Der Tag, an dem Emilio Zanetti berühmt war

von Michael Köhlmeier

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Verlag: Deuticke in Zsolnay
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Erzählende Literatur
Umfang: 108 Seiten
Erscheinungsdatum: 11.03.2002

Rezension aus FALTER 12/2002

Die Einfachheit, die Michael Köhlmeier in seinem jüngsten Buch erreicht, hat mehr mit Experiment zu tun, als man glauben möchte.


Fred Sinowatz hat recht behalten: Die Welt ist wirklich sehr kompliziert. Selbst wissenschaftliche Theorien erklären am Ende gar nichts – es bleibt doch immer irgendeine Unschärfe im Raum oder ein Modell, von dem sich kein Mensch mehr eine Vorstellung macht. Selbst die ehedem einfachsten Dinge – etwa das Ergattern eines Einkaufswagens im Supermarkt oder die schlichte Erlangung eines Tages Sonderurlaub – gestalten sich zunehmend schwieriger; einfach deshalb, weil man keine Euro-Münze bei sich hat und es schon bald keinen Sonderurlaub mehr geben wird. Bei Michael Köhlmeier hingegen ist die Welt noch in Ordnung. Was nicht heißen soll, dass in ihr nichts passiert. Auch in der neuen Erzählung des vielleicht nicht berühmtesten, aber mit Sicherheit besten Vorarlberger Erzählers geschieht etwas, aber es geschieht ganz en passant. Da steigt ein junger Mann aus Hohenems auf einen sechzig Meter hohen Strommast, streckt den Kopf weit über das Rheintal und droht (wie könnte es anders sein) damit, herunterzuspringen. Die Ausgangssituation der Erzählung ist denkbar einfach, und auch ihr Ende darf man getrost verraten, weil schon auf den ersten Seiten alles vorhersehbar ist: Der Mann wird nicht springen. Sein Freund, ein junger Bub (ebenfalls aus Hohenems), holt ihn herunter. Das isolierte Ereignis (Hinauf- und Hinuntersteigen) zählt in Köhlmeiers Text viel mehr als seine Einbettung in einen größeren Zusammenhang. So erfährt man zwar, dass der 26-jährige Kletterer Emilio Zanetti einen Herrn namens Vinzenz Manal zusammengeschlagen hat, daraufhin von der Polizei verfolgt wurde und sich schließlich auf den gefährlich exponierten Zufluchtsort gerettet hat. Der grundlegende Antrieb seines Tuns bleibt aber ebenso ausgespart wie der weitere Verlauf der Geschichte. Den Anfang und das Ende seiner Erzählung präpariert Köhlmeier wie im Labor, indem er die natürlich scheinenden Ausfaserungen der Geschichte einfach abschneidet. In seiner hochartifiziellen Erzählweise (die mit den althergebrachten Techniken des Experiments vielleicht mehr zu tun hat, als manch gestrenger Avantgardist vermuten möchte) hat es Köhlmeier in seinen jüngsten Texten zu großer Meisterschaft gebracht. Eine spezifische Art der Konstruiertheit, die wie aus dem Text gewachsen wirkt, dominiert auch die neue Erzählung, die übrigens nur 110 relativ groß gedruckte Seiten umfasst. An einer Stelle des Textes erinnert sich der spätere Lebensretter an eine schlaflose Nacht: "Im Lager konnte ich nicht schlafen. Ich lag wach und zählte auf, was ich kannte. Alle Straßennamen von Hohenems, die mir einfielen. Alle Familiennamen, die mir in den Sinn kamen. Ich zählte Bäume auf, Fische, Säugetiere, Vögel. Aber ich schlief nicht ein. Als ich dann doch fast eingeschlafen war, machte mich der Gedanke wach, dass ich die Käfer vergessen hatte. Ich zählte alle Käfer auf, die ich kannte, und alle Speisen und versuchte zu beten. (...) Es war niemand da, mit dem ich mich hätte befreunden wollen. Da beschloss ich zu gehen. Ich ging in den Wald hinein. Ich hatte nichts bei mir. Ich ging, und als es dunkel wurde, legte ich mich unter eine Fichte. Alles war einfach."


Der kleine Prinz, der in seinem Denken alles so wunderbar vereinfacht, hat diesmal nicht die Erfahrung der Wüste gemacht, er entstammt dem Vorarlberg der Fünfzigerjahre. Es ist eine reale Begebenheit, auf der Köhlmeiers Buch basiert. Eine regionale Hieroglyphe stellt der Autor als Motto an den Beginn:
"Dass des alls erscht moan wär
Dass hüt min Weg döt anegot
Wo im Summr im Riad
Da goldene
Da goldene
Da goldene Türgga stoht."
Wir Restösterreicher behelfen uns angesichts solcher Zeilen am besten mit freier Paraphrase: Einmal läuft man in diese Richtung, dann wieder in die andere, nur selten kommt man zum rechten Zeitpunkt dorthin, wo der goldene "Türgga" steht. Worum es sich bei diesem letzten Wort handelt, vermochte übrigens nicht einmal meine eilige Nachfrage bei einem Einheimischen zu klären. Vielleicht wirklich ein Türke? Als den man in Vorarlberg Strommasten bezeichnet? Das wäre irgendwie logisch und ergibt jenen einfachen Sinn, den der Rest des Buches nicht vermissen lässt. Reine Lesezeit: siebzig Minuten, Lesevergnügen: maximal.

Klaus Kastberger in FALTER 12/2002 vom 22.03.2002 (S. 6)


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