Engelszungen

von Dimitré Dinev

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Verlag: Deuticke
Erscheinungsdatum: 01.01.2003

Rezension aus FALTER 41/2003

Familiengeschichten und Flüchtlingsschicksale: Der grandiose Debütroman "Engelszungen" des aus Bulgarien stammenden und auf Deutsch schreibenden Dimitré Dinev pendelt stilsicher zwischen Magie und Sozialsatire.

Ein Gerücht geht um in Wien, von Flüchtling zu Flüchtling: Es soll einen Engel für Emigranten geben, der falsche Pässe und Aufenthaltsgenehmigungen beschafft und an den man sich mit all seinen Sorgen wenden kann. Dieser Schutzpatron, so wird kolportiert, sei ein Bulgare namens Miro, der früher einmal ein ausgefuchstes Schlitzohr gewesen sein soll. Ein Schlepper der übelsten Sorte, ein Gangster mit goldenen Zähnen; unzählige Mädchen wären für den Glanz in seinem Mund auf den Strich gegangen, heißt es.
Schade nur, dass dieser Miro eine Erfindung ist. Dimitré Dinev hat sich diesen herrlich zwielichtigen Emigranten-Engel in seinem grandiosen Debütroman "Engelszungen" ausgedacht: Der Roman handelt vordergründig von zwei bulgarischen Familien und deren jüngsten Söhnen, Iskren und Sveltjo, die nach dem Zusammenbruch des kommunistischen Systems nach Wien auswandern. Tatsächlich aber ist das 600 Seiten starke Buch eine aberwitzige Chronik der bulgarischen Geschichte seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs und eine einfühlsame Schilderung eines Flüchtlingsschicksals.
Der 35-jährige Autor kennt seinen Stoff genau: Er stammt aus einer großen bulgarischen Familie, "einem Generator von Geschichten" (Dinev), und er ist vor 13 Jahren nach Wien geflohen. "Ich habe den ganzen Mist erlebt. Ich bin nach Österreich gekrochen, unter dem Grenzzaun durch. Ich war in Traiskirchen, habe in Wien bei null angefangen." Heute lebt er mit seiner Freundin in einer geräumigen, frisch renovierten Altbauwohnung im 16. Bezirk.
Wer Dinev einen Besuch abstattet, bekommt automatisch starken, schwarzen Kaffee serviert. Zeit nehmen sollte man sich ausreichend. Denn wenn Dinev erst einmal anfängt, über seine Kindheit und Jugend zu erzählen, hört er so schnell nicht mehr auf. In Plovdiv, der zweitgrößten Stadt im Süden Bulgariens geboren und aufgewachsen, hat er dort das deutschsprachige Bert-Brecht-Gymnasium besucht, flog wegen seiner Punkfrisur und einiger frecher Sprüche fast von der Schule, hat in dieser Zeit auch begonnen zu schreiben; nach dem Militärdienst und dem Kollaps des Kommunismus ist Dinev im Alter von 22 Jahren in Österreich gestrandet.
Seit einigen Jahren schreibt Dinev auf Deutsch: "Weil ich hier lebe und österreichische Literatur mache." Er hat bereits einige Erzählungen ("Die Inschrift", 2001) und Kurzgeschichten ("Ein Licht über dem Kopf", 2000) veröffentlicht, das Stück "Russenhuhn" wurde 1999 im WUK uraufgeführt. "Engelszungen" ist sein erster Roman, dessen ausschweifende Handlung um die zahlreichen Mitglieder zweier Familien aus Plovdiv kreist. Abwechselnd wird kapitelweise von den beiden ungleichen Hauptfiguren Iskren Mladenov und Svetljo Apostolov sowie deren Familien erzählt. Iskren heißt übersetzt der Ehrliche, Svetljo der Helle. Allerdings verhalten sich die Figuren konträr zu ihren Namen: Der findige Iskren laviert sich alles andere als ehrlich durchs Leben, und der redliche Svetljo könnte etwas mehr Schläue vertragen.
In epischer Breite geht der Autor bei dem Entwicklungsroman bis zu den Urgroßeltern der beiden Jungen zurück – an die vierzig Familienmitglieder und Freunde haben maßgebliche Rollen und werden allesamt als Überlebenskünstler in harten Zeiten porträtiert: der Partisan im Zweiten Weltkrieg, der Pope im Kommunismus, der Milizionär und der hohe General, die vom System gemacht und dann fallen gelassen werden. "Faul war die Welt und von Jahr zu Jahr wurde sie noch verfaulter, wie das Obst und Gemüse, das an heißen Sommernachmittagen unverkauft auf den Marktständen lag. Nichts wert war diese Welt", schreibt Dinev, dessen Tour durch die bulgarische Historie alles andere als harmlos ist: Menschen verschwinden, werden gefoltert oder hingerichtet.

Nicht genug, dass die Figuren im Irrsinn der real existierenden sozialistischen Diktatur um ihr Lebensglück ringen müssen, sie haben sich auch noch mit einer irrealen, einer Art magischen Parallelwelt auseinander zu setzen, in der Wahrsagerinnen und Wunderheiler auftauchen, Träume und Flüche eine Rolle spielen und sich Verstorbene als Geister unter die Lebenden mischen. Das überbordende, beinahe märchenhaft anmutende Figurenkaleidoskop erinnert streckenweise an den magischen Realismus eines Gabriel García Márquez; und die bulgarische Stadt Plovdiv hat gewisse Ähnlichkeiten mit dem Fantasieort Macondo.
Dinev hat auch keine Scheu, gängige Balkanklischees zu bedienen: Seine
Figuren saufen Wodka in rauen Mengen, essen fettige Böreks und scharfe Suppen; wenn sie feiern, dann immer bis in die Morgenstunden; wenn sie sich lieben, dann gleich so, dass die ganze Nachbarschaft mithören kann; wenn sie sich streiten, sind sie auf ewige Zeiten verfeindet.
Wirklich trist wird das Leben für Iskren und Svetljo, die einander zum ersten Mal am Südbahnhof begegnen, allerdings erst in Wien. Eindrücklich schildert Dinev das Flüchtlingsschicksal mit allen Ingredienzien: knallharten Schlepperbanden, verknöcherten Beamten, elenden Behausungen und erbärmlichen Arbeitsbedingungen.
Vergleichbar mit dem deutsch-türkischen Autor Feridun Zaimoglu, der die so genannte "Kanak-Literatur" geprägt hat, gehört auch Dimitré Dinev zu jenen Schriftstellern, die in mehr als nur einer Kultur beheimatet sind und diese Erfahrung auch zum literarischen Sujet erheben: "Es ist hoch an der Zeit, dass wir Flüchtlinge und die Kinder der zweiten Generation unsere Geschichten aufschreiben." Dimitré Dinev selbst hat es auf eindrucksvolle Weise vorgemacht.

Petra Rathmanner in FALTER 41/2003 vom 10.10.2003 (S. 5)


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