Gestürmte Festung Europa
Einwanderung zwischen Stacheldraht und Ghetto. Das Schwarzbuch

von Corinna Milborn

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Verlag: Styria
Erscheinungsdatum: 01.01.2006


Rezension aus FALTER 21/2013

Immer nach oben

Während ihrer Schwangerschaft wurde Corinna Milborn zur Puls4-Infodirektorin befördert. Die Geschichte einer steilen Karriere

Wenn Corinna Milborn von ihrer Zeit als Menschenrechtsbeo­bachterin in Guatemala erzählt, dann klingt alles sehr sachlich: das Exhumieren der Toten, die aufs Konto des guatemaltekischen Ex-Diktators Efraín Ríos Montt gehen. Das Befragen der traumatisierten Opfer, die die Massaker überlebten. Die Schüsse, die nachts durch den Wald pfiffen, und die Spitzel, die sie damals beschatteten.
Sie, die junge Studentin, die vorgab, bloß einen Sprachkurs zu machen, aber in Wirklichkeit für die guatemaltekische Exilopposition Bericht an die UN und die EU erstattete. Vier Tage brauchte man damals von den Bergen in die Stadt, um die Briefe abschicken zu können. Vor knapp zwei Wochen wurde Ex-Diktator Montt schließlich zu 80 Jahren Haft verurteilt. "Die Zeugenaussagen, die ich damals mit vielen anderen gesammelt habe, waren die Grundlage für den Prozess", sagt Milborn.
Mitte Mai 2013. Milborn sitzt in einem friedlichen Gastgarten im Wiener Medienzentrum St. Marx, nur wenige Schritte weiter wird gerade ein Interview für "Guten Abend Österreich" aufgezeichnet, eine Nachrichtensendung des Privatsenders Puls 4. Seit September arbeitet Milborn dort, vor wenigen Tagen bestellte sie Puls4-Chef Markus Breitenecker zur neuen Infodirektorin. Milborn leitet nun die Nachrichtenformate "Guten Abend Österreich", "Café Puls", die "Austria News" und die Polit-Talks. Ihr Aufstieg war höchst ungewöhnlich: Breitenecker hat Milborn befördert,
als sie im fünften Monat schwanger war. "Das ist eine individuelle Lösung, um Corinnas journalistische Kompetenz bei
uns zu halten – trotz Babypause", sagt
Breitenecker. Mehr Hintergrundberichte soll es künftig geben, sagt Milborn, die
Zuseher sollen stärker als bisher eingebunden werden. Puls 4 soll eine starke Informationsquelle werden, eine Alternative zu den Nachrichtensendungen im ORF. Dass Milborn jetzt am Ruder sitzt, ist der Höhe­punkt ihrer steilen Karriere.

Der Grundstein dafür wurde früh gelegt: Milborn, Jahrgang 1972, wuchs als ältestes von drei Kindern in Innsbruck auf, der Vater Landvermesser, die Mutter Volksschullehrerin. Als Kind besuchte sie regelmäßig ihre Oma, die sich ihren Traum verwirklicht hatte und ans Meer gezogen war – nach Mortola, einem kleinen Ort an der italienisch-französischen Grenze. Mit den wenigen Knirpsen im Dorf ging sie in den Kindergarten, und als die Kinder in die Schule wechselten, ging sie mit ihnen mit – da war Milborn gerade einmal fünf Jahre alt. Als sie in Innsbruck schulpflichtig wurde, konnte sie bereits lesen, schreiben und beherrschte drei Sprachen. Heute sind es mit Englisch und Spanisch fünf, daneben Chinesisch und Russisch auf Small-Talk-Niveau.
"Ich bin an verschiedenen Orten aufgewachsen, deshalb fehlt mir jeglicher Sinn für Nationalismus", sagt Milborn. "Weil ich mich stark mit Migration beschäftige, versuche ich zu verstehen, woher die Ängste der Leute kommen. Aber emotional versteh ich es nicht." Schon in der Schule machte sie sich für rumänische Flüchtlinge in Innsbruck stark, gemeinsam mit Schulkollegen demonstrierte sie für die Flüchtlinge mit selbstgemalten Plakaten. Als die Landesdirektorenkonferenz in ihrer Schule zusammentrat, befahl der Direktor, die Plakate wieder abzunehmen. Die Schule sei kein Ort für politische Äußerungen. "Das war das erste Mal, wo ich ein Problem produziert habe", sagt Milborn.

