Orbáns Ungarn

von Paul Lendvai

€ 24,00
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Verlag: Kremayr & Scheriau
Format: Hardcover
Genre: Sachbücher/Politik, Gesellschaft, Wirtschaft/Biographien, Autobiographien
Umfang: 240 Seiten
Erscheinungsdatum: 01.10.2016


Rezension aus FALTER 51-52/2017

Die Sehnsucht nach dem Schönen stillen

Literarische Kleinode: Zsóka Lendvai kam wegen ihres Mannes nach Österreich und verlegt nun Werke ungarischer Schriftsteller

Die Wohnung der Lendvais ist sonnendurchflutet. An den Wänden des Wohnzimmers stehen Regale voll mit Büchern, über ihnen hängen Gemälde von ungarischen Künstlern, etwa von László Mednyánszky, einem Landschaftsmaler, der 1919 in Wien starb. Hier im neunten Bezirk leben und arbeiten Zsóka, 62, und Paul Lendvai, 88, sie als Chefin des Nischenverlags, er als Publizist. In ihrem Büro stehen die schönen, poetischen Bücher, in seinem die brutalen, politischen. Sagen die beiden. Im Wohnzimmer stapelt sich alles. Paul Lendvais Buch „Orbans Ungarn“ und die neueste Erscheinung des Nischenverlags, „Die brennende Braut“ von Krisztina Tóth.

Als Zsóka Ficzere 1955 in Ungarn geboren wurde, hatte ihr zukünftiger Mann gerade Berufsverbot als Journalist und flüchtete zwei Jahre später nach Wien. Sie wuchs in Budapest auf, ihre Eltern hatten nicht viel Geld und zu Hause nur wenige Bücher. Die Familie versorgte sich über die städtischen Bibliotheken mit Lesestoff. Schon mit sechs Jahren war Zsóka „ein Bücherwurm“, wie sie sagt. Als ihr das Wort nicht gleich einfällt, schaut sie kurz zu Paul Lendvai, der neben ihr in einem Fauteuil sitzt, während sie auf dem Sofa Platz genommen hat. Sie lacht viel, während sie erzählt, und scherzt mit ihrem Mann, wenn er übertreibt, wie sie meint. „Sie kann hunderte Gedichte rezitieren“, sagt er. „So viele sind es nicht“, wehrt sie ab. In der Volksschule musste sie sehr viele auswendig lernen. Als Gymnasiastin schrieb sie dann selbst welche. „Über Vietnam und ein schönes Gedicht über Lenin“, erzählt die Verlegerin. Doch schon damals interessierte sie sich mehr für Literatur als für Politik. Eine Lehrerin gab ihr Friedrich Dürrenmatt und Gabriel García Márquez zu lesen. Nach dem Studium – sie schloss in ungarischer Literatur und Kommunikation ab – arbeitete sie in großen Verlagen, die alle staatlich waren. Im Jahr 1989 wechselte Ficzere zu einem kleinen, privaten Verlag, lernte Marketing, Betriebswirtschaft und die Orientierung in der neuen politischen Landschaft.
Im Jahr 2001 musste sich Ficzere um einen österreichischen Autor kümmern, der regelmäßig über Ungarn publiziert. Er diktierte ihr Namen von Journalisten und Politikern, die sie zur Buchpräsentation einladen sollte, und war auch sonst nicht sehr freundlich. Erst später, als Ficzere und er über sein Buch sprachen, kamen sie sich näher. Zwei Jahre später heiratete Zsóka Paul Lendvai, seither wohnen sie gemeinsam in Wien.
Während er arbeitete, besuchte sie die Sprachschule und erkundete die Stadt. „Von Schönbrunn bis zum Friedhof in St. Marx. Ich wollte dann alles meinem Mann zeigen, weil er vieles gar nicht gekannt hat.“ Vor ­allem die Friedhöfe hat sie ins Herz geschlossen. „Die Grabaufschriften erzählen viele Geschichten, die Stimmung ist wie in einem Park. Ich bin nicht traurig, wenn ich einen Friedhof besuche.“
Doch die Zeit des Einfindens in Wien war schwierig. „Ich bin nicht nur ein Stadt-, sondern auch ein Gesellschaftsmensch“, sagt Zsóka Lendvai. Und ein Mensch, der Worte liebt und sorgfältig setzt. Sich nicht perfekt ausdrücken zu können ist für eine Frau wie sie eine Mühsal. Sie begann Freunde einzuladen, kochte ungarische Spezialitäten und wollte ihren Gästen die ungarische Literatur näherbringen. Buchhandlungen führen zwar Übersetzungen der Werke des Nobelpreisträgers Imre Kertész oder Péter Esterházys, doch keine Bücher junger ungarischer Autoren. Viele wichtige Romane wurden oft erst nach Jahrzehnten ins Deutsche übersetzt.

