Ostbahn: Auslese
Ein Poesiealbum nicht nur für Kurtologen

von Günter Brödl

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Kremayr & Scheriau
Erscheinungsdatum: 01.01.1998

Rezension aus FALTER 19/1999

Dem Kurtl sein Trainer

Günter Brödl, Kriminalschriftsteller, "Asterix"-Übersetzer, vor allem aber Erfinder, Songtexter und Chefbetreuer von Kurt Ostbahn, wird runde Fünfzig. Der "Falter" versuchte, die Lebenswege Brödls und des Ostbahn-Kurti auseinanderzuhalten.

Mein Name ist Ostbahn", stellt sich der Held des Romans "Kopfschuß" vor, "Kurt Ostbahn, und ich komme aus der Reindorfgasse in Wien-Fünfhaus, wo ich im dritten Stock des Zwölferhauses eine generalsanierte Altbauwohnung bewohne, wenn ich nicht grad' acht Monate im Jahr auf Tournee oder bei Ricky Gold in Ollersbach im Tonstudio bin."

Wien-Fünfhaus, Rudolfsheim-Fünfhaus oder einfach Fünfhaus ist ziemlich verwirrend. Fünfhaus ist der fünfzehnte Bezirk, dessen Hauptstraße die Sechshauser Straße ist, wohingegen die (äußere) Mariahilfer Straße als prominenteste Straße des Bezirks gelten muß. Die Reindorfgasse hingegen kennt niemand. Es ist nicht leicht, die Reindorfgasse zu finden. Die Reindorfgasse aber muß finden, wer Günter Brödl treffen will. Die Reindorfgasse oder die Kanareninsel Teneriffa. Diese beiden Weltgegenden nehmen im Kosmos eines gewissen Kurt Ostbahn einen privilegierten Platz ein.

Selbst eindeutig als Eingeborene zu identifizierende Menschen, die in Trainingshose und Schlapfen mit dem Waldi Gassi gehen, wissen nichts von einer Reindorfgasse. "Do jednfois ned", wie es zwischen zwei hustenden Zügen an der Falk-Zigarette heißt: "Doda scho goa ned!" Ein sehniger Fahrradbote mit steirischem Zungenschlag schließlich empfiehlt nach ausgiebigem Studium seines schweißverpickten Straßenverzeichnisses, die gesuchte Gasse hinter Westbahnhof und Mariahilfer Straße zu suchen.

Über einen versteckten Steig ist die Reindorfgasse von der "äußeren" Mariahilfer Straße zugänglich. Ein kleines montmartriges Gassl mit freundlichen kleinen, überaus bunt bewohnten Häusern. Und weil in Österreich jedes Dorf ein veritables Gasthaus hat, hat auch das Reindorf eines: Das Gasthaus Quell.

Brödl sitzt schon beim Bier und entschuldigt sich dafür, daß er schon angefangen hat mit der Suppe. Wer ist das jetzt, frage ich mich. Ist das jetzt Günter Brödl, der zurückhaltende, fast schüchterne Autor und Übersetzer? Der allmächtige, von Willi Resetarits vulgo Kurt Ostbahn stets zitierte "Trainer"? Oder ist es der Kurt Ostbahn selbst?

Manchmal wisse er das selbst nicht so genau, bekennt Günter Brödl. Wer jetzt wer sei und seit wann und in wem sich die Kunstfigur Kurt Ostbahn gerade manifestiere. In Willi Resetarits, dem Ex-Schmetterling, in Günter Brödl, dem Ex-"Musicbox"-Mitarbeiter, in beiden oder in jener über jeden Marketing-Mythos erhabenen historischen Persönlichkeit, für die ihn vor allem seine Fans halten.

Wir einigen uns darauf, daß ich hier mit dem "Trainer" zusammensitze. Anlaß unseres Treffen sind 50 Jahre Kurt Ostbahn. "50 verschenkte Jahre im Dienste der Rockmusik", um den Titel des Albums und der dazugehörigen Tournee zu zitieren. Und wie das alles begann, wie der Kurti dem Günter Brödl entkam, über verschiedene Zwischenwirte schließlich in Willi Resetarits schlüpfte und erst auf der Bühne, dann im Roman und schließlich in Film und Funk berühmt wurde, soll der Inhalt unseres Gesprächs sein.

Angefangen hat alles mit dem Hobby von Brödls Vater. "Was ihm vor die Kamera gelaufen ist, hat er gefilmt, Super-8-mäßig. Alles. Und das schönste war dann immer das Schneiden." Sohn Brödl vertont und montiert also die Urlaubsfilme vom Papa. Legt Tonspuren, sucht Musik aus, schreibt Texte und wird schließlich gemeinsam mit einem Schulfreund beim Radio vorstellig. Mit einem Band in der Tasche und dem Argument: "Was der Kos (Wolfgang Kos, damals Leiter der "Musicbox", Red.) kann, können wir auch." Aus dem Schüler Günter Brödl wird ein Mitarbeiter der berühmten Talenteschmiede Musicbox. Der Job wirft wenig, aber doch regelmäßig Geld ab. Geld zum Leben und "um damit Platten zu kaufen".