Das Thema Gerechtigkeit hat sie nie losgelassen. In Wien und im spanischen Granada studierte sie Entwicklungspolitik, Geschichte und Politikwissenschaften, die Reise nach Guatemala trat sie auf eigene Kosten an, im letzten Jahr des Bürgerkriegs. Es sei darum gegangen, Präsenz zu zeigen, sagt Milborn. "Das Militär hat behauptet, es gäbe keine Zivilbevölkerung in den Dörfern der Guerilla und hat sie bombardiert." Erst als Europäer und Amerikaner auftauchten, fielen keine Bomben mehr auf die Dörfer, "denn es hätte Aufsehen erregt, wenn jemand von uns gestorben wäre. Diese Form des lebenden Schutzschilds war extrem wirkungsvoll."
Erst als ein Agent Milborn in ihrer Pension aufsuchte, aus seiner Jacke eine Pistole und eine Packung Kokain zog, war klar, dass Milborns Sprachkurs-Geschichte niemand mehr glaubte. "Er hat gesagt: ‚Wenn man das bei Ihnen findet, holt Sie die Polizei nicht mehr raus.'" Milborn reiste ab.
Guatemala brachte ihr die ersten wichtigen Veröffentlichungen, in mehreren Büchern schrieb sie über die bedrohte Minderheit und die Militärdiktatur.
Milborn blieb dem sozialen Engagement treu, Ende der 1990er-Jahre holt der WWF sie ins internationale "Trade & Investment Team", um für die Umwelt zu lobbyieren. Ihr tägliches Brot: sperrige Themen, komplizierte Institutionen. Multilaterales Investitionsabkommen. Internationale Wirtschaftspolitik. Die Vereinten Nationen. Die Welthandelsorganisation. Die Europäische Union. Nebenbei betreute sie noch die Pressearbeit der Organisation, schrieb über bedrohte Bären und Flüsse.
Irgendwann verlor der Job seinen Reiz, "in der Pressesprecherrolle habe ich mich nie wohlgefühlt". Milborn sattelte um, machte die Journalistenausbildung und landete bald darauf im Wirtschaftsmagazin Format. "Sie hat für den Österreichischen Journalisten eine Geschichte über das Format geschrieben, das damals ziemlich in der Kritik gestanden ist", erzählt Format-Chefredakteur Andreas Weber, "aber im Gegensatz zu anderen Geschichten war ihre sehr fair, abwägend und gut geschrieben." Wenig später saß Milborn in der Redaktion. Er könne nur das Beste über Milborn sagen, sagt Weber. "Sie ist weltanschaulich eher links zu Hause. Aber sie hat bei den Geschichten immer genau unterschieden zwischen persönlicher Meinung und der journalistischen Sache."

Politisch ist Milborn immer geblieben. Fünf Jahre lang leitete sie die Liga – die Zeitschrift für Menschenrechte. Und als die Vorstädte in Paris brannten und afrikanische Flüchtlinge an den Grenzzäunen Europas ihr Leben ließen, zog sie auf eigene Faust los, um zu recherchieren. Am Ende hatte sie mit "Gestürmte Festung Europa" einen preisgekrönten Bestseller über die verfehlte Einwanderungspolitik geschrieben. Nur ein Jahr später erschien der nächste Bestseller: "Ware Frau", ein aufrüttelndes Buch über den Frauenhandel. Nicht auf jedem Werk, das die Journalistin verfasste, prangt ihr Name. So stammt etwa auch Natascha Kampuschs Autobiografie "3096 Tage" zum Teil aus Milborns Feder. Und für den kapitalismuskritischen Film "Let's Make Money" übernahm sie den Hauptteil der Recherche.
"Sie setzt sich sehr für Leute ein und hat eine extrem hohe soziale Kompetenz", sagt Peter Pelinka, Herausgeber des Magazins News. "Corinna war damals meine Bedingung, dass ich zu News komme." 2010 wechselten die beiden von Format zu News, er als Chefredakteur, sie als seine Stellvertreterin. Sie traten an, um die Qualität des Boulevardblatts zu heben. Aber Milborn hielt es nicht lange dort. Die Geschäftsführer wechselten ständig, im Vorjahr sah sie keine Perspektive mehr und verließ den News-Verlag.
Es ist ein sonderbares Phänomen, aber wer über Milborn spricht, der verliert über sie kein böses Wort. Lorenz Gallmetzer, der im ORF die Diskussionssendung "Club 2" leitete und mehr Junge und Frauen ins Moderatorenteam reklamierte, holte Milborn 2007 an Bord und schwärmt noch heute von ihrer Expertise und ihrem breiten Wissen. "Ihre Diskussionen waren am wenigsten spektakulär, aber sie haben am meisten gebracht", sagt Gallmetzer, "und sie hat keinerlei Primadonnenallüren. Das ist im Fernsehen nicht ganz so üblich."
Jetzt macht Milborn ihr eigenes Fernsehen. Mit Baby. Dass eine Karriere mit Kind möglich ist, hat sie bereits vorgezeigt. Ihre erste Tochter ist 13 Jahre alt. Das Geheimrezept: "Halbe-halbe! Wir haben uns die Kinderbetreuung aufgeteilt."

Benedikt Narodoslawsky in FALTER 21/2013 vom 24.05.2013 (S. 19)



Rezension aus FALTER 20/2006

Angeschwemmte Leichen

Die Journalistin Corinna Milborn beschreibt in einer eindrucksvollen Großreportage die Abschottung Europas gegen Flüchtlinge.

