Rohübersetzung
Mondscheiniges über die Liebe

von Julian Schutting

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Styria
Erscheinungsdatum: 01.01.1999

Rezension aus FALTER 12/1999

Hochstimmungsspassettln

Bei der "Rohübersetzung" des Lebens und Liebens in Sprache geht Julian Schutting diesmal sehr weit: Die Sprachmaschine arbeitet auf vollen Touren, aber der Anlaß ist verlorengegangen.
Wieder einmal setzt Julian Schutting sein Lieblingsfühlthema, die Liebe, seinem Lieblingsdenkthema, der Sprache, aus. Sein neues Buch spielt in zwei langen Gedichten (54 bzw. 49 Seiten) die Sprache der Liebe in allen Facetten mit allen Kräften durch.
"Rohübersetzung" ist szenisch gedacht: Ein Mann und eine Frau lesen einander aus einem Manuskript einen Liebestext vor und werden im Lesen allmählich selbst zu den Liebenden des Texts.
"Rohübersetzung" ist andererseits ein sehr treffender Ausdruck für das, was die Sprache mit ihrem Gegenstand bestenfalls zu machen imstande ist: am "Original" (dem Leben) mit verstiegenen, klischierten, ratlosen, couragierten, banalen, alten und neuen Wortern herumfingern. Die Liebe bedeutet nicht nur einen Hochststand der Seele, an dem sich die ganze Exaltiertheit und Subtilität der Sprache versuchen kann, sondern auch ein banales biologisches und psychologisches Phänomen ("das und dergleichen mehr an Hoch- / stimmungsspassettln sei nur ein Teil des neuro- / chemischen Feuerwerks, das sich, / kaum daß die zwei Richtigen zusammentreffen, / im Gehirn entfache und Herz und Lungen / zu Mitleidenschaft anstifte"), an dem sich das Vokabular der Wissenschaft ebenso wie das des Kitschs versuchen darf.
Vor allem aber erfahren wir über die Liebe, daß sie unendlich viele Worte auslost. Man kann die meisten Schutting-Texte nicht einfach lesen, um zu erfahren, was er über ein Thema sagt; man muß zumindest ebensoviel Interesse daran aufbringen, wie dieses Sagen funktioniert. Schuttings forcierter und exklusiver Einsatz der Worte rückt die Sprache vor ihren Gegenstand. Entsprechend rücksichtslos ist Schuttings Dichtung, weil sie sich alle Gefälligkeiten der Alltagssprache versagt bzw. weil der konsequente Umgang der Sprache mit sich selbst den Umgang mit dem Leser vernachlässigt. Aus der unerbittlichen Genauigkeit beziehen Schuttings Syntax und Metaphern sowohl ihre Sprodigkeit als auch ihre Poetizität.
Zwischen "Original" und "Übersetzung" klafft eine unüberbrückbare Distanz. Schutting betont diese Distanz durchgehend: durch ironischen und spielerischen Sprachgebrauch, durch den Konjunktiv der indirekten Rede, durch Brechung von Sprachgewohnheiten und den Wechsel der Sprachebenen, durch eingestreute Übersetzerkommentare. Manchmal scheint es, als ob einer, der der Liebesworte so mächtig wie bedürftig ist, sich ihrer (und der Liebe selbst?) durch moglichst ausgiebigen und allseitigen Gebrauch zu erwehren trachtet.
Im zweiten Teil, "Lokalaugenschein", führt ein Dichter einen "Scheindialog" mit einer berühmten Sängerin, die er in einem Hutgeschäft anzusprechen Gelegenheit hatte.
Schutting wirft seine Sprachmaschine erneut an, aber es ist eine Maschine, deren Sinn sich immer mehr in ihrer schieren Funktionstüchtigkeit erschopft. Der Anlaß ist geringfügig, der Aufwand aber enorm und braucht den Anlaß kaum. Es ist, wie wenn die Rede nach verbrauchtem Anlaß weiterrauschte, mehr, um zu tonen als zu meinen; kaum mehr, um "ich" zu sagen, sondern um sich an (galanten?) Sprechweisen "gütlich zu tun" (Vorwort). "Indem Sie sich zu der Geträumten machen, / mittels Überreichung des / ihn-mich herbeischworungshalber / für vorderhand Halb-unbekannt / gekauften Fischer- oder Gärtnerhutes!"
Schuttings strenge Sprachkunst leistet hier nicht, was sie sonst oft geleistet hat: durch präzise Sprachführung ungewohnte Einsichten in die Wirklichkeit und eine ungewohnt luzide ästhetik zu entwickeln.

Helmut Gollner in FALTER 12/1999 vom 26.03.1999 (S. 11)


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