Franz Fuchs - Doch kein Einzeltäter?

von Hans Christian Scheid

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Styria
Erscheinungsdatum: 01.01.2001

Rezension aus FALTER 42/2001

Ein neues Buch stellt die Einzeltäterthese im "Fall Fuchs" massiv infrage. Im "Falter" erklärt der Autor, wieso das Innenministerium den Fall noch nicht zu den Akten legen darf.


Das Buch "Franz Fuchs - Doch kein Einzeltäter?" war noch nicht einmal in den Buchhandlungen, wurde es schon von verschiedenen Seiten heftig kritisiert. Ein Staatsanwalt meinte zu einer Bekannten: "O je, da kommt schon wieder ein Schwachsinniger mit einer Verschwörungstheorie daher." Aus dem Innenministerium tönte es: "Fuchs war ein Einzeltäter!" Und der frühere Generaldirektor für die öffentliche Sicherheit, Michael Sika, meinte nur: "Der Kriminalfall ist abgeschlossen. Kein Beamter wird wegen eines Buches noch einmal einen Finger rühren."

Die nächsten Wochen und Monate werden zeigen, wie groß die Bereitschaft in Österreich ist, sich noch einmal mit dem "Fall Fuchs" auseinander zu setzen. Denn die Aufklärung des schwersten politischen Verbrechens der Zweiten Republik ist voll von Ungereimtheiten, Merkwürdigkeiten, Widersprüchen und unbeantworteten Fragen. Es macht einen großen Unterschied, ob die ominöse "Salzburger Eidgenossenschaft - Bajuwarische Befreiungsarmee" (BBA) dem Hirn eines einzelnen, kranken Mannes entsprungen ist oder ob sich dahinter vielleicht doch eine verschworene Tätergruppe verschanzt.

Michael Sika schreibt in seinem im Vorjahr erschienenen Buch "Mein Protokoll": "Franz Fuchs hatte zwar nie gestanden, Einzeltäter und Schöpfer der BBA zu sein, in seinen Einvernahmen aber zweifelsfrei bewiesen, dass er in allen Bereichen über das nötige Wissen und die erforderliche Sachkenntnis verfügte."

Eine neuerliche Untersuchung des Aktes legt das Gegenteil nahe: Franz Fuchs hatte zwar ein bestimmtes Maß an Wissen, doch aus den Vernehmungsprotokollen kann man sicher nicht all die Fähigkeiten herauslesen, die ein Einzeltäter gehabt haben müsste, um dieses schwerwiegende und aufwendige Verbrechen alleine durchzuziehen. Zweifelsfrei kann dieser Franz Fuchs kein Einzeltäter gewesen sein.

Vor allem die Bekennerschreiben der BBA stellen Sikas These infrage: Hier wird ein Insiderwissen dargelegt, das in weiten Teilen Franz Fuchs logisch nicht zuordenbar ist. Vor allem die in den Briefen zitierten behördeninternen Vorgänge kann der Einzelgänger Fuchs nicht gewusst haben. Es handelt sich um ein Wissen, das sicher nicht aus Medien ableitbar war.

Auch sprachlich kann man Franz Fuchs, dem Einsiedler von Gralla, die Erstellung dieser Schreiben nicht zutrauen. Sein früherer Arbeitgeber meinte, er habe seinerzeit sämtliche Geschäftsbriefe des Franz Fuchs überarbeiten müssen, weil sie sprachlich mangelhaft gewesen seien. Der Wiener Sprachwissenschaftler Günther Lipold sprach nach einer Analyse der BBA-Bekennerschreiben von mehreren Autoren. Franz Fuchs selbst ist es, der in den Vernehmungen vor dem Untersuchungsrichter stets betont hat, er habe die Bekennerschreiben nicht verfasst.