Badeurlaub am Mittelmeer kann heutzutage mit einem gewissen Unbill verbunden sein: Gut möglich, dass morgens am Strand die angeschwemmte Leiche eines Afrikaners herumliegt. Bisweilen treiben Schlauchboote vorbei, in denen Verdurstete liegen. Oder es kommt ein überladener rostiger Kutter daher, der seine halbverhungerte menschliche Fracht glatt an der Küste absetzen würde, triebe ihn die italienische Marine nicht wieder aufs Meer zurück. Laut offiziellen Zahlen sind in den vergangenen zehn Jahren 6366 Menschen beim Versuch umgekommen, nach Europa einzuwandern - neunzig Prozent auf See. Das Rote Kreuz schätzt, dass nur jeder dritte Tote gefunden wird, man geht von 20.000 Toten seit Mitte der Neunziger aus.

Man weiß das alles - irgendwie. Und man weiß es irgendwie auch nicht. Der Horror bleibt im toten Winkel, die Verzweifelten, die sich etwa beim Versuch, die Stacheldrahtverhaue um die spanischen Afrika-Exklaven Ceuta und Melila zu überklettern, ganze Fleischstücke aus den Armen reißen, werden vielleicht für ein paar TV-Sekunden in die Wohnzimmer gezoomt. Was das Abschottungsregime Europas aber tatsächlich bedeutet - das bleibt, buchstäblich, auf Abstand.

Deswegen kann das Buch "Gestürmte Festung Europa" der Wiener Reporterin Corinna Milborn, das dieser Tage im Styria-Verlag erschien, gar nicht genug gepriesen werden. Wahrscheinlich ist es im Genre politisches Sachbuch schon das Buch des Jahres. Milborn, im Brotberuf bei Format tätig, nebenbei auch noch Chefredakteurin der Zeitschrift der Liga für Menschenrechte, war einfach überall: In Ceuta am Zaun, in Marokko in den Wäldern, wo sich die sammeln, die über den Zaun wollen, an der marokkanischen Mittelmeerküste, wo Schlepper vierzig, fünfzig Auswanderwillige in wackelige Kähne pferchen, in den Slums, wo sich die Illegalen konzentrieren - aber auch in den großen Landwirtschaftsbetrieben Spaniens, wo die illegalen Afrikaner als Erntehelfer arbeiten, und in den Küchen schicker Wiener Innenstadtrestaurants, in denen sie Teller abwaschen. Und dort, wo, den äußeren Grenzen nachgeordnet, die inneren Grenzen hochgezogen sind: in den Einwandererghettos "Londonistans", wo ein rabiater Islamismus grassiert, und in den Pariser Banlieues, als dort das Gemisch aus Zukunftslosigkeit, Langeweile und Unterprivilegierung explodierte. Mit Milborn unterwegs: Der Fotograf Reiner Riedler, dessen grandiose Fotos das Buch komplettieren.

Dieses Buch ist eine Anklage - und das ohne in Multikultiromantik oder "Alle Grenzen auf!"-Pathos zu verfallen. Es beschreibt, welchen Preis Europa für seine Abschottungspolitik bezahlt. Der Umstand, dass es heute praktisch unmöglich ist, legal zu Arbeitszwecken Europa zu erreichen, führt ja nicht dazu, dass niemand nach Europa kommt - sondern dazu, dass die Einwanderungswilligen entwürdigende, mühsame, zunehmend lebensgefährliche Kanäle nutzen müssen, um hereinzukommen. Um wenigstens ein paar Migranten abzuhalten, werden die Mauern höher gezogen, raffinierte Überwachungssysteme installiert, Zäune mit automatischer Tränengasanlage erfunden. "Europa", konstatiert Milborn, "nimmt für die Bekämpfung der Flüchtlinge den Bruch der eigenen Werte, der Menschenrechte und der Genfer Flüchtlingskonvention in Kauf."

Das ist umso grotesker, als das Gros derer, die es schaffen, sofort in der Schattenwirtschaft Beschäftigung findet: Kinderbetreuung, Altenpflege, Landwirtschaft, Bau - nichts ginge ohne die Illegalen. Geschätzte 1,2 Millionen, sind in Deutschland tätig, 500.000 in Österreich, zwei Millionen in Italien. Als Spanien denjenigen Illegalen die Legalisierung anbot, die seit mehreren Jahren ordentlich gemeldet (!) waren und einen regulären Arbeitsvertrag besaßen, meldeten sich 700.000.

Wer es schafft, kriegt in wenigen Tagen einen Job - schlecht bezahlt, ohne Rechte, aber immerhin einen Job. Weil das bekannt ist, wird der Strom nicht abreißen. Unfassbar, was die Menschen in Kauf nehmen, um die Mauern zu überwinden. Bei Milborn kann man es nachlesen. Weil die Betroffenen selbst zu Wort kommen, erfahren wir etwas über ihre Sehnsüchte und was sie von uns halten, die wir sie behandeln, als wären sie wilde Tiere, die man vom Hof scheuchen muss.

Man sagt, schließt Milborn, die Immigranten könnten sich europäischen Werten nicht anpassen. Aber was sind diese Werte? Das, was außer Kraft gesetzt wird, wenn Einwanderer davon betroffen sind.

Robert Misik in FALTER 20/2006 vom 19.05.2006 (S. 18)


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