Darum

von Daniel Glattauer

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Verlag: Deuticke
Erscheinungsdatum: 01.01.2003

Rezension aus FALTER 11/2003

Der Gerichtssaalreporter Daniel Glattauer lässt in seinem Roman "Darum" einen Gerichtssaalreporter morden. Gesucht: das Motiv.

Was wäre, wenn ich auf der Anklagebank sitzen würde?" Diese Frage habe er sich schon oft gestellt, erzählt Daniel Glattauer. Ausgehend von solchen Tagträumen sei ihm dann auch die Idee für einen neuen Roman gekommen. Wie es zugehen könnte, wenn ein unbescholtener Gerichtsreporter angeklagt würde, ist nun in Glattauers bitterböser Gerichtssatire "Darum" nachzulesen.

Die größte Schwierigkeit besteht für Jan Haigerer darin, als Mörder überhaupt ernst genommen zu werden: In einem Lokal geschieht ein Mord, Haigerer ist unter den Gästen, man findet die Tatwaffe, die Fingerabdrücke stammen von Haigerer. Sogar als dieser ein Geständnis ablegt, glaubt Inspektor Tomek noch eher an eine mediale Inszenierung denn an die tatsächliche Schuld Haigerers. Immerhin ist der Geständige so etwas wie der Lieblingsjournalist der Polizei, als Gerichtsreporter mit etlichen Anwälten gut bekannt und mit sämtlichen Richtern per Du. Kaum sitzt Haigerer in Untersuchungshaft, wird der Fall zum Medienspektakel: Täglich taucht sein Name in den Schlagzeilen auf, die Journalistengewerkschaft verlangt seine sofortige Freilassung, ein Dutzend Strafverteidiger buhlt darum, ihn vor Gericht vertreten zu dürfen, und verspricht ihm einen Freispruch. "Du und ein Mörder? Die sind ja wahnsinnig. Wir gehen sofort nach Straßburg. Und morgen bist du hier raus, das verspreche ich dir. In welchem Land leben wir eigentlich? Sind wir unter Bloßfüßigen?", empört sich Staranwalt Leitner.

"Gerichte sind Fundgruben", erklärt der 42-jährige Standard-Gerichtsreporter, Kolumnist und Schriftsteller Glattauer. Ähnlichkeiten mit lebenden Personen, beteuert er - ganz Profi - seien aber auf keinen Fall beabsichtigt.

Warum um alles in der Welt wird einer wie Haigerer zum Täter? Warum erschießt er Rolf Lentz, einen schwulen Künstler und Aids-Aktivitsten? Es ist die Suche nach dem Motiv, die den Verlauf der Verhandlungen bestimmt - und die einen das Buch nicht mehr aus der Hand legen lässt. Obwohl die Geschichte in der Ichform, aus Haigerers Perspektive erzählt ist - weswegen der Leser auch keinerlei Grund hat, an Haigerers Geständnis zu zweifeln - wird man aus diesem nicht ganz schlau. Wie schon der Boulevardjournalist Max in Glattauers erstem Roman "Der Weihnachtshund" (2000) ist auch der Gerichtsreporter Jan Haigerer eine hochneurotische Figur mit Hang zur Depression - ohne weiblichen Zuspruch erweisen sich die Männer bei Glattauer als armselige Kerle. Schon ein nichtiger Anlass wie das Herunterrutschen der Zahnpasta von der Zahnbürste genügt, um Haigerer die Fassung verlieren zu lassen.

Erstaunlich gelassen bleibt der Angeklagte hingegen während der Verhandlungen: Er wirkt wie ein Beobachter, der an einer Reportage über sich selbst recherchiert. Dieser dramaturgische Kniff bietet Glattauer die Gelegenheit, den Verlauf des Prozesses mit meisterhafter Kenntnis des Milieus zu schildern; gespickt ist das Buch mit humorvollen Pointen, die mitunter an die "dag"-Glossen auf der Titelseite des Standard erinnern.

Die Geschichten, die Haigerer vor Gericht auftischt, werden immer abenteuerlicher und wecken nicht nur bei der Richterin, sondern auch beim Leser Zweifel; die Frage nach der Schuld wird zunehmend prekär. Die dramaturgischen Wendungen gegen Ende von "Darum" wirken etwas konstruiert. Die Suche nach dem Motiv, die den Motor des Romans darstellt, kommt zwar an ein Ende, aber gerade die Schlusspointe lässt - im Unterschied zum Rest des Buches - einen schalen Nachgeschmack zurück. Das hat man dem grüblerischen Gerichtssaalreporter doch nicht zugetraut.

Petra Rathmanner in FALTER 11/2003 vom 14.03.2003 (S. 63)


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