Die Blumen der Engel

von Jutta Treiber

€ 17,95
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Verlag: Annette-Betz-Verlag
Genre: Kinderbuch
Umfang: 32
Erscheinungsdatum: 01.11.2008


Rezension aus FALTER 1-2/2019

„Die Geschichten liegen auf der Straße“

Eine literarische Würdigung anlässlich des 70. Geburtstages der burgenländischen Autorin Jutta Treiber

Um Jutta Treiber wird es nie ganz still: Lesungen, Fernseh- und Radioauftritte, ein neues Buch. Denn die Autorin für Kinder, Jugendliche und Erwachsene ist stets beschäftigt, nie ruhig. Gern gibt sie Einblick in ihr Schaffen: Eine lächelnde Frau öffnet die Tür zu ihrer Arbeits- und Wohnstätte, einem liebevoll renovierten alten Haus am Ende einer leicht hügeligen Seitenstraße im mittleren Burgenland.

Hier entstand und entsteht Treibers beachtliches Opus: bislang über 50 Kinder- und Jugendbücher. Romane für Erwachsene. Hörspiele, Kurzfilme, Kabarett, Lyrik und Übersetzungen. 3000 Lesungen ergänzen das reiche Schaffen. Jutta Treibers Texte wurden in 22 Sprachen übersetzt, ihr literarisches Werk vielfach ausgezeichnet. Insbesondere für ihre Kinder- und Jugendbücher hat sie längst alle namhaften Preise in Österreich erhalten – 2008 etwa den Würdigungspreis für ihr kinder- und jugendliterarisches Gesamtwerk. Gelobt und auch ausgezeichnet wurden da vor allem Treibers Realitätssinn und ihr Mut, auch vor schwierigen Themen nicht haltzumachen.

In dem Bilderbuch „Die Blumen der Engel“ etwa verliert Sonja bei einem Autounfall ihre jüngere Schwester: Wie geht die Familie mit diesem Schicksalsschlag um? Dass es da keinen schnellen Ausweg gibt, zeigen auch die bildgewaltigen Illustrationen von Maria Blazejovsky, die den klaren Text begleiten. Sonjas kindliche Art, Sterben und Endlichkeit begreifen zu wollen, hilft der Familie, wieder zusammenzufinden. Das Abschlussbild ist freundlich-optimistisch: Niemand bleibt mit seiner Trauer allein, lautet die Botschaft.

Treiber ist Mutter zweier Kinder. Sie war Lehrerin in einem Gymnasium und Kinobesitzerin. Zum Schreiben kam sie erst spät: Ihr erstes Buch erschien 1979.

Um den Wert von Erziehung weiß Jutta Treiber. Ja, sie sei „gerne“ Lehrerin gewesen, sagt sie – obwohl sie nach 16 Jahren den Lehrberuf aufgab.

Ihre eigene Schulzeit war belastend. „Durch einen ultrakonservativen Kaplan in der Volksschulzeit“ habe sie die Unsinnigkeit schwarzer Pädagogik erfahren: „Er erweckte in uns Kindern starke Schuldgefühle, seine Erzählungen vom Fegefeuer waren so drastisch, dass ich Albträume hatte.“

Jutta Treibers kindliche Helden treffen dagegen meist auf weltoffene Erwachsene, Helferfiguren wie Lehrer, die Möglichkeiten aufzeigen, ohne Entscheidungen vorwegzunehmen. In „Der blaue See ist heute grün“ (1995) beweist Treiber ihr Sensorium für Probleme junger Frauen, wenn sie die Geschichte einer schwangeren Schülerin erzählt. In „Vergewaltigt“ (2003) nimmt eine Siebzehnjährige ihr Schicksal in die Hand – und schafft es, neuen Lebensmut zu gewinnen.

Damit steht Jutta Treiber in einer Traditionslinie der österreichischen Jugendliteratur, die seit Mira Lobe allgegenwärtig ist. „Selbstverständlich haben sie mein Schreiben beeinflusst“, verweist Treiber auf Christine Nöstlinger, Käthe Recheis und Renate Welsh.

Treibers Sprache ist von schnörkelloser Klarheit. Dies zeigt auch das von der Kritik vielgelobte Bilderbuch „Die Wörter fliegen“, in dem Demenz thematisiert wird. Pias frühkindliche Sprachentwicklung ist vor allem durch den Wortschatz ihrer Großmutter geprägt: „Die Wörter fliegen von Oma zu Pia.“ Egal, ob Treiber über das Kinosterben („Popcorn zum Frühstück“, 1988), Geschwisterkonstellationen („Das Dazwischenkind“, 1992), Lärm („O, sagt der Ohrwurm“, 1997) oder Krankheit und Verlust geliebter Menschen („Der Großvater im rostroten Ohrensessel“, 2006) schreibt, oft spielt das Burgenland eine Rolle: „Die pannonische Landschaft hat mich geprägt. Meine Heimat beginnt östlich des Semmerings.“ Dennoch blickt sie manchmal sehnsuchtsvoll nach Wien, das sich in den letzten Jahren „sehr positiv“ entwickelt habe. Ihren Heimatort sieht sie kritischer: „Oberpullendorf war eine pulsierende Kleinstadt. Leider ist hier jene Entwicklung eingetreten, die man in vielen Kleinstädten beklagen muss: Leerstand. Die Leute kaufen in den unsäglichen Einkaufszentren. Kulturelle Eigeninitiativen werden mangels Besucherinteresse wieder aufgegeben.“

Inspiration, sagt die Schriftstellerin, finde sie überall. Bei Gesprächen mit Nachbarn und Freundinnen genauso wie durch Beobachtungen im Alltag: „Die Geschichten liegen auf der Straße.“

Was aber bedeutet Ruhm für jemanden, der so viele Erfolge feiern durfte? In der Textsammlung „Fleckerlteppich“ (2008) findet sich der humorvolle Vergleich zu Shakespeare, dem „Mount Everest der Literatur“, dem Treiber „den Geschriebenstein, ihren burgenländischen Hausberg“, entgegensetzt.

Wie so oft bei Treiber geht es hinter den zum Schmunzeln anregenden Zeilen sehr deutlich um Vergänglichkeit. So ist der Tod ein Thema, dem sich die Autorin immer wieder annähert, auch in ihrem jüngsten Roman „Halt den Mund, sagte Mutter und dann starb sie“ (2018). Die Einfachheit, die die Schriftstellerin in mehreren Genres meisterhaft beherrscht, erscheint hier anders: „Plots interessieren mich nicht“, steht gleich zu Romanbeginn. Spannend sind die intertextuellen Verweise, die Bezüge zu anderen Literaten und auf das eigene Werk: So erfährt der Leser ganz beiläufig die ergreifende Entstehungsgeschichte von „Die Blumen der Engel“.

Doch wer tiefer in das Universum und die Bilderwelt Treibers eintauchen möchte, tut gut daran, selbst nachzuforschen und zum (Wieder-)Entdecker zu werden.

Georg Huemer in FALTER 1-2/2019 vom 11.01.2019 (S. 39)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Halt den Mund, sagte Mutter und dann starb sie (Jutta Treiber)
Die Wörter fliegen (Jutta Treiber)

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