Silberpfeile

von Walter Kappacher

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Verlag: Deuticke
Erscheinungsdatum: 01.01.2000

Rezension aus FALTER 42/2000

Es ist vielleicht eine höhere Ironie, dass dieser an sich unironische Roman, der die "Silberpfeile" - also die berühmten, schnittigen Rennwagen der Dreißigerjahren - schon im Titel führt, ein so bedächtiges Erzähltempo hat und nicht wirklich ins Ziel kommt. Und das ist durchaus eine ästhetische Qualität von Walter Kappachers Buch, dessen Stoff unter dem Stichwort "Vergangenheitsbewältigung" rubriziert werden darf: die ideologische und handfest technische Bedeutung des Rennsports für die Nazis; die erst in den Achtzigerjahrenerforschte Geschichte des Werkes Schlier, in dem auf dem Areal der Brauerei Zipf und unter Einsatz von KZ-Häftlingen aus Mauthausen an der Entwicklung der V2-Rakete gearbeitet wurde; das offensive Beschweigen dieses dunklen Kapitels in der Nachkriegszeit.
Auf all diese Zusammenhänge stößt der Icherzähler, ein junger Rennsportjournalist, der im Zuge seiner Recherchen über einen italienischen Grand-Prix-Fahrer in einem Salzburger Pensionistenheim den 85-jährigen Paul Windisch aufstöbert, einen österreichischen Ingenieur, der seinerzeit im Verdacht stand, für den tödlichen Unfall mitverantwortlich zu sein, den der deutsche Star Bernd Rosenmeyer 1938 in einem Silberpfeil erlitt; der im Werk Schlier einen Arm einbüßte, sich nach dem Krieg - wenig gelitten - in Zipf niederließ und später für BMW arbeitete.
Obgleich hochbetagt, leidet Windisch nicht unter Gedächtnisverlust - weder im physiologischen noch im politischen Sinne. Er ist ein müder, alter Mann, wenig geneigt, die Vergangenheit zu beschönigen, aber seine erstaunlichen Erinnerungskapazitäten werden doch hauptsächlich von technischem Fachwissen beansprucht, die in kaum je unterbrochenen Monologen auf Dutzenden von Seiten ausgebreitet werden. Ganz offensichtlich versteht der Autor eine Menge von der Materie und hat großen Respekt vor dem handwerklich-technischen Können seines Protagonisten - insofern ist die Detailbesessenheit des Romans auch eine Hommage an die Fertigkeiten des Ingenieurs. Dass der Leser die Probleme der Zwangssteuerung der Ventile mittels Königswelle nicht ganz so spannend findet, kann freilich vorkommen.
Was mich an diesem unaufgeregten und bewunderswert unspekulativen Roman stört, ist etwas anderes: Aus dem Verhältnis zwischen dem Icherzähler und dem Ingenieur wird nicht wirklich etwas gemacht. Beide Figuren verschwinden letztlich hinter der technischen Materie, und auch das bisschen, was wir über das Leben, Leiden und Lieben der beiden erfahren, steht unverbunden und funktionslos im Raum; die Zahnräder greifen nicht ineinander, die ganze Maschine kommt einfach nicht auf Touren. Und das ist nicht nur im Rennsport ein Problem.Ein dunkles Kapitel der Geschichte hat sich der Journalist Peter Zimmermann für seinen ersten Roman ausgewählt. Die blutige Vergangenheit ereignet sich diesmal in Polna, einem Kaff an der böhmisch-mährischen Grenze, wo im Jahre 1899 eine junge Frau ermordet und der Jude Leopold Hilsner beschuldigt wird, einen Ritualmord an ihr begangen zu haben. Aus diesem verbürgten Fall hat der Autor einen historischen Roman gemacht, der die politische Indienstnahme des Antisemitismus (selbst durch einander entgegengesetzte Lager) auf eindringliche Weise schildert. Mit einer Vorliebe für Drastik auf dem Gebiet des Stoffwechsels und einer nicht immer klischeeresistenten Lebens- und Todesprallheit hat der Autor einen deftigen und nicht unspannenden Roman geschrieben, der allerdings in der zweiten Hälfte völlig zusammenbricht. Das ist in erster Linie dem Verlag anzulasten, denn von dieser abstrusen Parallelhandlung in der Gegenwart hätte jeder Lektor - so vorhanden und bei Sinnen - den Autor abraten müssen. Dieses Versäumnis wiegt bei einem Debüt umso schwerer, sintemal Zimmermann für das ursprünglich anvisierte Genre doch einiges Talent mitbringt.

Klaus Nüchtern in FALTER 42/2000 vom 20.10.2000 (S. 18)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Die Nacht hinter den Wäldern (Peter Zimmermann)

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