Werkausgabe
4 Bände

von Jura Soyfer, Horst Jarka

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Deuticke
Erscheinungsdatum: 01.01.2002

Rezension aus FALTER 49/2002

Vor neunzig Jahren wurde der Wiener Schriftsteller, Dramatiker und Journalist Jura Soyfer geboren. Sein Werk, das zum Geburtstag neu aufgelegt wurde, ist ein umfangreicher Torso.

Die Kurzfassung der Geschichte ist auf einem Grabstein eines jüdischen Friedhofs in Staten Island zu lesen: "Our beloved son and dear brother Juri Soyfer - died Feb. 16 1939, age 26." Die Flucht nach Amerika war Juri Soyfer, der sich Jura nannte, nicht mehr lebend gelungen: Das Visum lag bereit, die Entlassungspapiere waren unterzeichnet, als der 26-jährige Schriftsteller am 16. Februar 1939 in der Krankenbaracke des KZ Buchenwald einer Typhusinfektion erlag. Den kurz vorher in die USA emigrierten Eltern wurde die Asche nachgeschickt.

Die ungekürzte Version der Geschichte ist vier Bände mit insgesamt fast 1300 Seiten lang: Zu Jura Soyfers neunzigstem Geburtstag hat der Deuticke Verlag eine Werkausgabe herausgebracht. Die vom Soyfer-Spezialisten Horst Jarka herausgegebene Edition ist im Wesentlichen identisch mit dessen 1980 im Europa Verlag erschienener Ausgabe, erweitert um einen Band mit Briefen ("Sturmzeit"), der erstmals 1991 im Verlag für Gesellschaftskritik veröffentlicht wurde. Von einer "Wiederentdeckung" zu sprechen wäre also einigermaßen übertrieben; immerhin aber ist mit der neuen Soyfer-Ausgabe ein Werk wieder greifbar, dessen Lektüre in politischen Wendezeiten wie diesen besonders spannend erscheint: Der Großteil von Soyfers Werk entstand zwischen 1934 und 1937, zur Zeit des austrofaschistischen "Ständestaats".

In seinem Romanfragment "So starb eine Partei" lässt Soyfer einen christlich-sozialen Abgeordneten zu Wort kommen, der die Ausschaltung des Parlaments durch Kanzler Dollfuß 1933 beim Mittagessen mit einem sozialdemokratischen Kollegen schönzureden versucht: "Soweit meine Informationen reichen, handelt sich's in erster Linie um eine gewisse Ausweitung der Regierungsvollmachten und um eine Reform der Geschäftsordnung, welche eine reibungslosere Durchführung gewisser Maßnahmen ermöglichen soll - also, net wahr, vor allem budgetärer Natur. Weil, Sie wissen ja, Herr Kollega, dass unser Land diesbehufs net auf Rosen gebettet is' und dass wir in der kommenden Parlamentssession wenig auf die Popularität unserer Gesetze Rücksicht nehmen können." Durchaus vorstellbar, dass sich fraktionsübergreifende Tischgespräche in parlamentsnahen Wirtshäusern heutzutage nicht wesentlich anders anhören.

Der Roman, den Soyfer nach dem Verbot der Sozialdemokratischen Partei 1934 zu schreiben begann, war sein literarisch ehrgeizigstes Projekt. Als der Autor 1937 zum ersten Mal verhaftet wurde, wurde das unvollendete Manuskript konfisziert; in Kopien blieben acht (teils fragmentarische) Kapitel erhalten, die in der neuen Ausgabe 160 Druckseiten füllen - insgesamt war der Roman vermutlich auf den vierfachen Umfang angelegt. Soyfers Absicht ist aber auch in den Fragmenten des Werks deutlich zu erkennen: Der von der zaudernden Haltung seiner Partei bitter enttäuschte Autor (er schloss sich nach dem Bürgerkrieg der illegalen KPÖ an) schildert die letzten Monate der österreichischen Sozialdemokratie - und zwar aus der Perspektive einiger ihrer prototypischen Vertreter.

Sprachlich merkt man dem Romanfragment stellenweise an, dass es sich nicht um eine Letztfassung handelt; seine Stärken liegen in der vielstimmigen Komposition und der plastischen Charakterisierung der Protagonisten. Auch Figuren, denen bestimmt nicht seine Sympathie gehört, werden vom Autor psychologisch plausibel gezeichnet und nicht "verraten". Soyfer schildert eine fatale Politik der Gefühle; indem er die Midlife-Crisis und das Sodbrennen altgedienter Funktionäre beschreibt, zeichnet er das Psychogramm einer Partei, die sich selbst aufgegeben hat. (Der ORF hat zum neunzigsten Geburtstag eine CD-Box mit einer Radioproduktion von 1978 herausgebracht, in der Helmut Qualtinger - allerdings ziemlich schlampig - aus "So starb eine Partei" liest.)

