Offenheit

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Kurzbeschreibung des Verlags:

Eine junge Frau verfasst einen Tag, nachdem ihr Partner plötzlich verstirbt, einen Instagram-Post darüber. Sie präsentiert ihren von Dehnungsstreifen übersäten Bauch dreißigtausend Menschen. Sie macht ihre psychische Erkrankung öffentlich, auch auf die Gefahr hin, stigmatisiert zu werden.
Jaqueline Scheiber öffnet jeden Tag ein virtuelles Fenster zu ihrer Welt. Als minusgold berührt sie auf Instagram mit sehr persönlichen, leuchtenden, manchmal unbequemen Posts. So entsteht ein Raum für Erfahrungen anderer, die sich mit ihren eigenen zu einem dichten Netz an Anteilnahme und Unterstützung verweben. Doch was für die einen mutig ist, stößt bei anderen auf Ablehnung. Jaqueline Scheiber reflektiert präzise, warum sie es für unerlässlich hält, die eigene Stimme zu erheben und gehört zu werden. Sie beschreibt den Balanceakt zwischen Öffentlichkeit und Privatheit und tritt den Beweis an, dass „radical softness as a weapon“ (Lora Mathis) die Basis ist für ehrlichen Austausch, empathische Auseinandersetzung und echte Veränderung.

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FALTER-Rezension

„SCHÖNHEIT IST EIN GEFÜHL“

Body-Positivity war gestern. Jaqueline Scheiber lebt auf Instagram ein „neutrales“ Verhältnis zu ihrem Körper vor. Wie geht das?

Die heiße Schokolade mit dem Schlagobersgupf hätte Jaqueline Scheiber früher Angst gemacht. Angst vor den Kalorien, die sie dicker machen könnten; Angst vor dem schlechten Gewissen, das sie den restlichen Tag quälen würde; vielleicht auch Angst davor, von anderen verurteilt zu werden. Sollte sie nicht besser auf ihre ohnehin schon runde Figur achten?

Doch die Jaqueline Scheiber von jetzt verrührt vorsichtig das Schlagobers. Die heiße Schokolade, die kann sie an diesem Donnerstagnachmittag Ende September genießen, ohne an die Auswirkungen zu denken. Das verdankt sie zwei Worten, mit denen sie sich auf ihrem Instagram-Profil „Minusgold“ selbst beschreibt: „body neutral“. 33.400 Follower hat sie dort. Zu einer großen Influencerin macht sie das nicht, doch das will sie auch gar nicht sein. Im Gegenteil: Scheiber, 27 Jahre, ungarische Mutter, österreichischer Vater, im Burgenland aufgewachsen, sieht sich nicht als eine der vielen – zumeist – jungen Frauen, die auf der Fotoplattform auf Hochglanz über ihr Leben erzählen und von Werbekooperationen leben. Sie ist Sozialarbeiterin – und Autorin. Armut, Trauer, psychische Erkrankungen, Essstörungen. Scheiber hat einiges durchgemacht und schreibt darüber. In Blogs, selbstpublizierten Gedichtbänden, auf Instagram und zuletzt in einem Buch. „Offenheit“ erscheint diese Woche.

Auf Instagram geht es auch um ihren Körper, der eben so gar nicht aussieht, wie man es sich vorstellt, wenn man an die gefilterte Schönwetterwelt der Fotoplattform denkt. Narben, Dehnungsstreifen, Hautlappen und über 30 Tattoos zieren Scheibers Körper, der zeitweise über 130 Kilo schwer war. Eine „Copingstrategie“ sei das Essen schon im Volksschulalter gewesen, erzählt sie. Mit 20 Jahren verlor sie viel Gewicht. „Dicksein ist so schambehaftet“, sagt sie. „Ich konnte erst darüber reden, als es etwas entfernt war.“

Es war die Body-Positivity-Bewegung, die ihr dabei half, ein gesundes Verhältnis zu ihrem Körper zu entwickeln. Body-Positivity, das ist eigentlich ein alter Begriff, der in den letzten Jahren vor allem dank Instagram, das dieser Tage seinen zehnten Geburtstag feiert, wieder Aufwind bekam. Die Anfänge liegen in der US-amerikanischen „Fat Acceptance“-Bewegung der 1970er, die sich gegen die Diskriminierung übergewichtiger Menschen starkmachte. Damals verbrannten Aktivistinnen Plakate des dünnen Supermodels Twiggy. Seit 1996 gibt es die kalifornische Organisation „The Body Positive“, die sich dafür einsetzt, „gesund und friedlich“ mit dem eigenen Körper zu leben. Sie sind die Ersten, die den Begriff verwenden, der, so entnimmt man der Homepage, von Aids-Organisationen übernommen wurde, die die negative Konnotation von „HIV-positiv“ umzumünzen versuchten.

