Frauenpower auf Arabisch
Jenseits von Klischee und Kopftuchdebatte

von Karim El-Gawhary

€ 22,00
Lieferung in 2-7 Werktagen

Verlag: Kremayr & Scheriau
Format: Hardcover
Genre: Sachbücher/Politik, Gesellschaft, Wirtschaft
Umfang: 208 Seiten
Erscheinungsdatum: 01.08.2013

Rezension aus FALTER 22/2014

"Ich stelle mir vor, wie der in Österreich anklopft mit seiner Tochter, die sich vor Angst in die Pyjamas gepinkelt hat"

Der ORF-Nahost-Korrespondent Karim El-Gawhary begleitet seit über vier Jahren den Arabischen Frühling. Ein Gespräch über die Lage der Medien in Ägypten, die Präsidentenwahl, das Dilemma der Frauen und die beschämende Syrienhilfe Österreichs.

Karim El-Gawhary, 50, Journalist des Jahres, Leiter des Nahost-Büros des ORF und Korrespondent heimischer und deutscher Zeitungen, ist wohl einer der besten Kenner des Arabischen Frühlings. Wie kein anderer Journalist berichtet er von den Fronten der Aufstände und Kriege. Vergangene Woche tourte El-Gawhary durch Österreich, um sein neues Buch ("Frauenpower auf Arabisch", Verlag Kremayr & Scheriau) vorzustellen. Am Rande einer Lesung in einer kleinen Wienerwald-Gemeinde fand dieses Gespräch statt, das während der Wahl in Ägypten aufgezeichnet wurde. Ein Gespräch über die ägyptische Lage, Frauenpower im arabischen Raum und die beschämende österreichische Politik im Umgang mit syrischen Flüchtlingen.

Falter: Herr El-Gawhary, Ägypten wählt gerade einen neuen Präsidenten, die Wahl ist noch nicht beendet. Sprechen wir zunächst über die Lage der Journalisten. Gibt es Pressefreiheit in Kairo?
Karim El-Gawhary: Das Arbeiten ist definitiv schwieriger geworden. Es gibt Kollegen von mir, die einfach als Terrorverdächtige weggesperrt werden, weil sie Muslimbrüder interviewt haben. Die ägyptischen Medien sind völlig gleichgeschaltet.

Wie informiert sich ein ägyptischer Staatsbürger? Spielen soziale Medien noch so eine wichtige Rolle wie zu Zeiten des Arabischen Frühlings?
El-Gawhary: Zunächst müssen wir einmal festhalten, dass 40 Prozent der Ägypter Analphabeten sind. Sie hören Radio, schauen fern, und vielleicht klicken sie ein paar Youtube-Videos an. Vor allem die jüngeren Ägypter sind aber in den sozialen Medien vertreten – das Netz spielt für sie eine wichtige Rolle. Auch das Militär, das Innenministerium und die Justiz nützen Face­book und Twitter. Alle haben kapiert, dass diese neuen Medien wichtige Plattformen sind.

Wie steht es um die Meinungsfreiheit der Bürger? Darf man frei sprechen?
El-Gawhary: Die Politik versucht zwar den Protest auf der Straße zu unterdrücken und die Journalisten gleichzuschalten, aber jeder hier diskutiert leidenschaftlich über Politik. Überall. Es gibt auch innerhalb der Familien große gesellschaftspolitische Debatten und Brüche. Ich war zum Beispiel bei der Präsidentschaftswahl vor einem Wahllokal und traf eine alte Frau, sie war ziemlich sicher eine Analphabetin. Ich fragte sie: "Und, wen hast du gewählt?" Sie sagte: "Ich habe Ahmad Shafiq gewählt." – Shafiq war noch so ein Restposten des Mubarak-Regimes. Sie erklärte mir, dass ihr Mann jetzt richtig sauer sei, denn er war Anhänger des Kandidaten der Muslimbrüder, Mohammed Mursi. Die Alte klagte, ihr Mann spreche jetzt schon eine Woche nicht mehr mit ihr. Doch dann sagte sie den wunderschönen Satz: "Das ist Demokratie in der Familie! Er wird sich schon wieder beruhigen." Das sind völlig neue Geschichten in diesem Land.