Das Ehepaar beschloss, einen Verlag zu gründen, den Zsóka Lendvai führen sollte. Das war 2012. Mittlerweile steht der Nischenverlag für eine Sammlung literarischer Kleinode. Jedes Jahr erscheinen etwa drei Bücher. Das erste hieß „Das rote Fahrrad“ und ist eine ungarische Anne-Frank-Geschichte. Die Journalistin Ágnes Zsolt hatte das Tagebuch ihrer 13-jährigen Tochter, die in Auschwitz ermordet worden war, entdeckt und als Buch veröffentlicht. Lendvai ließ es übersetzen. „Mein Mann war sehr berührt“, erzählt die Verlegerin. „Er war 1944 fast gleich alt wie dieses Mädchen und hat den Holocaust überlebt.“
Besonders angetan hat es der Verlegerin die Autorin Krisztina Tóth. Schon drei ihrer Erzählbände ­wurden übersetzt, etwa „Pixel“. Tóth macht in jeder der 30 Geschichten einen ­Körperteil zum Protagonisten. Ihr neuestes Buch heißt „Die brennende Braut“. Verstörende Texte über ruinierte Lieben folgen auf surrealistisch anmutende Begebenheiten. „Das ­Wichtigste war, gute ­Übersetzer zu finden“, sagt Zsóka Lendvai und ihr Mann ergänzt: „Kertész hätte ohne gute Übersetzung den Nobelpreis nicht bekommen.“ In den Büchern des Nischenverlags finden sich neben Foto und Vita des Autors immer auch jene des Übersetzers.

Oft werde sie gefragt, warum die Bücher so traurig seien. „Ich sage dann immer: weil die Wirklichkeit in Ungarn so traurig ist. Die Autoren spiegeln das.“ Das sei auch ihre Aufgabe. Denn es sei seltsam, Lustiges zu schreiben, wenn die Welt es nicht ist. „Die Bücher zeigen die Regime, die Verlogenheit, das Schweigen im Spiegel der Familie“, beschreibt es Paul Lendvai. Wie sie denn die politischen Entwicklungen in Ungarn beurteile? „Das ist das Ressort meines Mannes“, sagt Zsóka Lendvai. „Wir haben nur ein Leben, und es ist nicht egal, wie wir es leben. Ich will, dass es schön ist.“ Sie beschäftige sich mit politischen Problemen der Zeit in ihrem Beruf, aber darüber hinaus wolle sie nichts davon wissen. „Eine Meisterin der Verdrängung“, sagt Paul Lendvai und lächelt. „Aber sie erlaubt mir trotzdem, mich mit den hässlichen Dingen zu beschäftigen.“
Wenn Zsóka Lendvai verreist, hat sie immer dasselbe Buch dabei, „Die Abenteuer des Kornél Esti“ von Dezső Kosztolányi, dessen Sprache sie so liebt. Die Erzählungen des großen ungarischen Schriftstellers wurden 1936 veröffentlicht. Erst 2006 erschien die deutsche Übersetzung. Zsóka Lendvai bemüht sich darum, das so etwas heute nicht mehr passiert.

Stefanie Panzenböck in FALTER 51-52/2017 vom 22.12.2017 (S. 35)



Rezension aus FALTER 41/2016

Er hätte auch ein Linker werden können

Paul Lendvai beschreibt Viktor Orbáns Aufstieg zur Macht – mit präzisem Blick und ohne übertriebene Empörung

Man kann, um das Phänomen Ungarn zu erklären, die Probleme des Weges von Einparteienherrschaft und Sozialismus zu Demokratie und Marktwirtschaft beleuchten, die Geschichte dieses kleinen Nationalstaats in den Blick nehmen oder grundsätzlich das Ost-West-Verhältnis in der EU untersuchen. Man kann sich aber auch einfach den Mann näher anschauen, der Ungarns Sonderweg begründet hat: Viktor Orbán. Das ist, wie sich am Ende herausstellt, das lohnendste Verfahren – auch wenn dem Buch ein gründlicheres Lektorat gutgetan hätte.
Nach einigen weit ausholenden Grundsatzbemerkungen zur Rolle der Persönlichkeit in der Politik besinnt sich der einstige diplomatische Chefkommentator des ORF rasch auf seine Rolle als Journalist. Wenn Lendvai über Viktor Orbáns Jugend schreibt, der dem Alter nach sein Sohn sein könnte, lässt er sich das Zimmer im Budapester Studentenheim zeigen, das Ungarns Mächtige von heute einst miteinander teilten. Auch in seinem 18. Buch schaut der 87-jährige Paul Lendvai noch immer genau hin. Erst schaut und hört er zu, und dann erst erzählt, beschreibt, bewertet er.
„Orbáns Ungarn“ ist der Titel des Buches, aber es könnte vielleicht mit noch mehr Recht „Ungarns Orbán“ heißen, denn es ist weniger ein Landesporträt als eine politische Biografie. Eine Biografie, keine „Studie über den Zusammenhang seiner Gedanken“, in die sich einst ein großer Landsmann vergaloppierte: Der Orbán, den Lendvai beschreibt, verfügt einfach über einen Handkoffer mit machiavellistischen Instrumenten, die genauso auch anderswo zum Einsatz kommen könnten. Das macht das Buch, das auf alle alarmistischen Pro­gnosen verzichtet, so bedrückend.