„Alle Körper sind schön“, verspricht die Body-Positivity-Bewegung, und das ist ihre Stärke und Schwäche zugleich. Auf der einen Seite macht sie Menschen wie das US-amerikanische Plus-Size-Model Tess Holliday sichtbar, stellt Konventionen der Mode­industrie infrage.

Auf der anderen Seite steht die Kommerzialisierung. „Schönheit ist ein Gefühl, es ist eine Emotion, die man in sich und in anderen auslösen kann und die nichts damit zu tun hat, wie unser Körper aufgebaut ist“, schreibt Scheiber. Und mit Gefühlen kann man bekanntlich gut Geld verdienen. Dove wirbt mit kurvigen Frauen für Seife, Billie mit Damenbart für Rasierer, alles Produkte, die man kaufen könnte, um sich endlich schön zu finden und zu lieben. Was ja an sich eine gute Sache sein kann – aber eben auch dazu führte, dass die Bewegung an Radikalität verlor. Auch dank der sozialen Medien, die sie breiter und breiter machten.

Immer wieder flammt dort die Debatte auf, wer sich warum und wie äußern soll. Darf die durchtrainierte Bloggerin mit dem symmetrischen Gesicht ihre Orangenhaut zeigen? Dürfen „normschöne“ Menschen auch über ihre Unsicherheiten sprechen? „Body-Positivity ist nicht gedacht für schlanke weiße Frauen, die eh dem Schönheitsideal entsprechen“, sagt Alexandra Stanić, 43.900 Follower auf Instagram, Chefreporterin bei Vice DACH.

Sie selbst ist eine solche Frau, was sie nicht daran hindert, sich zu dem Thema auf Instagram zu äußern – aber eben immer im Kontext, die eigene Rolle reflektierend. Und das, kritisiert Stanić, gelingt längst nicht allen. In den vergangenen Wochen machten beispielsweise zahlreiche Fotos mit der Bildunterschrift „Instagram versus Reality“ die Runde. Darauf zeigten Influencer ihre Körper in zwei leicht unterschiedlichen Posen, einmal ohne angebliche Makel und einmal mit. Ein wenig Bauchspeck, ein paar Pickel. Der Sinn: zu zeigen, wie einfach es ist, die Realität auf Instagram zu verfälschen. „Superproblematisch“ findet das Stanić, denn: „Sie erhalten damit aufrecht, wie eine Frau auszusehen hat.“ Und das ist genau das Gegenteil dessen, was Body-Positivity will.

Body-Positivity erweitert den Schönheitsbegriff, entwertet ihn aber nicht. Und geht damit einigen nicht weit genug. Muss man den eigenen Körper lieben, egal, wie er aussieht, wie die Bewegung zu vermitteln versucht? Nein, finden Menschen wie Scheiber. „Body-Neutrality“ ist deshalb ihr Ansatz, „Have a body“ die Devise. „Er bewertet nicht, er bricht das Konzept Schönheit auf den Kern herunter: Funktionalität“, schreibt Jaqueline Scheiber. Das schließt auch Menschen mit Behinderungen mit ein.

Für sie sei Body-Positivity der „Anfang“ gewesen, habe ihr geholfen, Selbstbewusstsein aufzubauen. Aber letztendlich war das nicht genug. „Bis heute tut mir an manchen Tagen der eigene Anblick weh“, schreibt sie. Es reicht ihr, den eigenen Körper als Werkzeug zu akzeptieren, das einen durchs Leben bringt. Mit dem Druck, ihren Körper zu lieben, hat sie Schluss gemacht. Und immer mehr Menschen, vorwiegend junge Frauen, machen mit. Auf Instagram, berühmt-berüchtigt dafür, nur die schönen Seiten zu zeigen, schaffen sie einen Raum, in dem es um eine Beziehung zum Körper abseits der Schönheitsideale geht. Scheiber zeigt beispielsweise ihre Zähne, erzählt, dass in ihrer Jugend schlicht kein Geld für eine Zahnspange da war.

Der Übergang zwischen Body-Positivity und Body-Neutrality ist ein fließender. Schließlich ist Instagram ein visuelles Medium, und selbst wenn es egal ist, wie der Körper aussieht – die Fotos sollen trotzdem schön ausschauen. „Natürlich geh’ ich zum Friseur“, sagt Scheiber. „Ich habe Spaß dar­an, mein Äußeres zu verwenden, als Leinwand.“ Denkt man es zu Ende, bedeutet Body-Neutrality also, dass man sich nicht bemühen sollte, schön auszusehen? Scheiber schüttelt den Kopf. „Ich will, dass alles geht“, sagt sie.

