Herzlos

von Monika Wogrolly

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Verlag: Deuticke
Erscheinungsdatum: 01.01.2002

Rezension aus FALTER 41/2002

Monika Wogrollys Heldin Sarah wird in "Herzlos" von der Zurückweisung durch den Vater in die Arme vieler Männer getrieben.

Monika Wogrolly schreibt lauter Liebesromane. Liebesromane sind solche, in denen die Liebe ihre Vollform gewinnt, weil sie nicht erfüllt werden kann. Erst über ihre Entbehrung besetzt sie jeden Winkel der Existenz und dann dieses Romans.

Sarah sucht ihren verschwundenen Vater. Seine frühen Zurückweisungen haben sie süchtig nach ihm gemacht. All ihre Männerbeziehungen sind Vatersuche und Vatersucht. Aber da nützt auch der unermüdliche Einsatz ihres Geschlechts nichts. Der reicht nur bis zum Orgasmus. Gerade in der steilsten Lust gleicht ihr Sex im Grunde tobender Verzweiflung. Lieben kann sie nicht, lügen gut. Sarah ist verheiratet und soeben Mutter geworden. Aus ihrer Brust tropft noch Milch. Ihr türkischer Mann wartet mit dem Baby in Istanbul auf sie - vergebens.

Sarahs Vater, ein hochgeehrter Schriftsteller, hat den Kontakt zu Frau und Kindern schon seit langem abgebrochen. Zuletzt ist er aus seiner Wohnung und der geriatrischen Klinik verschwunden. Sarah bezichtigt sich vor der Polizei des Vatermordes - ein verspäteter Liebesversuch - und beginnt mit Tom, ihrem Polizeipsychologen, ein Verhältnis. Wie alle Männer ist auch Tom eine Vorsichtsmaßnahme: "Ich hatte den Polizeipsychologen gegen noch schlimmere Gefühle gevögelt. (...) Solange der Kreislauf von Ficken und Küssen blieb, war ich vor mir sicher." Sarah fantasiert sich in die Rolle der Schwarzen Witwe, jenes Spinnentieres, das zugleich mit der Paarung das Männchen vergiftet und aussaugt. Die buchstäbliche Einverleibung des Mannes ist der letzte Versuch, die brennende Leere zu füllen, welche die Liebesverweigerung des Vaters hinterlassen hat; Rosa, aus Wogrollys letztem Roman "Die Menschenfresseri" kommt schließlich so weit: Sie isst Männerfleisch. (Natürlich muss man dafür töten.)

Aber mit Männerfleisch, so oder so, ist das große Liebesvakuum nicht zu füllen, weder für Rosa noch für Sarah. Sarah hat noch ein anderes Bild für ihr Lebensdefizit: "Ich sah mich vor Vaters Tür in der Diele hocken. Er blieb eingeschlossen, während ich mich an seine Tür schmiegte. Sich an eine verschlossene Tür zu schmiegen war aus logischer Sicht so gut wie sich an einen Mann zu schmiegen, da beide sich nicht öffneten."

Die klinische Form von Sarahs Traumatisierung: Persönlichkeitsstörung, hysterische Epilepsie, Kleptomanie. Aber erstmals bei Wogrolly gibt es einen Streifen Licht am Ende des Romans: Der Vater wird in den Bergen gefunden, nach einem Schlaganfall. Im Spital liegt er als Wachkomatöser, künstlich am Leben gehalten. Sarah verbringt die Tage bei ihm, hält seine Hand, küsst ihn, legt sich zu ihm. Vielleicht sind Tränen und Schleimausstoß des Hilflosen nicht nur physiologische Phänomene, sondern erste Liebeszeichen. Sarah hat im Zimmer ihres Vaters ein unveröffentlichtes Manuskript mit dem Titel "Sarah" gefunden: Vielleicht hat Vater seine Liebeserklärungen hinter verschlossenen Türen gemacht ... Sarah jedenfalls konnte einen kleinen Teil ihrer Liebe zu ihrem Vater vollziehen und späte Liebesbotschaften von ihm empfangen: Sie braucht Tom nicht mehr. Möglicherweise ist sie sogar frei für Mann und Kind, die überraschend zum Begräbnis ihres Vaters erscheinen.

Gewöhnt an die Unerbittlichkeit des Unglücks in Wogrollys Romanen, freut man sich über diese Wendung auf einer ganz banalen Ebene. Auf der literarischen sind die Qualitätsansprüche längst zufrieden gestellt: Wogrolly gelingt es, das Unmaß der Zustände ins künstlerische Maß zu bringen. Das braucht auch Distanzierung: Sarah ist ausgebildete Psychologin (wie Wogrolly) und kann ihre Zustände auch mit der Kälte der Fachfrau klassifizieren. Die Erzählerin klebt nicht auf Gedeih und Verderb am Erzählten und vergrößert ironisch die Distanz, indem sie den Leser bisweilen recht herausfordend anspricht. So wird die Unförmigkeit des Leids kommunizierbar.

Helmut Gollner in FALTER 41/2002 vom 11.10.2002 (S. 12)


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