Die Menschenfresserin

von Monika Wogrolly

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Verlag: Deuticke
Erscheinungsdatum: 01.01.2000

Rezension aus FALTER 42/2000

In Monika Wogrollys Roman "Die Menschenfresserin" nimmt ein weibliches Opfer Rache am bösen Mann.
Es geht gleich ordentlich die Post ab in Monika Wogrollys Roman "Die Menschenfresserin". Die Protagonistin, eine Frau namens Rosa, wird von der Autorin wie ein Bündel nasser Fetzen in den Text hineingeworfen. Der Roman beginnt mit viel Wasser und viel Körper; das ganze Wasser und die ganzen Körper stürzen übereinander und setzen gemeinsam ein kleines Mädchen namens Rosa in die Welt. Dieses wird später alles nur für den "Zufall eines Kaiserschnitts" halten.
Ein wenig seltsam mutet es an, dass gleich nach einem so fulminanten Beginn zu lesen ist, dass die Geschichte Rosas eigentlich keinen Anfang habe. Weitere 230 Seiten später wird dann auch noch behauptet, dass die Geschichte kein Ende habe, obwohl doch ein solches schon im Titel steckt: Am Ende der Geschichte also hat Rosa ihren Yogalehrer ermordet und einen Teil seines Hintern verspeist, auch wenn der Text den Körperteil vornehm "Gesäß" nennt. Die Frau liegt zusammengekauert auf dem Fußboden und hält den Kopf des Toten im Schoß, mit einer Haarspange stochert sie zwischen seinen Zähnen herum. Auf die Frage, warum sie denn das Fleischstück gebraten hat, wird sie antworten, sie hätte den Yogi nicht gut genug gekannt, um ihn roh zu essen.
Was manchem Leser möglicherweise wie ein schlechter Witz vorkommt, ist für Rosa blutiger Ernst. Die Frau ist als ein Opfer definiert, in diesem Punkt lässt Wogrolly ihrer Heldin keinen Millimeter Spielraum. Die Täter sind natürlich meist Männer. So beginnt Rosas Geschichte zwar mit einer eiskalten Mutter und einem grässlichen Kartoffelpüree, das diese in ihrer Küche zusammenmanscht, aber schon gleich danach taucht der ignorante Vater auf; ein Mann, bei dessen Anblick in Rosa zum ersten Mal der Gedanke an tatsächlich praktizierten Kannibalismus aufkeimt. Zusätzlich motiviert ist diese Vorstellung durch die äußeren Umstände - die Erstkommunion des Mädchens.
Vom Bruder, der Rosa eine frühe Niederlage zufügt, heißt es, er habe positive Erbmasse der Familie erhalten und der Schwester rein gar nichts übrig gelassen. Die Reihe der monströsen Männer wird später mit einem transsexuellen Psychiater bis zu Rosas Liebhaber fortgesetzt, einem Psychoanalytiker, der aus der Türkei stammt und - damit nur ja keine Missverständnisse aufkommen - den viel sagenden Namen Pascha trägt: Der Mann foltert und quält seine Geliebte mit Kleiderbügeln und tut dies erstaunlicherweise auch mit der Fernbedienung des TV-Geräts. Die Frau lässt solches gar nicht so ungern mit sich geschehen, was klassisch-psychoanalytisch mit einem "Wiederholungszwang" zu erklären ist: Sie kommt von den frühen Beschädigungen nicht los und kann sich von ihnen dann nur noch in einem eruptiven Ausbruch roher Gewalt befreien.
Die Figur Rosa glaubhaft zu finden und ihrer Psychologie in allen Verästelungen zu folgen, fällt unter solchen Vorzeichen doch etwas schwer. Dies liegt gar nicht so sehr daran, dass die Abgründe der "Menschenfresserin" so tief wären, sondern eher daran, dass sie nach einem so simplen Schema gefertigt sind. Das Buch "Die Menschenfresserin" schwankt auf eine schwer nachvollziehbare Weise zwischen psychiatrischer Fallgeschichte und autobiografisch gefärbter Erzählung, wobei der autobiografische Bezug des Ganzen in einer höchst spekulativen Weise vom Umschlag des Buches nahe gelegt wird.
Da zeigt das Cover hinter dem Titelschriftzug "Die Menschenfresserin" ein Foto Monika Wogrollys; dasselbe Foto, das auf der Umschlagklappe in einem etwas größeren Bildausschnitt zu sehen ist: "Monika Wogrolly, geb. 1967 in Graz", ist dort zu lesen, "studierte Philosophie und Germanistik, machte eine Ausbildung zur Psychotherapeutin, arbeitet nebenbei an einem bioethischen Forschungsprojekt und ist als Werbetexterin tätig." Die Frau weiß also, wovon sie in ihrem Buch spricht.
Mit dem Roman "Die Menschenfresserin" hat Wogrolly, von der bislang ein Band mit Kurzprosa und zwei Romane vorliegen, versucht, ihre Schreibweise weiter zu radikalisieren. Rein sprachlich ist ihr das gelungen: Gemeinsam mit der Hauptperson fegt der Text in einem wahren Furor über den Leser hinweg; die Grenzen zwischen Wahn und Wirklichkeit scheinen mitunter überwunden.
Unklar bleibt aber letztlich, wie die Autorin insgesamt zu Rosas Geschichte steht, und daran krankt der Roman entschieden. Teilweise ist das Buch mit großem Nachdruck in Ichform erzählt, dann wieder wird Rosa in der dritten Person auf Distanz gehalten: "Ich liebe das schmutzige Leben", heißt es an einer Stelle des Textes, "es ist authentisch." Eigentlich beweist das Buch "Die Menschenfresserin" das Gegenteil, nämlich: dass Authentizität nirgends und auch nicht im schmutzigen Leben voraussetzungslos gegeben ist. Den dunklen Seiten der Psyche sollte sich vielleicht wirklich nur widmen, wer genau weiß, was er literarisch damit machen will.

Klaus Kastberger in FALTER 42/2000 vom 20.10.2000 (S. 19)


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