Sonnenkönige

von Marianne Jungmaier

€ 19,90
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Verlag: Kremayr & Scheriau
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Umfang: 224 Seiten
Erscheinungsdatum: 12.03.2018

Rezension aus FALTER 11/2018

Party machen, Drogen nehmen, Drachen basteln

Marianne Jungmaier begleitet in „Sonnenkönige“ Berliner Thirtysomethings auf dem Selbstfindungstrip

„Sonnenkönige“ ist der zweite Roman der oberösterreichischen Autorin Marianne Jungmaier, die in den letzten Jahren sehr viel gereist ist und schon so ziemlich überall auf der Welt geschrieben hat. Insgesamt acht Jahre lang hat sie an ihrem autobiografisch grundierten Debütroman „Das Tortenprotokoll“ gearbeitet, der vom Tod der Großmutter und der Sprachlosigkeit der Eltern handelt.
Mit „Sonnenkönige“ wendet sich die inzwischen wieder in Österreich sesshaft gewordene Autorin einem ganz anderen Stoff zu. Erzählt wird von Thirtysoemthings zwischen unsicheren Arbeitsverhältnissen, wechselnden, Gender-fluiden Beziehungen und der Suche nach extremen Kicks im Nachtleben.
Die Erzählstimme gehört dem männlichen Protagonisten Aidan, der in Berlin als Onlineredakteur über Musik schreibt und seine Zeit meist mit einer von drei Frauen verbringt: der sehr extrovertierten, in Fetisch-Clubs auftretenden Cherry, deren Freundin Sam sowie Hannah, mit der es kompliziert ist. Grundsätzlich ist Aidan mit ihr zusammen, wenn sie sich jedoch mit Drogen vollballert, wird ihm seine Geliebte fremd. Und das tut Hannah ziemlich regelmäßig. Dass sie im Job Kollegen und damit irgendwie auch Konkurrenten sind, macht es auch nicht eben leichter.
Aidan ist ein Drifter, und er bleibt auch als Figur ziemlich ungreifbar. „Das Schreiben war mein Trost“, merkt er einmal an, aber es bleibt eine bloße Behauptung. Seine Arbeit scheint ihn nicht groß zu beschäftigen, und als er, ohne sich darum zu bemühen, fest angestellt wird, scheint ihm das auch eher egal zu sein.

Ganz in seinem Element ist Aidan nur, wenn er sich allein in den Keller zurückziehen kann. Es geht um nix Perverses, er hat eine Mission: Seit seiner Kindheit träumt er immer wieder von einem Drachen. Jetzt will er selbst ein Drei-Meter-Ungetüm aus Holz basteln, um es in die USA zu transportieren und es dort rituell zu verbrennen.
Aus diesen Gründen kulminiert die Handlung, die ansonsten in Berlin spielt, in der Wüste von Nevada, wo alljährlich das legendäre Burning-Man-Festival stattfindet. Bei Jungmaier heißt es Festival Favilla und wird wie folgt beschrieben: „Fünfzigtausend Menschen aus der ganzen Welt versammelten sich jeden August in der Wüste Nevadas, um ihre Freiheit, ihren Selbstausdruck, ihre Kunst zu feiern.“
An diesem Zitat lässt sich das grundsätzliche Problem dieses Romans ablesen. Die Autorin findet keine Sprache für die Lebenswelt ihrer Figuren, die man sich als moderne Techno-Hippies mit Fetischsex-Faible vorstellen muss – von Ashram bis Bondage finden sie alles irgendwie geil. Der Ich-Erzähler aber findet zwischen Erklärungen und Beschreibungen allenfalls zu mäßig inspirierten reportagehaften Schilderungen: „Ich sah viel Latex, die Frauen waren mit Spitzenunterwäsche bekleidet oder in feinmaschige Ganzkörperanzüge gehüllt, die Männer trugen uninspirierte Lackhosen mit Reißverschlüssen im Schritt“.

Tiefenwirkung lässt sich auf diese Weise keine erzeugen, und der Text bleibt über weite Strecken so oberflächlich wie die Figuren in ihren philosophischen Momenten. Über seinen Drachen etwas meint Aidan einmal: „Da steckt viel drin, Kindheit, Vater, so Dinge.“
„Sonnenkönige“ ist auch kein hartes Buch übers Nachtleben, denn trotz aller Exzesse wirken die Figuren merkwürdig bieder, und der Roman bleibt so betulich wie eine „Spiegel TV“-Doku über deutsche Swingerclubs. Von Cherry etwa erfährt man, dass diese bei Sadomaso-Spielen einen „Subspace“ und beinahe die „völlige Selbstaufgabe“ erreiche.
Mehr kommt aber nicht. Schnell springt der Text weiter zur nächsten Szene, zur nächsten Orgie, zum nächsten Kater. Am Ende steht Aidan in der Wüste, nunmehr vom weisen Bill als neuem Lover begleitet, und sieht, wie sein Drache langsam in Flammen aufgeht. „All dies musste ich jetzt loslassen, alles. (…) Ich musste mich verabschieden“, raunt er. Bloß: Wovon eigentlich?

Sebastian Fasthuber in FALTER 11/2018 vom 16.03.2018 (S. 12)


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