Der am 8. Dezember 1912 im ukrainischen Charkow geborene Soyfer flüchtete im Alter von acht Jahren mit den Eltern - wohlhabenden russischen Juden - nach Wien, wo er sich schon in der Mittelschule politisch engagierte. Mit 17 begann er für das "Politische Kabarett" der Sozialdemokraten zu arbeiten, mit 18 veröffentlichte er seinen ersten Artikel in der Arbeiter Zeitung. Der Eindruck eines geschlossenen "Werks", den eine vierbändige Gesamtausgabe vermittelt, täuscht: Wie der Roman ist Soyfers Œuvre insgesamt notgedrungen Fragment geblieben. An "fertigen" literarischen Werken liegen fünf Theaterstücke vor; der Rest sind in Gemeinschaftsarbeit (oft mit Hans Weigel) entstandene Kabarettszenen, für Zeitungen geschriebene Reportagen und Gedichte, Flugblätter.

Der Theaterautor Soyfer ist strenger Dogmatiker ("Wir dienen nicht der Kunst, sondern der Propaganda") und schreibt Agitprop-Szenenfolgen für die "Roten Spieler", die in Parteilokalen gespielt werden. Interessanter sind die Stücke, die Soyfer ab 1935 für Kabarettbühnen - vor allem das ABC im Keller des Café Arkaden hinter der Universität - schreibt. Neben drei so genannten "Mittelstücken" - etwa fünzig Minuten lange Mehrakter, die im Rahmen eines Kleinkunstabends aufgeführt wurden - entstehen dabei auch zwei abendfüllende Stücke. Weil im Ständestaat de facto die Zensur herrscht, haben alle Soyfer-Dramen einen märchenhaften, fantastischen Charakter: Im "Weltuntergang" beschließen die Planeten des Sonnensystems, einen Kometen namens Konrad zur Erde zu schicken, um sie von der Krankheit Mensch zu kurieren; in "Der Lechner Edi schaut ins Paradies" begibt sich ein Arbeitsloser auf eine Zeitreise immer tiefer in die Vergangenheit, um den entscheidenden Fehler der Menschheit rückgängig zu machen; in "Astoria" wird ein österreichischer Landstreicher zum Gründer eines fiktiven, idealen Staates.

Als Referenzgrößen zu Soyfers dramatischem Werk werden in der Sekundärliteratur zu Recht die Namen Brecht, Horváth und Nestroy angeführt. Der Vergleich ist nicht falsch, macht aber auch die Schwächen der Stücke deutlich: Sie sind mit Brecht und Horváth verwandt, ohne deren formale Qualitäten zu erreichen, sie stehen in der Tradition Nestroys, ohne an dessen sprachliche Brillanz heranzukommen. Der antiquierte Parabelcharakter und die reichlich typenhaft gezeichneten Figuren erinnern daran, dass die Stücke für den schnellen Gebrauch im Keller geschrieben wurden; Soyfers Ideenreichtum und Talent für szenische Situationen ist aber ebenso beeindruckend wie sein Mut zum Experiment - das apokalyptische "Vineta" etwa liest sich heute wie ein Vorgriff auf das absurde Theater.

Fast alles, was Jura Soyfer in seinem kurzen Leben geschrieben hat, war zweckgebunden. Noch sein letzter literarischer Text - das berühmte "Dachaulied" - diente der Aufmunterung seiner Mithäftlinge; beim Versuch, 1938 auf Skiern in die Schweiz zu flüchten, war Soyfer verhaftet und zunächst ins KZ Dachau eingeliefert worden. Der Mensch Soyfer bleibt in seinen Texten - ein einziges (!) Liebesgedicht ist überliefert - weitgehend unsichtbar. Nur in den Briefen an seine langjährige Geliebte Marika Szecsi wird der witzige und charmante junge Mann ("Bist Du noch immer mein oder noch immer nicht?") sichtbar, als den ihn seine Zeitgenossen beschreiben. In der privaten Korrespondenz finden sich sympathischerweise sogar Sätze, die gar nicht ins Bild des superkorrekten Marxisten passen wollen. Über eine Bedienstete im Hause Soyfer schreibt der 19-jährige Jungsozialist Jura: "Unser neues Dienstmädchen hat X-Füße, Y-Haare und Brrr-Brüste."

Wolfgang Kralicek in FALTER 49/2002 vom 06.12.2002 (S. 65)


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