Auschwitz Poems

von Lily Brett

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Illustrationen: David Rankin
Übersetzung: Silvia Morawetz
Verlag: Deuticke in Zsolnay
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Dramatik
Umfang: 149 Seiten
Erscheinungsdatum: 15.02.2001

Rezension aus FALTER 12/2001

Man kann nach Auschwitz gewiss noch Gedichte schreiben. Lilly Brett, Robert Schindel und Michael Hamburger zum Beispiel haben es getan.Ob dabei verplapperter Todeskitsch oder Weltliteratur entsteht, ist eine Frage der eingesetzten Mittel.

Die Dichtung über den Holocaust enthalte zu viele "Gräber in den Lüften", sagte Raul Hilberg, der Historiker der Vernichtung der europäischen Juden, einmal. Ihr Erkenntniswert halte sich in Grenzen. Und Paul Celan, mit diesem Genre der Dichtung ziemlich vertraut, schrieb in "Blatt, baumlos, für Bert Brecht": "Was sind das für Zeiten, in denen ein Gespräch über Bäume ein Verbrechen ist, weil es soviel Gesagtes miteinschließt." Man muss es nicht unbedingt als Verbrechen ansehen, wenn in der immer umfangreicher werdenden Literatur zum Holocaust neben Aufklärung viel Leertext gesprochen wird, manche Beispiele sind in ihrer Plapperhaftigkeit allerdings besonders penetrant.

Die 1946 in Deutschland geborene, 1948 nach Australien ausgewanderte und heute in New York lebende Lily Brett, Tochter zweier Holocaustüberlebender, ist ein derartiger Fall. Die Lektüre ihrer "Auschwitz Poems", ein Zyklus aus 59 kurzzeiligen Gedichten über Leben und Überleben der Mutter im Konzentrationslager, Befreiung und Emigration, versetzt den Leser, anders als es der Klappentext behauptet, tatsächlich in "Trauer" - ob ihrer Klischeehaftigkeit. Als hätte es nie Jean Amerys Zurückhaltung gebietende Bemerkung "Wer der Folter erlag, kann nicht mehr heimisch werden in der Welt" gegeben, bewegt sich Lily Brett so leichtfüßig im KZ, als wäre sie dort zu Hause. Vom "gigantischen Grau der Streifen" ist da die Rede, den "Brettern, die den Tod bedeuten",von "der Hölle ureigenstem Hotel", der "Universität des Grauens" oder von der "Luft, süßlich schwül" vom "brennenden Skelett deiner Mutter". Als schlichten Totengesang, als den ihn ein Rezensent bezeichnete, kann man - ohne jeglichen ästhetischen Snobismus - diese "Auschwitz Poems" nicht verstehen. Vielmehr sind sie ein sich kritisch gebendes Gemisch aus Voyeurismus und Exhibitionismus, das gut in die Zeit ästhetisierter Politpornographie passt. Dem einst klagenden Jeremias muss angesichts dieses Kaddisch light schaurig zumute sein. Der Verlag Deuticke hat das Ganze noch mit den Kritzelzeichnungen von Lily Bretts Mann bestückt.Man kann nach Auschwitz gewiss noch Gedichte schreiben.Lilly Brett, Robert Schindel und Michael Hamburger zum Beispiel haben es getan.Ob dabei verplapperter Todeskitsch oder Weltliteratur entsteht, ist eine Frage der eingesetzten Mittel.

Die Dichtung über den Holocaust enthalte zu viele "Gräber in den Lüften", sagte Raul Hilberg, der Historiker der Vernichtung der europäischen Juden, einmal. Ihr Erkenntniswert halte sich in Grenzen. Und Paul Celan, mit diesem Genre der Dichtung ziemlich vertraut, schrieb in "Blatt, baumlos, für Bert Brecht": "Was sind das für Zeiten, in denen ein Gespräch über Bäume ein Verbrechen ist, weil es soviel Gesagtes miteinschließt." Man muss es nicht unbedingt als Verbrechen ansehen, wenn in der immer umfangreicher werdenden Literatur zum Holocaust neben Aufklärung viel Leertext gesprochen wird, manche Beispiele sind in ihrer Plapperhaftigkeit allerdings besonders penetrantAuf den folkloristischen Handel mit jüdischer Erinnerung hat sich Robert Schindel (geboren 1944), dessen Vater von den Nazis in Riga ermordet wurde, nicht eingelassen. Wohl hat der Wiener Dichter als typischer Vertreter der 68er-Generation im Konflikt von Kriegs- und Nachkriegsgeneration den Holocaust auch "instrumentalisiert" (neuerdings ein besonderes Vergehen, gegen das aber, wenn es gute Gründe dafür gibt, kaum etwas zu sagen ist), in die Schublade des Nachgeborenen wollte Schindel trotzdem nicht einfach passen. Der Titel einer früheren Essaysammlung, "Gott schütze uns vor den guten Menschen", gibt die Richtung an: Brecht ist immer noch besser als Betroffenheit.

