Der traurige Blick in die Weite
Geschichten von Heimatlosen

von Michael Köhlmeier

€ 22,10
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Verlag: Deuticke in Zsolnay
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Märchen, Sagen, Legenden
Umfang: 207 Seiten
Erscheinungsdatum: 28.05.1999

Rezension aus FALTER 28/1999

Mit und ohne Gorgonzola

In "Geschichten von Heimatlosen" erzählt Michael Köhlmeier vom Erzählen. Es hilft.

Gerade noch rechtzeitig für die Urlaubssaison hat Österreichs produktivste Literatur-Manufaktur, der Hohenemser Ein-Mann-Betrieb Michael Köhlmeier, sein jüngstes Produkt auf den Markt gebracht. "Der traurige Blick in die Weite" ist eine Sammlung von Geschichten und Gschichtln, die trotz des sich programmatisch gerierenden Titels wenig gemeinsam haben, außer das eine - sie sind, wenn man dem wiederkehrenden Schlußwort glauben darf, "so oder so ähnlich" erzählt, also mündlich überliefert worden.

Als Schriftsteller (und wohl auch als Leser) bevorzugt Köhlmeier solide Hausmannskost, hat die konkurrierende Küche der asketischen Avantgarde wiederholt wegen ihrer faden Fleischlosigkeit gerügt. So ist es auch kein Wunder, daß wir sein jüngstes Opus über die Küche betreten und auch wieder verlassen. Dort stehen Mutter und Großmutter, kochen singend Fünf-Minuten-Eier (macht fünfmal eine Strophe von "Oh Haupt voll Blut und Wunden") oder führen Grundsatzdebatten über die Zubereitung von fränkischem Sauerbraten. Dazwischen wird ein Schatzkästlein mit Sagen und Märchen aus aller Welt geöffnet und lustvoll durch den Fleischwolf der Köhlmeierschen Erzählkunst gedreht.

Köhlmeier ist nicht gerade der Giacometti der österreichischen Literatur, und wer eine skelettierte Prosa bevorzugt, wird sich wohl anderswo umsehen müssen. Die vorliegenden Happen sind eher deftig unterspickt, mit Wiederholungen und Wortschöpfungen gut durchzogen. Der Teufel zum Beispiel tritt nicht einfach als solcher in Erscheinung, selbst wenn gleich im ersten Satz klargestellt wird, daß es sich um niemand anderen handelt ("Der graue Erik"), wird er als "Schurkissimus", als "Gotteslump", "Allerunwertester", "Nichtsbube" und "verfluchter Kreuzbrunzer" variiert.

Die ungehemmte Fabulierlust nimmt, was sie kriegt: Höchst Artifizielles steht neben Umgangssprachlichem, Prosaisches neben Prätentiösem: "Das ist ein Krach wie bei einer Nitschaktion mal hundert", wird ein Raketenangriff beschrieben; ein Mund schreit, daß es "wie ein auffrisiertes Moped klang", der "Mangel an Einsamkeit" droht den Ich-Erzähler "zu veridioten", jemand anderer "wäre lieber in nordischer Winternacht zur Eissäule gezapft". Der Grat zwischen Stilwillen und Stilblüte ist schmal und wird auch des öfteren überschritten, und der Erzähler erweist sich als veritabler "Fernfuchtler" (Peter Handke): "Auf diesem Punkt steht der Erzähler, und er fuchtelt mit Armen und Beinen, mit Grimassen und Lautstärke, mit Erinnern und Phantasieren."

Man kann sich um Kopf und Kragen reden. Dann hilft nur mehr das Erzählen. Köhlmeier, dieser Sproß einer "erzählsüchtigen Familie", läßt keinen Zweifel daran, daß das Erzählen eine existentielle Angelegenheit ist: Es stellt, wie der Autor am Beispiel seiner Großmutter darstellt, Kontinuität durch Erinnerung dort her, wo eine zerstörerisch gewordene Geschichte diese zu vernichten droht, es animiert Küchengeräte und hilft auch gegen den Teufel: "Man muß erzählen. Und zwar muß man so erzählen, daß der Antichrist nicht aufhören kann zuzuhören, weil die Geschichte nicht und nicht abreißt, daß er aber zugleich aufhören will mit dem Zuhören, weil die Geschichte nämlich ein preisgekrönter Quatsch ist."

Am schönsten sind die (Nach-)Erzählungen des Michael Köhlmeier dort, wo die Geschichten so anrührend, so erschreckend oder verquer sind, daß sie gleichsam in sich ruhen und der Leser nach Sinn und Zweck des Unterfangens gar nicht erst fragen will. Am zweitschönsten sind sie dort, wo sie Mutter-Tochter-Gespräche so detailversessen wiedergeben, daß man den fränkischen Sauerbraten problemlos nachkochen kann - ob mit Gorgonzola und Rosinen oder ohne mag jeder Leser für sich selbst entscheiden.

Klaus Nüchtern in FALTER 28/1999 vom 16.07.1999 (S. 54)


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