Der Sturz des Adlers
120 Jahre österreichische Sozialdemokratie

von Norbert Leser

€ 12,90
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Verlag: Kremayr & Scheriau
Format: Hardcover
Genre: Sachbücher/Politik, Gesellschaft, Wirtschaft/Politik
Umfang: 224 Seiten
Erscheinungsdatum: 20.08.2008

Rezension aus FALTER 46/2008

Ein kleinkarierter Sturz, kein intellektueller Höhenflug

Der emeritierte Professor für Gesellschaftsphilosophie an der Universität Wien Norbert Leser entwickelt sich zur professionellen Kassandra in Sachen österreichische Sozialdemokratie. In regelmäßigen Abständen geißelt er den Sittenverfall der sozialdemokratischen Spitzen- und Gewerkschaftsfunktionäre, so unter anderem 1988 in "Salz der Gesellschaft", 1998 in "Elegie auf Rot", und prophezeit deren politisches Ende. Sein jüngstes Werk ist mit Abstand das schwächste und uninteressanteste dieses verdienten Autors und kritischen Denkers. Enttäuschend vor allem deshalb, weil Lesers Habilitationsschrift "Zwischen Reformismus und Bolschewismus. Der Austromarxismus in Theorie und Praxis" von 1968 zu Recht zu den Klassikern der österreichischen Politik- und Ideologiegeschichte zählt.
Ganz im Gegensatz dazu reduziert er im vorliegenden Buch bar jeglicher Theorie die Geschichte der österreichischen Sozialdemokratie auf subjektive Personenpor­träts – höchst verwunderlich für einen Analytiker des Austromarxismus und Kenner des sozialdemokratischen Denkers Max Adler. Er tut dies ganz ungeniert in seiner Einleitung kund, wo er sich vor allem auf Gespräche mit Zeitzeugen und politischen Akteuren beruft. Seine Missachtung der vielfältigen historischen, ideologiekritischen und sozialwissenschaftlichen Literatur zu dem Thema schadet aber vor allem dem Autor selbst.
Auf den ersten rund 100 Seiten finden sich durchaus lesenswerte Reflexionen über die ersten Dekaden der Sozialdemokratie bis 1938, und man erkennt den kritischen Analytiker der frühen Sozialdemokratie. Dass sich die Sozialdemokratie während des Nationalsozialismus nicht verflüchtigt hat, sondern es durchaus im Exil und auch während des NS-Regimes im Lande selbst ideologische Debatten gab, thematisiert Leser aber so gut wie gar nicht.

Wie Phönixe aus der Asche steigen bei Leser 1945 der sozialdemokratische Parteichef Adolf Schärf und Innenminister Oskar Helmer empor, denen er – trotz punktueller Kritik für deren Anti-Exilanten-Politik – pauschal konzediert, "Ehrenmänner" gewesen zu sein. Helmers Antisemitismus – er war derjenige, der im Zusammenhang mit der Restitution geraubten jüdischen Eigentums den Ausspruch tätigte, er wäre "dafür, die Sache in die Länge zu ziehen" – wird entschuldigend zitiert. Neben dem vergessenen Roten Julius Deutsch, der aus dem US-Exil zurückgekehrt war, wird vor allem der ehemalige ÖGB-Präsident und Innenminister Franz Olah zum tragischen Helden stilisiert, den die SPÖ verfolgt hat; kein Wort über seine mit CIA-Geldern ­finanzierten paramilitärischen Formationen und seine Rolle bei der Kreditsicherung für die Finanzierung des Starts der Kronen Zeitung.
Für Bruno Kreisky bleibt überhaupt nur mehr ein Postskriptum über, in dem ausschließlich dessen Auseinandersetzung mit Hannes Androsch im Sinne einer griechischen Vater-Sohn-Tragödie abgehandelt wird; immer wieder, ohne wirklich in die Tiefe zu gehen, wird Kreiskys Außenpolitik gelobt. Der eigentliche "bad guy" und Verursacher allen Übels sei aber der ehemalige SPÖ-Kanzler Franz Vranitzky, der aufgrund seiner materiellen Situa­tion als ehemaliger Banker die spartanischen Grundsätze der Sozialdemokratie verraten habe und überdies die FPÖ durch ­Koalitionsbruch und Ausgrenzungspolitik nach der "Machtergreifung" Jörg Haiders habe groß werden lassen. Zumindest nach den letzten Nationalratswahlergebnissen 2008 sollten dazu Errata-Zettel nachgereicht werden.

Geschichtspolitisch steckt Leser noch in der frühen Nachkriegsdebatte. Die Waldheim-Diskussion wird von ihm daher als "beschämend" disqualifiziert und die Rolle Vranitzkys nur am Rande der Vollständigkeit halber erwähnt. Kein Wort zu den sozialen und ökonomischen Änderungen in den 1980er-Jahren und der Krise der verstaatlichten Industrie. Weder Globalisierung noch EU-Integration sind es Leser wert, ernsthaft in die Personenprofile aufgenommen zu werden.
Dabei gibt es durchaus viel zu schreiben, denn selbst Autoren in Australien wie Ashley Lavelle sprechen 2008 nicht mehr vom Sturz, sondern vom "Tod" der internationalen Sozialdemokratie in der Phase der Zweiten Moderne und dem Ende beziehungsweise der Transformation des Fordismus – jener Wirtschaftsphilosophie, die kapitalistische Massenproduktion mit sozialdemokratischer Weltanschauung vereinen wollte. Derartige vergleichende Argumente tangieren Leser überhaupt nicht, außer bei der überraschenden Gleichsetzung des deutschen Exkanzlers Gerhard Schröder mit Vranitzky. Es geht ihm letztlich nur um korrupte Gewerkschaftsbanker oder unfähige Kanzler und nicht um die Frage, ob die internationale Sozialdemokratie Antworten auf den regellosen Neoliberalismus und die Migrationsdebatte finden kann.
Wie wichtig solche Antworten wären, zeigen deutliche Trends weltweit. Sozialdemokratische Wähler zieht es in Richtung extremer Positionen oder zur Wahlenthaltung, wie sich bei den letzten Nationalratswahlen in Österreich gezeigt hat.
Zunehmend bieten neue soziale Bewegungen die verzweifelt gesuchten Antworten zu existenziellen Fragen zahlreicher potenzieller sozialdemokratischer Wählerinnen auf komplexer und unsicher werdende Lebens- und Arbeitssituationen – auch in den sogenannten Industriestaaten mit steigenden Einkommensunterschieden, prekären Arbeitsverhältnissen und wachsenden Arbeitslosenraten. Derartige international und theoretisch kontextualisierte Deutung der Geschichte der österreichischen Sozialdemokratie findet sich in Norbert Lesers jüngstem Buch leider nicht.

Oliver Rathkolb in FALTER 46/2008 vom 14.11.2008 (S. 22)


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