Was hat sich noch geändert?
El-Gawhary: Die Politiker werden – trotz gleichgeschalteter Medien – von den Bürgern verantwortlich gemacht. Nicht nur die Muslimbrüder begehren auf, auch eine jüngere Generation verschafft sich Gehör. Sie macht bei dem gleichgeschalteten Hype um den kandidierenden ehemaligen Armeechef as-Sisi nicht mit. Wir erleben aufgrund der wirtschaftlichen Lage auch eine neue Streikbewegung. Das Militär wird die nächsten Jahre damit beschäftigt sein, für Sicherheit zu sorgen – für die anderen Probleme hat es keine Zeit. Ich glaube daher, dass as-Sisi auf die Schnauze fallen wird.

Abd al-Fattah as-Sisi, der Armeechef, der die demokratisch gewählten Muslimbrüder wegputschte, wird mit Sicherheit Präsident. Ist nun wieder alles beim Alten?
El-Gawhary: Wir erleben eine Entwicklung hin zu einer Eskalation der Lage. As-Sisi hat ja schon erklärt, dass es unter seiner Herrschaft so etwas wie die Muslimbrüderschaft nicht geben wird. Er kriminalisiert somit einen gewaltigen Teil der Bevölkerung. 21.000 Ägypter sitzen seit seinem Putsch zusätzlich im Knast. Offiziell starben 640 Menschen bei der Auflösung von Protesten, wahrscheinlich sind es mehr als 1000. Wir erleben Schnellverfahren, in denen binnen fünf Viertelstunden hunderte Massentodesurteile verhängt werden, ohne dass irgendwer eine Chance auf einen rechtsstaatlichen Prozess hat. Die Justiz spielt den Racheengel.

Sie haben immer betont, dass man die Revolution in Ägypten als langen Prozess betrachten muss. Beendet diese Wahl diesen Prozess?
El-Gawhary: Nein, ich glaube nicht. Es ist noch alles in Bewegung. Auch die Französische Revolution hat das säkulare Frankreich nicht in einem Jahr geschaffen. Wir erleben nun die Phase der Restauration und eine Renaissance der alten Mubarak-Netzwerke. Aber das kann sich schon bald wieder ändern.

Wo verlaufen die Fronten in dieser Revolution?
El-Gawhary: Zum einen kämpfen die Säkularen gegen die Religiösen. Auf diesen Konflikt haben die Diktatoren jahrzehntelang den Deckel draufgehalten. Nun müssen grundsätzliche Fragen ausgehandelt werden. Leider geschieht dies momentan auf blutige Weise, nicht nur in Ägypten, sondern auch in den anderen arabischen Ländern – nur in Tunesien sehen wir eine Politik der Kompromisse. An der zweiten Front kämpft das Alte gegen das Neue. Das Alte sitzt noch überall fest, vor allem in den Sicherheitsapparaten und im Militär.

Kommen wir zu den Muslimbrüdern. Sie werden verfolgt und massenhaft zum Tode verurteilt. Was bedeutet das für die Millionen Ägypter, die sie gewählt haben?
El-Gawhary: Hier wird eine riesige politische Gruppierung völlig kompromisslos aus dem politischen System geschmissen. Bei den ersten Präsidentenwahlen wurde Mursi von 13 Millionen Bürgerinnen und Bürgern zum Präsidenten gewählt. Er hat die Mehrheit davon schwer enttäuscht, aber wenn nur fünf Millionen seiner Wähler übrigbleiben, reicht es schon, dass es Unruhen gibt. Die Bewegung wird sich radikalisieren, wenn man sie verbietet.

Die Muslimbrüder hatten ihre Chance.
Sie haben sie nicht genützt und
Ägypten noch tiefer in die Krise
gestürzt.
El-Gawhary: Ja, aber die Abwahl der Muslimbrüder hätte doch von den Bürgern durchgeführt werden müssen, nicht von den Militärs. Wieso musste Mursi gewaltsam beseitigt werden?

Das Volk hat doch gejubelt. Es gab Feuerwerke am Tahrir-Platz.
El-Gawhary: Das war ein Teil des Volkes. Das Militär hätte die Wähler entscheiden lassen müssen. Eine Regierung der Muslimbrüder wäre meiner Meinung nach das beste Rezept für eine Säkularisierung gewesen – die Leute hätten gemerkt, dass die Religion in der Politik und Wirtschaft keines ihrer Probleme löst.

Wie ist die Lage der Ägypter heute?
El-Gawhary: Ägypten ist es noch nie so schlecht gegangen wie heute. Die Preise schießen in die Höhe. Die Leute haben keine Jobs. Der Tourismus liegt darnieder. Die Stimmung ist explosiv.