Wer das Leben von Franz Fuchs analysiert, dem fällt auf, dass Franz Fuchs an Politik wenig Interesse gezeigt hat. Die Ermittler konnten keine Teilnahme von Fuchs an irgendeiner politischen Versammlung feststellen. Selbst politische Aussagen von Fuchs vor dessen Verhaftung sind nicht bekannt. Wie kann der politisch desinteressierte Mann über Nacht und vollkommen im Stillen, in der Abgeschiedenheit einer winzigen Wohnung im Haus seiner Eltern in Gralla zum hoch politischen Bombenterroristen geworden sein?

Die Zeitschrift profil notierte nach einer Analyse der Vernehmungsprotokolle: "Wird über Politik gesprochen, zeigt sich Fuchs phrasenhaft und flach. Man bekommt bei der Lektüre den Eindruck, das sei zwar durchaus ein Mann mit ein paar ausländerfeindlichen und anderen rechten Ideen, aber tiefe Emotionen und intellektuelle Durchdringung fehlten dabei. Wo aber nahm der Mann aus der Südsteiermark dann die Motivation, die Stärke und Energie her, über Jahre hinweg dieses komplizierte Monsterunternehmen BBA-Terror durchzuziehen und damit ganz Österreich in den Bann zu schlagen?"



Die BBA-Bekennerschreiben zeigen einen geradezu spielerischen Umgang mit Wissen über die rechtsextreme Szene in Österreich. Der Verfasser der Schreiben muss sich mit einschlägigen rechten Schriften befasst haben. Selbst wenn man in Rechnung stellt, dass die Deutschtümelei in den Bekennerschreiben nur vorgetäuscht ist, muss man dazu profunde Kenntnisse haben. Aber bei Franz Fuchs konnte kein einziger Anhaltspunkt für Kontakte mit dem rechtsextremen Lager gefunden werden. Es gab keinen einzigen Hinweis, dass er sich jemals mit rechten Publikationen befasst hatte. Bei den fingierten Absenderadressen einiger Briefbomben fällt die spielerische Leidenschaft auf, Bezüge zur rechten Szene herzustellen. Woher soll Franz Fuchs ein derartiges Wissen genommen haben? Ein Mann, Einsiedler - ohne Kontakte, ohne politisches Interesse, ohne besondere erkennbare Neugierde, mit wenig Lesefreude, mit keinen Abonnements von Tages- oder Wochenzeitungen, schon gar nicht von rechten Publikationen.

Ganz nachdenklich wird man im Falle der BBA-Bekennerschreiben, wenn es darum geht, bestimmten Inhalten, bestimmten Zitaten auf die Spur zu kommen. Ins Auge sticht dabei die seltsame Auseinandersetzung der BBA mit der Ermittlungsarbeit des Innenministeriums in dem Terrorfall. Der frühere Innenminister Caspar Einem hat im Oktober 1995 eingeräumt, dass die Attentäter, wie er damals sagte, vertrauliche Informationen direkt aus dem Ermittlungsapparat beziehen könnten. Einem sagte im profil-Interview im Oktober 1995 wörtlich: "Es gibt Hinweise, dass die Täter Kenntnis von bestimmten Papieren haben, die es bei uns im Haus gibt." Ein Kronzeuge für eine derartige Feststellung ist bis zum heutigen Tag der Salzburger Historiker und Universitätsprofessor Heinz Dopsch. Er ist überzeugt, dass die BBA Kenntnis von einem Gutachten hatte, das er im März 1995 für die Briefbombensonderkommission erstellte. Der Professor erkennt in einem späteren BBA-Bekennerschreiben die Einbeziehung seines nie veröffentlichten, somit geheimen Gutachtens, in die Ergüsse der BBA. Ja, die BBA habe, wie der Professor meint, aufgrund seines Gutachtens sogar Korrekturen in ihrem späteren Schreiben vorgenommen. Der Verteidiger von Franz Fuchs, Gerald Ruhri, wollte den Universitätsprofessor als Zeugen vor Gericht laden. Doch der Richtersenat lehnte dies ab.