Meisterstück der Verdrehung
Lendvai sucht das Geheimnis dieser „illiberalen“ oder, wie er selbst lieber sagt, „defekten“ Demokratie mehr in der Persönlichkeit ihres Regierungschefs als in dessen Denkgebäude oder in den ideologischen Linien seiner Partei, der ursprünglich liberalen ­Fidesz, die Orbán – um den Preis einer Spaltung – dann weit nach rechts geführt hat.
Einfach eine politische Marktlücke habe der Machtmensch gesucht – und sie nicht zufällig da gefunden, wo der verletzliche Nationalstolz ressortiert. In einer anderen Konstellation hätte Orbán auch ein Linker werden könne, der er, wie Lendvai überzeugend darlegt, bis zu seiner abrupten Wende im Frühjahr 1995 auch tatsächlich war.
Bei der Beschreibung der Orbán’schen Herrschaftstechnik ist Lendvai in seinem Element. Kühl und präzise, ohne überschießende Entrüstung analysiert der Autor das Meisterstück dieses Machtstrategen: die Proteste gegen die sogenannte „Lügenrede“, mit denen Orbán 2009 seinen sozialdemokratischen Vorgänger Ferenc Gyurcsány aus dem Amt trieb.
Eigentlich hatte der gern etwas sarkastisch und snobistisch auftretende Premier Gyur­csány in einer Rede vor Parteifreunden im Gegenteil Ehrlichkeit eingefordert und sich selbst, seine Partei und das ganze politische System der Verharmlosung von Problemen und damit der Lüge bezichtigt.
Orbán schaffte es mit Manipulation und geschickter Regie empörungsbereiter Medien, den Sinn der geleakten Rede ins Gegenteil zu verkehren. Ein demagogischer Trick: mit falschen, künstlichen Emotionen Glaubwürdigkeit vorspiegeln. Einen unsinnigen Vorwurf so oft wiederholen, bis alle nicht nur glauben, dass etwas dran sein muss, sondern bis alle die eigene, die verlogene Interpretation für den eigentlichen Sinn der Dinge halten. Ein erster Hauch von totalitärer Herrschaft wehte durch Ungarn.

Ein enger Freundeskreis
Die Macht und vor allem die Medienmacht, die ihm überhaupt erst solche Mittel ermöglichte, nahm Orbán anfangs tatsächlich aus seiner Persönlichkeit, einem Charisma und einem Willen, der eine kleine Gruppe von jungen Liberalen an ihre Führungs­figur band und sie mit ihm durch dick und dünn gehen ließ. An der Spitze des Landes, so Lendvai, steht heute ein Freundeskreis rund um Orbán mit Präsidenten János Áder und Parlamentspräsidenten László Kövér. Die persönliche Loyalität ist viel fester und mächtiger als jede politische; Ideologie stört da nur. Aber auch die Brüche fallen viel radikaler aus – wie der mit dem Geschäftsmann Lajos Simicska, der als persönlicher Freund Orbáns Aufstieg zur Macht finanzierte.
Inzwischen hat der junge Mann von damals nicht nur die öffentliche Meinung seines Landes gekapert, ihm eine neue, auf ihn zugeschnittene Verfassung gegeben und alle wesentlichen Funktionen mit Gefolgsleuten besetzt. Viktor Orbán ist auch der europaweite Meinungsführer einer nationalistischen Strömung, die in manchen Ländern wie Polen oder der Slowakei schon mehrheitsfähig ist und in Österreich, sogar in Frankreich zur Macht drängt. Europa, die Europäische Union, hat kein Mittel dagegen. Alle Versuche, Ungarn zur demokratischen Ordnung zu rufen, sind gescheitert.
„Reculer pour mieux sauter“, charakterisiert Lendvai Orbáns Verhandlungstaktik: zurückweichen, um besser springen zu können. Er lässt das Objekt seiner Analyse selbst zu Wort kommen: „Wegen der Tanzordnung der Diplomatie“, so Orbán, „müssen wir die Ablehnung so präsentieren, als ob wir uns mit ihnen befreunden möchten.“ Man mag ihn durchschauen, den „Pfauentanz“, aber nützen wird es einem nicht; so das ernüchternde Fazit des Autors. „Niemand kann die politischen Eliten Ungarns, Polens oder der Slowakei ersetzen“, sagt Lendvai über sein Buch. „Wir von außen können nur kontrollieren in dem Sinne, dass wir berichten.“ Berichten: Das hat der Autor mit seinem Buch dann auch getan – präzise, faktenreich, dabei aber stets pointiert.

Norbert Mappes-Niediek in FALTER 41/2016 vom 14.10.2016 (S. 19)


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