Sie sind nicht nur Journalist, sondern auch Buchautor und gerade auf Lesereise in Österreich. Kommen wir zu Ihrem neuen Buch, das sich der Frauenpower im arabischen Raum widmet. Sie dokumentieren höchst unterschiedliche Schicksale. Ägyptische Fernfahrerinnen, Taxifahrerinnen, Kämpferinnen, aber auch klassische Opfer einer männlich dominierten Gesellschaft und des Krieges. Erleben Frauen in Ägypten derzeit einen Aufbruch oder einen Backlash?
El-Gawhary: Beides. Es fiel auf, dass unglaublich viele Frauen auf dem Tahrir waren. Aber kaum war der Aufstand zu Ende, hieß es "Und nun wieder zurück an den Herd". Aber die Frauen waren wesentliche Akteure der Revolutionen. Und manche rote Linie wurde neu gezogen. Nehmen Sie nur die sexuelle Belästigung. Sie ist hier wie eine Epidemie. Schon zu Mubaraks Zeiten haben neun von zehn Ägypterinnen angegeben, im öffentlichen Raum massiv sexuell belästigt worden zu sein.

Viele Frauen beklagen, vor allem auch auf dem Tahrir massiv belästigt und misshandelt worden zu sein.
El-Gawhary: Ja, es ist katastrophal. Aber viele der Opfer gehen nun in Talkshows und zeigen dort ihre zerrissenen Kleider her. Sie stoßen öffentliche Diskussionen an. Es gibt nun sogar ein Gesetz gegen sexuelle Belästigung – und die Frauen fordern die Solidarität der Behörden ein. An einer Uni in Kairo wurde zum Beispiel kürzlich ein Mädchen angegriffen. Der Rektor schwadronierte, das Mädchen sei selbst schuld, es sei zu aufreizend gekleidet gewesen. Er ist von den Medien zerrissen worden und musste sich entschuldigen.

Immer mehr Frauen versuchen den Aufstieg durch Bildung. Gelingt das?
El-Gawhary: Es gibt Bereiche, wo der Frauenanteil in der Tat viel höher ist als etwa in Österreich. Im Bankenwesen, im universitären Bereich, in den Schulen und im Gesundheitssystem ist der Frauenanteil gewaltig. Aber in der Justiz zum Beispiel gibt es noch immer leidenschaftliche Debatten darüber, ob Frauen richten sollen – weil, so das dumme Argument, sie ja die Tage bekommen und dann emotional nicht fähig seien, rationale Urteile zu fällen. Und das in einem Land, in dem durch männliche Richter in Schnellverfahren hunderte Muslimbrüder zum Tode verurteilt werden.

Wer ist der größte Feind der ägyptischen Frauen? Die Islamisten?
El-Gawhary: Nein, es ist die Not. In meinem Buch erzähle ich die Geschichte einer Mutter, die ihre vier Kinder mit einem Euro pro Tag durchbringen muss. Ein Euro! Hier erleben wir den ägyptischen Klassiker. Die Tochter durfte zunächst in die Schule, war Klassenbeste, ein ganz helles Kind. Dann wurde der Sohn schulpflichtig. Die Mutter konnte nicht beide Kinder in die Schule schicken. Die Buntstifte, die Kleidung, alles kostet sie Geld. Und was passiert? Der Sohn wird als Rentenversicherung gesehen und auf die Schule geschickt, die Tochter verheiratet. Genau hier beginnt dieser verdammte Analphabetismus.

Herr El-Gawhary, kommen wir nach Syrien …
El-Gawhary: … eine Katastrophe. Da herrscht ein Abnutzungskrieg, der so lange dauert, bis beide Seiten das Gefühl haben, dass nichts mehr zu holen ist. Wir sehen auch einen Regionalkonflikt um die Machtbalance vor Ort. Wir glauben noch immer, es gebe die "Ordnung" von früher. Wir schalten im ORF nach Moskau und Washington. Doch in Wahrheit sind die regionalen Mächte viel wichtiger – etwa der Iran. Man muss dieses Land einbeziehen. Das haben die Leute im Westen bis heute nicht verstanden. Oder Saudi-Arabien, das hier um seine Zukunft bangt. Die Medien müssten viel öfter nach Riad oder Teheran schalten.