"Immernie. Gedichte vom Moos der Neunzigerhöhlen", Schindels fünfter Gedichtband, der unter anderem auch Gedichte zur Ermordung der Juden enthält, ist eine von Privatem skandierte Chronik der politischen Großereignisse der Neunzigerjahre (Golfkrieg, Balkankrieg). Gegenwartsbewältigung in Form von Gedichten des Abschieds - Requiem auf verstorbene Freunde, Abschiede von Lieben und Liebschaften, Abschied auch von einer nicht vergehen wollenden Vergangenheit, die im Zeichen des politisch engagierten Gedichtes steht. Abrupt brechen in den Alltag des Dichter-Ichs Befremden, Verschwinden, Schmerz und Tod ein. Was einmal Engagement war, ist zur Aberration verkommen:

"Unten auf der Straße kratzen die Schneeräumgeräte
Als ob Panzer darauf warten."

Schindels spätexpressionistische Wort- und Satzverdrehungen geraten mitunter ziemlich pathetisch ("In mitten des Karstes und Leichen liegen auf ihm"), manchmal auch albern ("Schon wieder hat in Bosnien mancher seinen Darm im Arm"). Neben eigentümlich versöhnlichen Stücken in klassischen Formen wie Ballade, Sonett und Rondo findet sich auch ein verblüffendes Lehrstück über Holocaust und Gegenwart.

"Trunkengesarah":

"Ist im Erinnern mehr als äußerlicher Prunk?
Ist das Begehren mit Verzeihen kompatibel? Erbrech ich in die Welt, macht sie das heil und trunk?

Ein Schritt und noch ein Schritt und immer
Das Geklopf unter Moos und Glimmer
Im Wald von Riga kann sich wer an mich erinnern Georg und Salomon, zwei echte Schindeltrümmer."

Schindel dreht im Klagerausch die Rhetorik von "Niemals vergessen" und "Ewig gedenken" um: Der in einem Wald bei Riga ermordete Vater (und der Onkel?) erinnert den Sohn. Der unheimlichen Wendung, in der nicht der Lebende im Namen der Toten spricht, sondern der Imperativ auf abgründige Weise in die Gegenrichtung verläuft, gelingt es, das Band der Erinnerung neu zu knüpfen. Nicht der Tod verliert mehr seine Toten, sondern das Leben gewinnt sein Leben. Jemand, der das kann, mag auch Gespräche über Bäume dichten.Man kann nach Auschwitz gewiss noch Gedichte schreiben.Lilly Brett, Robert Schindel und Michael Hamburger zum Beispiel haben es getan.Ob dabei verplapperter Todeskitsch oder Weltliteratur entsteht, ist eine Frage der eingesetzten Mittel.

