sich als wahrer Kenner und Connaisseur entpuppt:

"Am Schwedenplatz verließ ich die U-Bahn, kaufte mir eine kleine Tüte TopfenJoghurtNocciolone und ging eisschleckend in Richtung Taborstraße. Es gab immer noch Ignoranten, die behaupteten, Tichy am Reumannplatz oder der Salon in der Tuchlauben habe das beste Eis in der Stadt."

Klaus Nüchtern in FALTER 37/1999 vom 17.09.1999 (S. 63)


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