„Es ist ein Widerspruch, aber den muss man aushalten“, sagt die Wiener Kulturwissenschaftlerin Elisabeth Lechner, die zu Schönheitsidealen geforscht hat und an einem Buch zum Thema schreibt. Nicht nur, weil es lustvoll und identitätsstiftend sein kann, sich schön zu machen, eine Praxis, die schließlich so alt ist wie die Menschheit selbst. Auch Lechner trägt gerne Lippenstift – aber aus einem weiteren Grund: „Man hat nicht immer die Wahl.“ Wer gut aussieht, hat es leichter im Leben, das belegen zahlreiche Studien. Ist das Gesicht symmetrisch, der Körper schlank, kommt man beispielsweise an bessere Jobs und höhere Gehälter. Umgekehrt wird Übergewicht mit Faulheit und Willensschwäche assoziiert, bei Frauen mehr als bei Männern. Lookismus ist der Fachbegriff für die Diskriminierung der Nichtschönen. Sich dagegenzustellen, diese Vorteile bewusst auszuschlagen, wer schafft das schon? „Man kann davon träumen, dass es irgendwann wurst ist“, sagt Lechner. Body-Neutrality ist eine radikale Utopie, die die totale Abkehr von der Schönheitsindustrie fordert.

Dieser Widerspruch ist nicht der einzige Gegenwind, den Verfechter von Body-Positivity und -Neutrality aushalten müssen. Die „Gesundheitskeule“ nennt Jaqueline Scheiber ein Argument, das sie nur zu gut kennt: Übergewicht sei schließlich ungesund, und Menschen wie Tess Holliday, die stark übergewichtige Körper zur Schau stellen, würden dazu beitragen, dass sich Menschen „gehen lassen“.

Doch die Wissenschaft beobachtet eher das Gegenteil: Vor allem junge Frauen lassen sich von den Bildern beeinflussen, was dazu führt, dass sie noch unzufriedener mit ihrem eigenen Körper sind; bis zu 90 Prozent kämpfen ohnehin schon damit. Auch bei Männern steigt der Druck. „Der Mainstream auf Instagram entspricht noch immer sehr den klassischen Idealen“, sagt Stanić. „Es ist ein ungesundes Verhältnis zum Frauenbild.“ Und selbst wenn die runden Körper zum Nachahmen verleiten würden, erzählt das nur die Hälfte der Geschichte: „Nur das Gewicht als Parameter dafür zu nehmen, ob jemand gesund oder ungesund ist, wäre zu einseitig“, sagt Christof Argeny, der das Wiener Kompetenzzentrum für Essstörungen Sowhat leitet. Und auch Georg Tentschert, Leiter des Adipositas-Zentrums im Barmherzige Schwestern Krankenhaus Wien, erklärt, man müsse zwischen „gesunden“ und „ungesunden“ Übergewichtigen unterscheiden. Wer zu lange zu stark übergewichtig ist, wird früher oder später mit gesundheitlichen Problemen zu kämpfen haben, weil Blutfett und Blutzucker erhöht sind, die Gelenke Schaden nehmen.

„Ich finde, zu einem gewissen Maße ist Gesundheit eine private Entscheidung“, sagt Scheiber. Dass sie als Jugendliche ständig auf ihr Äußeres reduziert wurde – eine Bekannte kommentierte, Scheibers Mutter solle am Kühlschrank ein Schloss anbringen, im Turnen wurde Scheiber immer als Letzte gewählt –, hat mehr geschadet als motiviert. Nach den Gründen für ihr Frust­essen fragte man sie zu spät, als das Essverhalten bereits außer Kontrolle war. Den Body-Neutrality- und Body-Positivity-Aktivistinnen geht es nicht darum, einen gesunden Körper zu propagieren. Sie bekämpfen die Diskriminierung, und zwar nicht nur jene, die von außen kommt, sondern auch die, die man längst internalisiert hat. In Scheibers Jugend waren ihr Körper, ihr Gewicht, die Diäten, die spitzen Kommentare der anderen ständig ein Thema, anstrengend und ablenkend. „Ich wollte mich nicht mehr dar­über definieren“, sagt Scheiber. Durch Therapie, Vorbilder und Nachdenken lernte sie, dass sie mehr ist als ihr Körper. Und dass das für sie bedeutet, ihn herzuzeigen.

Anna Goldenberg in Falter 41/2020 vom 09.10.2020 (S. 41)

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Produktdetails
Mehr Informationen
ISBN 9783218012379
Erscheinungsdatum 05.10.2020
Umfang 112 Seiten
Genre Sachbücher/Politik, Gesellschaft, Wirtschaft/Gesellschaft
Format Hardcover
Verlag Kremayr & Scheriau
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