Eine kurze Geschichte vom Fliegenfischen

von Paulus Hochgatterer

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Deuticke
Erscheinungsdatum: 01.01.2003

Rezension aus FALTER 32/2003

In Paulus Hochgatterers neuer Erzählung unternehmen drei Männer beim Fliegenfischen einen Trip in innere und äußere Katastrophen.

Das Wetter ist anders, als wir es uns vorgestellt haben, das wissen wir." Sonst wissen die drei Figuren, die sich nach einem Nachtdienst in der Anstalt zum Parkplatz bewegen, offenbar nicht so genau, was sie sich für diesen Tag (und vermutlich für alle anderen) vorstellen. Ein Psychiater, ein Psychotherapeut und ein Psychologe machen sich im Nieselregen auf zu einem Ausflug. Es geht zum Fliegenfischen, und zwar offenbar an jenem Tag, als Terroristen mit Passagieren voll besetzte Flugzeuge kapern und sich mit ihnen ins World Trade Center und ins Pentagon stürzen, um Tausende Menschen zu töten. Diese Begebenheit in zwei, drei Halbsätze zu fassen, fällt schwer, das Ungenügen solcher Bemühungen ist augenfällig. "Die Sache mit dem World Trade Center", in dieser lapidaren Form kommt das Ereignis bei Hochgatterer vor.

Es gibt den Rahmen für eine Erzählung ab, die scheinbar ganz woandershin führt. Nämlich über die Autobahn ins steirische Voralpenland, an eine abgelegene, naturschöne Flussgegend. Zuvor wird in einer Autobahnraststätte gefrühstückt, wobei die Kellnerin in die Vorstellungswelt der drei Fischer tritt. Ab sofort ist sie als Phantasma, als nixisches Begleitbild an diesem Tag dabei. Fischen und Ficken haben einiges miteinander zu tun, das brauchen sich die drei psychisch angestellten Herren nicht zu erklären (sie tuns aber doch). Da der Autor selbst im Zivilberuf vom Fach ist, bleiben die diesbezüglichen Gespräche, Fantasien und Vorstellungen bei aller Deutlichkeit intellektuell differenziert, und, wie man gern zu glauben bereit ist, authentisch.

Der am häufigsten vorkommende Satz des Buches: "Ich stelle mir vor." Sexuelle Einbildungen, Eifersucht und Hass im Beruf, Tötungsfantasien sind Stoff der Erzählung. Wie und mit welchen Ködern, mit welchen martialischen Namen man die Fische fängt, ob man den Widerhaken am Haken abknipst oder nicht, ob man die Fische tötet und isst (Barbarei) oder sie besser behutsam wieder zurücksetzt (Zivilisation), um solche Fragen geht es. Und selbstverständlich darum, wer zuerst einen fängt und wer den größten fängt.

Während Hochgatterer die Menschen, ihre Fahrt an den Fluss und diverse Kultur- und Naturschönheiten präzise beschreibt (einen "Beschreibungsneurotiker" nennt sich der Ich-Erzähler), schafft er zugleich eine schlierige Atmosphäre aus Übernächtigkeit, intellektueller Überdrehtheit und allerhand Unbefriedigung, in der sich - darin besteht Hochgatterers Meisterschaft - die Grenzen zwischen wirklich und unwirklich, gedacht und gesagt, vorgestellt und erlebt verwischen. Der klare, kalte Bach sorgt nicht für Ernüchterung, er liefert den Kontrast und die Szenerie für das überspannte innere Geschehen zwischen den Figuren. Die Klarheit geht den Bach hinunter.

Hochgatterer entwirft seine besondere Art der Seelenlandschaft. Einer der drei fällt in den Riesenbärenklau und dann in den Fluss; er könnte schwere Verbrennungen haben und ertrunken sein. Der Kellnerin von der Raststätte würden die Kerle am liebsten den zarten Goldflaum von den Unterarmen scheren, um ihn zu einer Fliege zu binden, wenn sie denn mitgekommen wäre; auch eine Fliege aus den Brustfedern der zahlreich imaginierten blitzblauen Eisvögel (Eis vögeln?) wird fantasiert.

Joseph Brodsky sagte über den amerikanischen Lyriker Robert Frost, bei ihm sei die Natur nicht Kulisse, sondern Selbstporträt. Ob das auch für Hochgatterer gilt? Immerhin besteht sein Personal nicht nur aus Menschen, sondern auch aus Tieren, vor allem aus Fischen, echten und vorgestellten, und aus Fliegen und anderen künstlichen Ködern. Das Fischen ist ja nicht nur eine "besonders sophistische Art der Tierquälerei", wie das die Frau des Ich-Erzählers ausdrückt, es hat in der Literatur eine beachtliche Tradition als Form der Weltbetrachtung, als Metapher für die Auseinandersetzung des Menschen mit der Natur, das heißt immer auch: mit seiner eigenen Katastrophe. Am Ende verschmäht eine Äsche eine Fliege und schwimmt unversehrt davon, während anderswo Türme in Asche sinken. Das aber braucht nicht einmal mehr ausgesprochen zu werden.

Armin Thurnher in FALTER 32/2003 vom 08.08.2003 (S. 52)


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