Das saudische Regime hat den ägyptischen Militärs applaudiert, als diese die Muslimbrüder weggeputscht hatten. Ist das nicht paradox?
El-Gawhary: Nein, es zeigt, dass unser Verständnis von "Islamismus" sehr einfältig ist. Saudi-Arabien ist ein vom Westen gestütztes autokratisches System und legitimiert sich islamisch. Und nun kamen die Muslimbrüder und legitimierten sich auch islamisch, allerdings auch durch Wahlen. Es ist der absolute Albtraum für die saudischen Machthaber, dass die Demokratie auch sie ereilt.

Österreich ist lediglich bereit, 500 syrische Flüchtlinge aufzunehmen – und bevorzugt hier vor allem Christen. Wie empfinden Sie eigentlich diese Form der Selektion nach dem Glaubensbekenntnis?
El-Gawhary: Ich könnte auch sagen, ich nehme nur Kinder oder nur Nichtraucher. Was ist das für eine Herangehensweise? Es ist immer die konkrete Situation der Flüchtlinge, mit der man sich auseinandersetzen muss. Das ist kein muslimisch-christlicher Konflikt. Das ist ein Bürgerkrieg, der unvorstellbares Leid verbreitet, das sich nicht an einer Religionszugehörigkeit festmachen lässt. Neulich habe ich einen der syrischen Flüchtlinge in Ägypten gefragt, in welchem Moment er beschlossen hatte zu fliehen. Er sagte, er habe in einem von den Rebellen kontrollierten Gebiet in Damaskus gelebt, das jede Nacht bombardiert wurde. Als seine zwölfjährige Tochter dann begann, ­wieder jede Nacht vor Angst ins Bett zu machen, entschied er, mit seiner Familien abzuhauen. Ich stelle mir vor, wie der in Österreich anklopft mit seiner Tochter, die sich vor Angst in die Pyjamas gepinkelt hat. Und dort heißt es dann: Tut uns leid – falsche Religionszugehörigkeit, du bist Muslim.

Sie haben viele syrische Flüchtlinge interviewt. Welche Geschichten würden Sie der österreichischen Öffentlichkeit mitteilen?
El-Gawhary: Neulich habe ich die Geschichte der Syrerin Soha recherchiert. Sie wollte mit ihren vier Töchtern im Alter von drei bis zwölf Jahren übers Mittelmeer nach Europa fliehen. Ihr Boot ging nicht weit von der ägyptischen Küste unter. Soha hatte als Einzige eine Schwimmweste an und ihre vier Töchter klammerten sich an sie. Soha strampelte, um über Wasser zu bleiben, weil eine Schwimmweste nicht fünf Menschen trägt. Sie wusste, sie musste einige ihrer Töchter loslassen, damit irgendwer überlebt. Aber sie konnte sich nicht entscheiden und wartete einfach ab. Zuerst ließ ihre dreijährige Tochter los, die neben ihr nachts im Mittelmeer wegtauchte. Dann die zweite und dann die dritte Tochter. Schließlich zog die ägyptische Küstenwache sie und ihre älteste Tochter aus dem Wasser, damit sie uns diese Geschichte noch erzählen kann. Ich denke mir oft, dass man in Österreich über die Gnade seines Geburtsortes nachdenken sollte. Dass es reiner Zufall ist, dass man dort und nicht in Aleppo, Hama oder Homs geboren ist. Das ist für mich das beste Rezept gegen Überheblichkeit und Gleichgültigkeit gegenüber dem, was nur dreieinhalb Flugstunden von mir entfernt jeden Tag passiert.

Florian Klenk in FALTER 22/2014 vom 30.05.2014 (S. 24)


Rezension aus FALTER 51-52/2013

Die starken Frauen Arabiens

Der Reporter Karim El-Gawhary, der soeben zum Journalisten des Jahres gewählt wurde, ist für seine TV-Berichte als ORF-Auslandskorrespondent bekannt. In seinem Buch "Frauenpower auf Arabisch" lässt er verschiedenste arabische Frauen zu Wort kommen, die eines gemein haben: Sie geben nicht auf. Von Samira und Iman, die auszogen, um in der ägyptischen Wüste Tomaten zu züchten; von Ghalia und ihrer TV-Kochsendung, die zeigt, wie auch mit wenig Geld ordentliche Mahlzeiten möglich sind. Das Buch erzählt aber auch traurige Geschichten, wie jene vom Schicksal der syrischen Studentin Hadil, die vergebens gegen das Regime ankämpfte. El-Gawhary urteilt nicht. Stattdessen lässt er diese faszinierenden Frauen selbst zu Wort kommen – und verleiht ihnen dadurch eine Stimme.

Stefan Kluger in FALTER 51-52/2013 vom 20.12.2013 (S. 27)


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