Johann Nestroy. Stich- und Schlagworte

von Johann Nestroy, Reinhard Urbach

€ 18,40
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Verlag: Deuticke in Zsolnay
Format: Hardcover
Genre: Sprachwissenschaft, Literaturwissenschaft/Deutsche Sprachwissenschaft, Deutschsprachige Literaturwissenschaft
Umfang: 148 Seiten
Erscheinungsdatum: 11.12.2000

Für Egon Friedell war Johann Nestroy ein "sokratischer Dialektiker und kantisch analysierender Geist von höchster Feinheit und Schärfe".
Nestroys alte böse Sentenzen in ihrer boshaften Menschenfeindlichkeit wurden in diesem Buch als "Stich- und Schlagworte" in eine alphabetische Ordnung gebracht und sollen zum lachenden Nachdenken verweilen.

Rezension aus FALTER 21/2001

Die Fülle der Gedenktage 2001 lässt eine Springflut von Gedenkliteratur erwarten: Nestroy, vor 200 Jahren geboren; Novalis, vor 200 Jahren gestorben; Horvath, vor hundert Jahren geboren; Verdi, vor hundert Jahren gestorben - nur um Herausragendes zu nennen. Die Verlage haben zu tun, die Autoren haben klare Terminvorgaben, die Teams für unzählige Symposien sind nominiert.

Nestroys Geburtstag fällt erst auf den 7. Dezember, aber es gibt bereits eine Reihe von Büchern. Und es fängt gut an: Walter Schübler bietet eine "Biographie in 30 Szenen", und das ist schon ein Programm, das von der Unmöglichkeit kündet, einem solchen Leben Geschlossenheit oder gar Sinn zuzuschreiben. Das Leben soll inszeniert werden, und bei der Lektüre hatte ich den Eindruck, ich würde ein gelungenes Feature hören, das als Rundfunkserie zweifelsohne Fortune machen würde. Denn Schübler bringt vor allem Stimmen zu Gehör - sei es die des Autors selbst, seien es verschiedene Zitate aus dem Werk, vor allem aber Stimmen der Zeitgenossen, der Freunde und Kritiker. Schübler tritt hinter diese Stimmen zurück, stellt oft nicht mehr als den erfreulich phrasenlosen Wortkitt zwischen den einzelnen Partien her und liefert eine Materialfülle, die - die Orthographie von einst und alle sprachlichen Schrulligkeiten werden voll auszitiert - durch ihre Authentizität verdeutlicht, wie viel uns von Nestroy trennt. Diese Markierung der Distanz macht Nestroy in unserer Gegenwart viel eher heimisch als all die bemühten Versuche, ihn zum Zeitgenossen umzurüsten.

"Er hat aggressives Volkstheater gemacht, hat das, was auf der Straße passiert ist, auf die Bühne gebracht, durch sein Improvisationstalent als Schauspieler mit den Zuschauern kommuniziert", ließ sich 1998 Regisseur Frank Castorf in Wien vernehmen. Aus Höflichkeit hat man Herrn Castorf offenkundig nicht gesagt, dass seine neuesten Einsichten nicht wirklich neu sind, und wer die Abschnitte bei Schübler über Nestroys politische Ansichten und sein Verhältnis zur 48er-Revolution liest, wird gegen solche Plattitüden gefeit sein. Dass Nestroy kein biedermeierlich gemütlicher Autor ist, ist mittlerweile schon so sehr zum Gemeinplatz geworden, dass ich mich veranlasst sah, das Gemütliche bei Nestroy zu suchen - und ich konnte auch fündig werden.

Schüblers Buch gibt sich auch nicht der üblichen Biografenillusion hin, durch peinliche Befragung kurioser Details aus dem Leben endlich den "eigentlichen" Nestroy zur Sprache zu bringen, da dieser dem Publikum bislang durch unsägliche Rankünen der Fachwelt vorenthalten worden sei.

Der Einstieg erfolgt - einigermaßen überraschend - über Nestroys Spielleidenschaft; aber auch das hat seinen guten Grund, denn sein Leben lang hat Nestroy über die Launen des Glücks und über den Zufall philosophiert, und so bildet für diese biografischen Szenen das Werk Nestroys nach Bedarf auswechselbare Kulissen. Die einzelnen Abschnitte widmen sich unter anderem den Liaisonen Nestroys, seiner Lebensgefährtin Marie Weiler, seiner Frau Wilhelmine Nespieni, den Etappen seiner Karriere, der Beziehung zum Publikum und zu den Kritikern, den Arbeitsbedingungen auf dem Theater, der Zensur, der Sprache, der Funktion der Parodie, den Reisen. Auch solche Schrullen wie Nestroys Angst, lebendig begraben zu werden, kommen zu Ehren, und obwohl sonst von einem chronologischen Aufbau keine Rede sein kann, schließt der Band mit Ruhestand, Tod und Begräbnis, wie sichs gehört.

Dieser Biograf klopft seinem Opfer nicht gütig auf die Schulter, auch freut er sich nicht hämisch, wenn er dieses bei irgendeiner Unregelmäßigkeit ertappt. Was Nestroys widersprüchliche politische Haltung betrifft - hier der radikale Kritiker der Macht, dort der loyale Schwarz-Gelbe -, verzichtet Schübler auf eine ausladende Erklärung und warnt davor, die Aussagen der einzelnen Bühnenfiguren in bare politische Aussagen umzumünzen. Schübler verrät Nestroy weder an dessen Freunde noch an dessen Feinde, er ist nicht auf harmonischen Gleichklang mit verschiedenen Weltanschauungen bedacht, weil dies zu einem so komplexen Leben und zu einem noch komplexeren Werk einfach nicht passt. Und es endete auch unharmonisch: Das bei der Leichenfeier intonierte "Libera" soll als "greller Mißton auf die tief ergriffene Menge" eingewirkt haben.Ähnlich brauchbar, wenngleich auf andere Weise, ist auch die Anthologie, die Reinhard Urbach schon vor geraumer Zeit unter dem Titel "Stich- und Schlagworte" zusammengestellt hat und die nun in neuer Gestalt bei Deuticke zu haben ist. Urbach, der der Volksstückforschung mit seinem Buch "Die Wiener Komödie und ihr Publikum" (1973) entscheidende Impulse gegeben hat, gehört zu den wenigen Anthologisten, die wissen, was sie tun. Er bedenkt die Einwände der Puristen, die den Zusammenhang vermissen, der Spezialisten, die fürchten, die Zitate könnten absolut genommen werden - und gibt ihnen Recht: "Ja", sagt er, "aber mein Bestreben war fromm. Ich wollte Losungen für den Alltag finden. Ich wollte die alten bösen Sentenzen in ihrer Menschenfeindlichkeit in eine willkürliche Ordnung bündeln."

Die Ordnung ist die des Alphabets, und so ergibt sich ein Repertorium, dessen einzelne Fundstücke Nestroy den Ehrenplatz zwischen den großen Skeptikern Lichtenberg und Karl Kraus zuweisen. Jedes Stich- und Schlagwort ist genau zitiert nach der - so der Text dort bereits vorhanden ist - großen neuen Nestroy-Ausgabe in 42 Bändenund leicht auffindbar. Mit einer "treffenden Losung für den Alltag" hat Urbach auch die Aktualität Nestroys einwandfrei begründet: "Nestroy ist deshalb so zeitgemäß, weil sein Pessimismus gegenüber seiner Zukunft von unserer Gegenwart bestätigt wird."

Wendelin Schmidt-Dengler in FALTER 21/2001 vom 25.05.2001 (S. 65)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Nestroy (Walter Schübler)

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