Die Dichtung über den Holocaust enthalte zu viele "Gräber in den Lüften", sagte Raul Hilberg, der Historiker der Vernichtung der europäischen Juden, einmal. Ihr Erkenntniswert halte sich in Grenzen. Und Paul Celan, mit diesem Genre der Dichtung ziemlich vertraut, schrieb in "Blatt, baumlos, für Bert Brecht": "Was sind das für Zeiten, in denen ein Gespräch über Bäume ein Verbrechen ist, weil es soviel Gesagtes miteinschließt." Man muss es nicht unbedingt als Verbrechen ansehen, wenn in der immer umfangreicher werdenden Literatur zum Holocaust neben Aufklärung viel Leertext gesprochen wird, manche Beispiele sind in ihrer Plapperhaftigkeit allerdings besonders penetrantJedes Gedicht ist experimentell, oder aber nicht wert, geschrieben zu werden", konstatierte der 1924 in Deutschland geborene Schriftsteller, Kritiker und Übersetzer Michael Hamburger einst in seinem Standardwerk "Wahrheit und Poesie". Hamburger, der seit seiner Flucht in den Dreißigerjahren in England lebt und am Zweiten Weltkrieg als britischer Soldat teilnahm, schreibt seine Dichtung nach Auschwitz nicht nur als dessen Zeitgenosse, sondern auch im permanenten Krisenbewusstsein der modernen Lyrik seit Baudelaire. Die Darstellung eines Baumes, einer Pflanze oder eines Traumes ist nicht einfacher als jene des Holocaust. Was ihm mit "In einer kalten Jahreszeit" (dem mittlerweile sechsten Band einer von Peter Waterhouse erstellten und übersetzten zweisprachigen Auswahl von Hamburgers Gedichten) gelang, ist nichts weniger, als die Einlösung jenes alten Anspruchs von Dichtung, die die Heilung der Welt durch Form und Sprache verspricht, zu betreiben. Vor allem geschieht das im titelgebenden Gedicht, dem vielleicht besten literarischen Text "nach Auschwitz". In das Andenken an die Ermordung der eigenen Großmutter (bei der Hamburger aufwuchs) ist die Figur Adolf Eichmanns hineinverwoben, Täter und Opfer werden eng geführt.

"Ich hörte keinen Schrei, sah nicht ihr Sterbe-Antlitz
Hab nie den Ort, den Tag gewusst,
Ob man mit Gas, mit einer Kugel oder durch Entbehrungen
Sie erledigt hat die alt genug und krank genug war
Alsbald zu sterben zu ihrem eigenen rechten Zeitpunkt Zu wenig weiß ich von ihrem Wissen, ihrem Leben, Nur dass die Liebende starb
Ohne den Schoßhund, die Bulldoggenpuppe und die Kapsel Bonbons."

Hamburgers Dichtung braucht keine Zyklon-B-Dosen, um den Tod zu benennen, das Verbrechen taucht aus der Zerstörung der Erinnerung einfacher auf - als Erinnerung. Hamburger schrieb dieses Gedicht einerseits im Gedenken, andererseits als Reaktion auf das im Jerusalemer Prozess von 1961 gegen Eichmann verhängte Todesurteil. Der in der Times abgedruckte dichterische Einspruch trug ihm zahlreiche Kritik, aber auch die Zustimmung von Martin Buber ein. Mit den Worten "Und doch würde ich nicht wollen, dass er stirbt" - hat Hamburer den Österreicher Adolf Eichmann gemeint.

"Eingesperrt in seine Worte ihre Worte - ein Todes Wort
Die Unwirklichkeit besiegelt
Und eine Zahl hinzugefügt den Millionen Toten und nichts vom Tode abrechnet, aber abrechnet mit ihm Sondern Mitleid diesem zeigen um des Mitleids willen
Und derer willen welche starben an Erbarmungslosigkeit."

Das Mitleid mit Eichmann ist keine Geste des Verzeihens (dass man wohl im eigenen Namen, aber nicht in jenem der Toten verzeihen könne, wurde in jenen Jahren heftig diskutiert), es geht vielmehr um die grundsätzliche Wiederherstellung der durch den Nationalsozialismus zerstörten Weltverhältnisse. Das Gedicht meint nicht Recht statt Rache, sondern die Grundlegung einer Ethik des Mitleids, die sich auf alles Kreatürliche bezieht. Und diese ist nur durch Erkennen der Realität möglich, die der berühmt gewordene Repräsentant der Banalität des Bösen nicht zu Kenntnis nehmen wollte. Eichmanns auf dem Weg zur Hinrichtung ausgesprochenes bizarres "Lang lebe Österreich!" wirft auf jeden Fall einen merkwürdigen Schatten auf ein Land, das mit der Kenntnisnahme der Realität noch immer seine Probleme hat.

Das lezte Buch, das Eichmann las, war übrigens Joseph Roths "Radetzkymarsch".

Erich Klein in FALTER 12/2001 vom 23.03.2001 (S. 15)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Immernie (Robert Schindel)
In einer kalten Jahreszeit (Michael Hamburger, Gotthard Bonell, Peter Waterhouse)

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