An Jahreszahlen kann sich Brödl nicht mehr erinnern. "Die Colosseum-Zeit war das." Und die der Allman-Brothers. "Konzeptmusik" prägt den Radiomacher - "Bitches Brew" von Miles Davis und die frühen Alben von Genesis, als Peter Gabriel noch dabei war. "Wer's kennt", würde der Kurt sagen. Das Album "Tommy" von The Who, das damals als Prototyp durchgestylten Rockmusiktheaters galt, hingegen ist Brödl zu überladen.

Wann genau der Ostbahn-Kurti das Licht dieser Stadt erblickte, kann Brödl nicht sagen. Kurtis Welt jedenfalls sei immer schon dagewesen. Alles, was er, Brödl, nicht selbst erleben konnte, habe er als Gegenentwurf zum eigenen Leben in den Kurti-Kosmos projiziert. "Ohne Bewußtseinserweiterung", sozusagen "ohne Droge". Erstmals namentlich genannt worden sein soll die musikalische Figur um 1974 anläßlich eines Jahresrückblicks der "Musicbox". Wolfgang Kos hatte die Musik einer Band namens "Southside Johnny & The Ashbury Jukes" unter die fünf wichtigsten Platten des Jahres gereiht, und der Sprecher der Sendung, "Franz Morak oder Wolfgang Hübsch", genauer kann sich Brödl nicht erinnern, hätte folgende These ausgesprochen: Wenn diese Burschen Wiener wären, würden sie "Ostbahn-Kurti & die Chefpartie" heißen.

1979 gastieren eine Figur und Band dieses Namens in Günter Brödls Theater-Comix "Wem gehört der Rock and Roll?" am Wiener Renaissance-Theater. Leib und Stimme leiht dem Helden aus Simmering der damals noch als Musical-Sänger auftretende spätere Fernsehsprecher Erich Götzinger. Der heute noch stolz darauf ist, als Ur-Kurti zu gelten. Den Brotberuf teilt die Kunstfigur mit zwei anderen Chefproleten: Sowohl der ehemalige Solidarnos'c'-Anführer Lech Walesa als auch Edmund Sackbauer sind gelernte Elektroinstallateure.

Willi Resetarits kennt Brödl noch als Sänger und Frontgestalt der aus Arena-Zeiten legendären, politisch hochkorrekten Agit-Prop-Band Die Schmetterlinge. Irgendwann kreuzen sich die Wege von Brödl und Resetarits. Und notgedrungen verschmelzen die erfundenen Erlebnisse von Brödls Alter ego mit den real erlebten von Resetarits und zeitigen die Simmeringer Kultfigur Kurt Ostbahn. Wann genau, läßt sich heute nicht mehr eruieren: "Weu ma do jetzt nix Genaues waaß, wonn des jetzn woa und wo, diafat vielleicht do da ane oda ondre Fernet mit in Spü g'wes'n sei. So schaut's aus."

Brödl beginnt, sich für die Figur zu enthusiasmieren. Er erdichtet Songtexte zu fiktiven Alben und bastelt eine augenzwinkernd glaubwürdige Vita des Springsteen aus Simmering. Bis dahin hat Brödl hochdeutsch getextet, "aber irgendwie hat das nicht gegroovt". Wienerisch eignet sich eben besser, hochkomplexe Gefühle aus der Vorstadt zu transportieren. Und auch eine andere Nachkriegsmythengestalt scheint dem Partiechef zumindest entfernt verwandt zu sein: Bronner/Qualtingers wickelbereiter Mopedprolo "Der Wilde mit seiner Maschin'".

Im Jahr 1985 hebt der Mythos endgültig ab: Im Frühjahr erscheint das "Comebackalbum" des Elektrikers in der Lederhaut, "Ostbahn-Kurti & die Chefpartie". Willi Resetarits hat sich nach ausgedehntem Zögern, "ob ma so was moch'n derf, ois brava Schmettaling", dazu entschlossen, die tief in ihm schlummernde Sau rauszulassen bzw. "den Beidl aussehängan z'loss'n", wie der damalige Baßruderbedienstete der Chefpartie Leo Bei vulgo "Charlie Horak" übersetzte. Resetarits' Erstbesteigung der Bühne als Simmeringer Sänger gelingt im Schutzhaus am Schafberg, die Single "Feuer" zieht in die Hitparade des dermaligen Monopolsenders Ö3 ein. Ostbahn-Kurti und seine "neu formierte" Chefpartie feiern den "späten Erfolg" mit ausgebuchten Konzerten in ganz Österreich. Die Band, allesamt routinierte Musikartisten, gilt als zuverlässigster und vielseitigster Live-Act im süddeutschen und österreichischen Raum.

