Zu viele Männer

von Lily Brett, Melanie Walz

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Verlag: Deuticke
Erscheinungsdatum: 01.01.2001

Rezension aus FALTER 12/2001

In ihrem ambitioniertesten und dicksten Roman versucht Lilly Brett das Genre des Konversationsromans an die Erfahrung der Judenvernichtung heranzuführen und kann damit nur scheitern.

Was Lily Brett in ihrem neuen Roman auf respektablen 655 Seiten erzählt, lässt sich in wenigen Sätzen zusammenfassen. Ruth Rothwax, den Heldinnen früherer Brett-Romane sehr ähnlich, trifft sich mit ihrem, Brett-Lesern bestens vertrauten Vater Edek in Polen. Sie kommt aus New York, er aus Australien; er soll seiner Tochter noch einmal die Orte seiner Jugend und seiner Lebenskatastrophe zeigen: die elterliche Wohnung und das Ghetto in Lodz und das Vernichtungslager Birkenau, das er gemeinsam mit seiner Frau überlebt hat. Die Tochter kam, auch da erzählt Brett autobiografisch, nach dem Krieg in Bayern in einem Lager für Displaced Persons zur Welt. Ihr ist die ursprüngliche Heimat der Familie fremd.

Es war ihr Wunsch, nach Polen zu reisen, der Vater willigte nur zögerlich ein. Belastet mit all den Schuldgefühlen, die die Überlebenden und Nachgeborenen der Shoa ein Leben lang nicht los werden, wollte sie den Schreckensort sehen, dem ihre Eltern entkommen sind. Die Reise gerät zum Horrortrip.

Ruth Rothwax, die professionelle New Yorkerin, findet sich in Polen nicht zurecht. Schmutzig ist das Land, arm und katholisch, und seine Bewohner joggen nicht - das ist zu viel für eine Kosmopolitin. Verglichen mit den polnischen Antisemiten sind ihr die Deutschen als professionelle Trauerarbeiter vergleichsweise sympathisch, und außerdem bauen sie prima Autos, mit denen sich bequem zwischen den Stationen des Entsetzens hin- und herfahren lässt. Ihren Vater beunruhigen die polnischen Zustände zunächst viel weniger. Er hat sich mit seinen früheren Landsleuten abgefunden, genießt das üppige Essen und ist stolz auf seine Tochter, die es in New York zu etwas gebracht hat.

"Zu viele Männer" ist wesentlich ambitionierter als alle früheren Bücher der Lily Brett. Ihr bisheriges Spezialgebiet war die komisch-ironisch-autobiografische Erzählung ihres Alltags in New York, die Glosse im Romanformat, der die journalistische Herkunft immer anzumerken war. Jetzt hat sie in ein Buch gepackt, was für mehrere Romane reichen würde: die Ermordung der europäischen Juden, die Traumatisierung der überlebenden Familien und den Antisemitismus in Polen. Ihre Stärke bleibt die Alltagsbeobachtung. Sie sieht da Reisegruppen, die durch das jüdische Viertel von Krakau geführt werden, das aber nur noch als Drehort von "Schindlers Liste" interessiert. Die "jüdischen" Lokale werden keineswegs von Juden geführt, die es in Polen ja kaum mehr gibt, sondern von trickreichen Wirten, denen es nicht einmal peinlich ist, ihre eigenen jüdischen Spezialitäten zu erfinden. All das erzählt Brett mit einer ironischen Bitterkeit, die einem bei der Lektüre kalte Schauer über den Rücken jagt. Die Bitterkeit schlägt in offene Feindschaft um, wenn es um den aktuellen Antisemitismus geht; dieser infiziert in Polen noch Milieus, die in den allermeisten anderen europäischen Ländern längst resisten sind.

Es gehört zur inneren Schlüssigkeit der immer sehr direkt reagierenden Romanfigur Ruth Rothwax, dass sie sich keine Gedanken darüber macht, warum das so ist. Nun gibt es aber eine lange Szene in Lodz, in der Ruth die frühere Wohnung ihres Vaters besucht, die seit der Deportation der früheren Bewohner von einem inzwischen sehr alten Ehepaar bewohnt wird. Nach und nach kramen sie Geschirr, Fotos und Kleidungsstücke der Familie Rothwax hervor, die sie jahrzehntelang nur für diesen einen Tag aufbewahrt haben: für den Tag, da die reichen Juden wieder zurückkommen und ihren früheren Besitz für viele tausend Dollar zurückkaufen.

Genauso passiert es, Ruth transportiert kistenweise Familienschätze ab und muss sich dabei noch antisemitische Anfeindungen anhören. Die Episode mag plausibel sein oder sich tatsächlich so zugetragen haben. Lily Brett aber beschreibt das alte Paar aus der Perspektive der Ruth Rothwax in einer Art und Weise, die die Grenze zur Diffamierung oft genug überschreitet: als häßlich, geldgierig, mit einem scharfen Geruch aus einem Mund, aus dem nur noch wenige braune Zähne herausragen. Während Ruth Rothwax an einigen wenigen anderen Stellen ihre antipolnischen Affekte wenigstens ein Stück weit relativiert, kommen sie hier so direkt zum Ausbruch, dass man ihr als Leser eigentlich nicht mehr folgen mag.

Man muss dann versuchen, zu abstrahieren. Von einer Ruth Rothwax (und vermutlich auch von einer Lily Brett), die eine solche Reise unternimmt, kann man nicht verlangen, dass sie kühlen Kopf bewahrt - und am Ende des Romans wird sich zeigen, dass auch die Gelassenheit des Vaters nur eine mühsam aufgebaute Fassade war, die schließlich zusammenbricht. Der direkte und naive Blick auf die Welt, mit dem sich über New York geradezu kulinarisch erzählen lässt, ist einer Reise ins Zentrum des Schreckens nicht gewachsen. Das hat vielleicht auch Lily Brett gespürt, als sie die geisterhafte Stimme des Rudolf Höß in den Roman mit aufgenommen hat, die vornehmlich beim Joggen zu ihr spricht und die versucht, dessen Rolle als Kommandant von Auschwitz zu rechtfertigen - und zwar mit wörtlichen Zitaten aus seinen Aufzeichnungen aus dem Gefängnis. Eine seltsam bemühte Konstruktion, die einmal mehr ahnen lässt, dass es wohl gar nicht möglich ist, im Genre des Konversationsromans an die Erfahrung des Völkermords heranzukommen.

Kann man aber Lily Brett tatsächlich vorwerfen, dass sie bestimmte Regeln verletzt, die für die Darstellung von Auschwitz gelten? Ehrlicherweise muss man zugeben, dass eine Rezension, die von außen an ein solches Buch herangeht, an die Grenzen ihrer eigenen Möglichkeiten stößt. Sie kann einer Autorin, deren Familie zu den Opfern zählt, keine Normverstöße vorrechnen. Sie kann allenfalls eine befremdende Leseerfahrung artikulieren.

Tobias Heyl in FALTER 12/2001 vom 23.03.2001 (S. 14)


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