Doktor Paranoiski

von Ernst Molden

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Verlag: Deuticke in Zsolnay
Genre: Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Erscheinungsdatum: 01.01.2001

Rezension aus FALTER 51-52/2001

In "Doktor Paranoiski" erzählt Ernst Molden vom geplanten Staatsstreich einer krausen Sekte und vom Zauber des Wienerwalds.



Gleich zu Beginn des Romans krachts erst einmal ordentlich: "Es ist der 16. März, eine knappe Woche vor der Äquinox", als ein Kugelblitz sich über dem Rennweg entlädt und eine Schnellbahn kurzzeitig außer Betrieb setzt. Nur unweit davon, in der Fasangasse, verbrennt zur gleichen Zeit der Leichnam eines Unbekannten, um den zivilisationsmürben Icherzähler der Last seiner Identität zu entledigen. Dr. Salzer, Botaniker, Journalist und letzter Spross einer verarmten Großgärtnerdynastie, flieht die Stadt, nach Reinigung und Ruhe dürstend. Bei seiner einsamen Odyssee durch den Wienerwald verliert er Woche für Woche an Kraft, in den Föhrenbergen bei Mödling droht der Fachmann für Nachtschattengewächse bald selber zu einem zu werden: Mit gebrochenen Rippen und hoch fiebrig liegt er am Waldesgrund und dämmert seinem Ende entgegen.

Als er das Bewusstsein wiedererlangt, findet er sich in einem zugewachsenen Bombentrichter wieder, in dem eine Splittergruppe der "Unsterblichen" Unterschlupf gefunden hat. Er wird gesund gepflegt und während des kräftezehrenden Marsches in ein größeres Lager erfährt er mehr von den Plänen seiner seltsamen Lebensretter: "Die Auflösung der Staaten, die Abschaffung des Geldes, die Bewaldung der Städte" sind die Fernziele, einstweilen soll die Bevölkerung mit gezielten Störaktionen verunsichert werden. Doktor Paranoiski tötet bei einem Überfall auf einen Supermarkt drei Polizisten einer Spezialeinheit und wird hinfort als Held verehrt. Ein finaler Coup soll den Staatsstreich herbeiführen.



Moldens vierter Roman ist nicht ohne: nicht ohne Spannung, nicht ohne Faszination, nicht ohne Absurdität. Die ersten beiden Kapitel gehörten ihrer Adjektivüberfrachtung, ihrer Schachtelsätze und grammatischen Fehler wegen noch einmal überarbeitet, doch nach dem mühsamen Beginn verliert man sich gewohnt schnell in Moldens surrealen, kraftvollen Bildern. Wie schon in seinem überzeugenden dritten Roman stromert der 34-Jährige im Grenzbereich zwischen Wirklichkeit und Wahn, zwischen Realität und Transzendenz. Bildete in "Austreiben" das Wasser den mystischen Gegenpol zur immerhellen, rationalen Stadt-Welt, so tut dies in der belletristischen Nocturne "Doktor Paranoiski" der Wald.

Wie der Protagonist, nachdem seine Identität im Flammenmeer ausgelöscht wurde, auch noch, dem "Heiligen Stephanus" gleich, ein irdisches Purgatorium durchleben muss; wie der Zivilisationsmärtyrer (es gibt übrigens auch noch eine leichte Franz-von-Assisi-Beimischung) nach seinem Beinahetod sein Natalicium erlebt und per aspera ad astra zum Krieger mutiert; und wie er schließlich bei den "Unsichtbaren" glorreich in die dreifaltige Kommandoebene dieser seltsamen Ecclesia militans aufsteigt - all das inszeniert Molden gekonnt zu einer ziemlich barocken Show. Auch beim Personal greift der Wiener ins Volle: In seinem Wahnsinnsroman tummeln sich u.a. ein greiser, Jazz hörender Wurstmillionär, eine walkürenhafte, kahlköpfige Kampfkommandantin und eine sagenumwoben fett-reiche Financière der "Unsichtbaren".



Die realsatirischen Einlagen gegen Ende des Buchs (Ingrid Thurnher sollte das Opus unbedingt lesen) und die immer wieder eingestreuten autobiografischen Schnipsel schwächen die Kraft der unheimlichen Outcast-Saga ein wenig. Und dass die ferne Geliebte des grenzwahnsinnigen Helden unbedingt den Namen Realidád trägt, hat einen sanften Verweis wegen metaphorischer Überdeutlichkeit zur Folge.

"Doktor Paranoiski" ist Märchen, Politthriller und Heiligenlegende, Natur-, Schauerroman und anarchistische Farce zugleich. Es hätte dem Buch nicht zum Schaden gereicht, wenn Molden auf das eine oder andere Genre verzichtet hätte. Dennoch ist ihm ein unterhaltsames, weil angenehm wirres, dunkles und krauses Buch gelungen.

Stefan Ender in FALTER 51-52/2001 vom 21.12.2001 (S. 84)


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