Ein weiteres Beispiel: Die BBA erlaubt sich in einer Provokation, einen bestimmten Gutachter zur Analyse ihrer Bomben zu empfehlen, "weil dieser schließlich wisse, wie man kostengünstig zu Ergebnissen komme". Tatsächlich soll einige Zeit, bevor die BBA dies schrieb, im Innenministerium der Gutachter als kostengünstiger gegenüber vergleichbaren Kollegen eingestuft worden sein. Dieses Detail war aber nirgends publiziert worden. Woher wusste die BBA, und erst recht Franz Fuchs, davon?



Es sind nicht nur die Inhalte der Bekennerschreiben, die eine Fülle von unbeantworteten Fragen aufwerfen. Wo sind denn die Schreibgeräte verblieben, mit denen die Schreiben verfasst worden sind? Auch wurde niemals jenes Labor gefunden, in dem die Bomben hergestellt worden sind. Dass Franz Fuchs die Bomben tatsächlich zu Hause hergestellt hat, blieb höchst fragwürdig: Gutachter wunderten sich, dass in der Wohnung nicht ein einziger Säurespritzer gefunden worden ist. Genauso rätselhaft ist, wie Franz Fuchs mit seiner Sehschwäche überhaupt in der Lage gewesen sein konnte, die mikrosensorischen Fähigkeiten für die BBA-Bomben aufzubringen. Ein Augenarzt durfte beim Grazer Fuchs-Prozess zu dieser Frage nicht aussagen. Ungeklärt ist auch das teilweise höchst merkwürdige Parallelgeschehen zum BBA-Terror: Da gab es seltsame Morddrohungen gegen Politiker, Einbrüche, den Fall Ebergassing und auch eine mysteriöse Brief- und Buchbombenserie von Österreich aus nach Rumänien.

Beim Grazer Fuchs-Prozess im Jahr 1998 wurde nichts getan, diesen Ungereimtheiten auf die Spur zu kommen. Als Fuchs-Verteidiger Gerald Ruhri und ich in der Vorwoche bei der Präsentation meines Buches neuerlich auf den Umstand dieser bis heute erklärungsbedürftigen Zitate hinwiesen und die Frage der nicht nachvollziehbaren Informationsflüsse thematisierten, heimsten wir uns via Tageszeitung Die Presse einen Rüffel von Chefinspektor Robert Sturm von der Einsatzgruppe zur Bekämpfung des Terrorismus ein. Sturm bezeichnete unsere Äußerungen als "lachhaft" und einen "Wahnsinn".

Hier würde ich doch bitten, sachlich zu bleiben und vor allem das Buch und die dort dargestellte Faktenlage nüchtern und ohne Emotionen zu beurteilen. Selbstverständlich müsste das Innenministerium jedem einzelnen im Buch angesprochenen rätselhaften Detail auf die Spur gehen. Bisherige Äußerungen aus dem Ministerium, all die behördeninternen Details seien vor deren Erscheinen in den BBA-Schreiben längst irgendwo publiziert gewesen, werden nicht überzeugender, indem man sie immer wieder wiederholt.

Vieles spricht dafür, dass Franz Fuchs nur das Bauernopfer war. Er kann nie und nimmer die Rolle des Einzeltäters gespielt haben, die ihm von großen Teilen der Polizei, Justiz und der Medien zugedacht wurde. Er selbst bezeichnete sich stets als untergeordnetes Mitglied der BBA. Kurz vor seinem Tod schien Fuchs gesprächiger. Einem Mithäftling gegenüber äußerte er sich dahingehend, dass hinter dem Fall mehr stecke und er sich nur geopfert hätte.

Nach der Fuchs-Verhaftung sind weitere ominöse Schreiben mit dem Logo der BBA aufgetaucht. 1998 wurde eine Briefbombe an das Landesgendarmeriekommando der Steiermark geschickt. Kann das Innenministerium wirklich einen Zusammenhang mit dem BBA-Terror dezidiert ausschließen?

Michael Sika hat jüngst gegenüber dem Kurier erklärt, seit Fuchs in Haft war, habe sich die BBA in Luft aufgelöst. Hat er in seiner Argumentation vielleicht etwas übersehen?

Hans Christian Scheid in FALTER 42/2001 vom 19.10.2001 (S. 13)


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