Günter Brödl schreibt nicht nur die Texte zu neuen Ostbahn-Songs und übersetzt beliebte Schmankerln erprobter Angloamerikaner ins Simmeringerische, er ist auch stets mit auf Tournee. Erst als Beleuchter für die Farben Rot, Gelb, Grün und "Purple", dann als "Verfolgerfahrer", wie es bühnenamtlich heißt, als Bediener des Verfolgungsscheinwerfers. Und als solchem fallen ihm die dramaturgischen Mängel und Vorzüge der Show ins Auge. Brödl beginnt seine Wahrnehmungen in Beratertätigkeit fließen zu lassen. Brödl wird "Trainer". Trainer und damit bezugsberechtigtes Bandmitglied. Was bedeutet, daß auch er vom "Kohlen-Güntl" gerufenen Verwaltungsdirektor der Band, Günther Großlercher, allabendlich einen aliquoten Anteil ausbezahlt bekommt.

Ostbahn-Kurti & die wechselnden Mitglieder der Chefpartie (seit 1995 Kurt Ostbahn & die Kombo) erspielen sich den Ruf einer Legende und bescheren der österreichischen Populärmusik ein Phänomen, das trotz gesungener Dialektprosa nicht so recht in die Sparte Austropop passen will. Brödl lebt fürderhin recht gut als textender Trainer und trainierender Texter und entwickelt seine Kunstfigur konsequent weiter. Als ihn nach einer großen Tournee die Last der Steuervorauszahlungen finanziell zu erdrücken droht, zieht er, "eher zufällig" ins Urlaubsparadies Teneriffa. Zuerst sollte es nur ein Kurzurlaub sein. Dann sieht er ein Haus, "einen zugigen, weil in spanischer Leichtbauweise ausgeführten Bungalow - errichtet in dem für Teneriffa schon antiken Baujahr 1966. Mit einem kleinen Gartl, in einer urbanisacion mit 35 anderen Bungalows mit kleinen Gartln."

Seit nunmehr fünf Jahren lebt Günter Brödl schon auf der Atlantik-Insel. Wann immer es die Konzerttermine erlauben, "flieht" er Österreich und schreibt. Woran Brödl schreibt? An Ostbahn-Romanen selbstverständlich. 1995 erscheint der Kriminalroman "Blutrausch" (1997 von Thomas Roth verfilmt) und dann in weiterer Folge "Hitzschlag" (1996), "Platzangst" (1997) und schließlich heuer, als "vierter Band der Trilogie": "Kopfschuß". Am "fünften Teil der vierbändigen Trilogie" schreibt der Trainer gerade. Das neue Verlagsmanuskript steckt in Brödls etwas mitgenommener Lederschultasche. Um acht treffe er aus Recherchegründen den "Doktor Trash", verrät er stolz. Doktor Trash ist Brödl-Intimus Peter Hiess, die größte lebende Kapazität auf den Wissensgebieten Mord, Raubmord, Serienmord, Ritualmord. Kein Schwerverbrechen, über das Doktor Trash nicht profunde Auskunft geben könnte.

Und wie schreibt? Manisch, automatisch, meint der Trainer, auf vielen Zetteln und in kleine Büchlein. Manchmal an mehreren Songs gleichzeitig. Inzwischen höre er Willis Gesangsstimme schon während des Schreibens im Kopf. Nur die Übersetzung der beiden "Asterix"-Bände sei ziemlich haarig gewesen: "Da geht's nämlich auch darum, die Texte genau in die Sprechblase einzupassen."

Bevor sich unsere Wege trennen, möchte ich noch das Rätsel um Brödls runden Geburtstag klären. Am 23. Mai soll es soweit sein mit dem Fünfziger. Mit 50 verschenkten Jahren im Dienste der Ostbahndichtung. Zu Beginn des Beweisverfahrens lege ich einen, von Falter-Sachbuchmeister Klaus Taschwer verwalteten Buchmarketing-Kalender mit den runden Geburts- und Todestagen prominenter Schriftsteller vor. "Also, ich hab' am 22. März 44sten gehabt. Und der einzige Brödl Günter außer mir ist mein Vater. Der kann aber schlecht 50 werden." Günter Brödl will schnell verschwinden, um den Vater zu befragen. Wie das so schnell ginge, will ich wissen. "Na, der hat da hinten ein Bettwarengeschäft." In der Reindorfgasse. Nona. Kopfschüttelnd kehrt er wieder. "Also der Vater ist es nicht. Und er kennt auch keinen Günter Brödl außer mir."

Es muß also einen dritten Günter Brödl geben. Nur: Trainer ist der keiner, und in der Reindorfgasse hat er auch nichts zu schaffen. Warum er aber gerade 50 wird wie der Kurt Ostbahn, wird wahrscheinlich nicht einmal der Doktor Trash klären können.

Andrea Maria Dusl in FALTER 19/1999 vom 14.05.1999 (S. 22)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Kurt Ostbahn: Kopfschuss (Günter Brödl)
Kurt Ostbahn: Hitzschlag (Günter Brödl)
Platzangst (Kurt Ostbahn, Günter Brödl)
Blutrausch (Günter Brödl)

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